Die genital bewusste Gesellschaft

In der Gesellschaft globaler Narzissten wird ein schamloser Aufwand betrieben, um die Scham zu beschönigen. Das geringe Selbstwertgefühl strebt nach Bewunderung.

Wer lang hat, lässt lang hängen“, hieß es einst, und jeder dachte sich dann sein Teil. Weil man sich heute weniger denkt und dafür mehr zeigt, ist nun die Hodensack-Straffung im Trend. Und nicht nur die: Im Intimbereich ist es inzwischen durchaus gängig, Teile an- oder aboperieren zu lassen, von denen man bis vor kurzem noch gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Schamlippenstraffen, Penis verlängern oder verdicken, Jungfernhäutchen zunähen, Fettabsaugen am Venushügel – alles ist drin und schon für wenige Tausend Euro zu haben. Letzteres pro OP versteht sich.

Nachdem hier erst kürzlich über die fragwürdigen Motivationen bei „normalen“ Schönheitsoperationen, also denen im sichtbaren Bereich, nachgedacht wurde , stellt sich nun die Frage, was diese Schnippelei an der eigenen Existenz mit der damals vermuteten sozialen Konkurrenz und überzogenem Karrieredenken zu tun haben könnte. Eher gar nichts, denn da diese Konkurrenz in der Regel nicht beim monatlichen Saunabesuch, unter der Bettdecke oder beim Arzt stattfindet, steht ernsthaft zu vermuten, dass es sich bei diesen Trend um eine kollektive narzisstische Persönlichkeitsstörung handelt.

Vom Psychologen ein Alibi-Okay

Für 3 bis 7000 Euro kann man sich den Penis um 1-3 Zentimeter verlängern lassen, ganz nach dem umgekehrt proportionalen Verhältnis von Brieftasche und Arztvertrauen. Mittlerweile liegen Penisvergrößerungen schon auf dem siebten Platz der schönheitschirurgischen Eingriffe bei Männern. Bei Frauen liegt, wie sollte es anders sein, die Brustvergrößerung auf Platz 1, doch das gilt nicht als Intimoperation, ist hier also zu vernachlässigen.

Wer seinen Penis also um die stolzen zwei Zentimeter verlängern will, lässt sich – soviel nachdenken über den Schnitt im Schritt muss sein – zuerst von einem Psychologen ein Alibi-Okay gegeben. Dann wird ein etwa fünf Zentimeter langer Schnitt an der oberen Wurzel des Penis gemacht. Die Sehne, die Penis und Beckenknochen verbindet, wird gelöst und der Penis leicht herausgezogen. Dabei kann es zwar zu Thrombosen, Embolien, Blutergüssen und Narben kommen, aber danach kann der Kandidat immerhin beim nächsten Schwanzvergleich um zwei Positionen aufrücken. Nicht billiger ist eine Penisverdickung, bei der Eigenfett aus dem Bauch eingespritzt wird, eine Prozedur, die aber nach einiger Zeit wiederholt werden muss. Was tut man nicht alles für die intime Schönheit?

Den „G-Punkt aktivieren“

Frauen riskieren dagegen gerne mal eine dicke Lippe, weil sie sich schon für läppische 3000 Euro die Schamlippen stutzen lassen können. Ebenso beliebt sind Scheidenstraffungen, weil man nicht nur so aussehen will wie eine 12-Jährige, sondern sich auch so anfühlen. Die Risiken sind natürlich ähnlich groß wie beim Mann, und ähnlich groß ist auch der objektive Nutzen. Dennoch äußern sich 93% der so Beschnittenen zufrieden. Wer fragt da schon die 7% Unzufriedenen? Apropos unzufrieden: Einige Intimchirurgen behaupten, sie könnten durch eine Injektion von Hyaluronsäure die Klitoris vergrößern und den G-Punkt aktivieren. Einen G-Punkt wohlgemerkt, dessen Existenz die Wissenschaftler noch gar nicht gefunden haben. Dafür kostet diese OP auch nur 1500 Euro.

Einen Sonderfall ist besonders für unsere Mitbürger mit einem Migrantenvordergrund die Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Dabei wird für weniger als 1000 Euro das Jungfernhäutchen entweder durch Fremdmaterial ersetzt oder der übriggebliebene Teil des Hymens mit der Schleimhaut neu vernäht. Der Eingriff hat eine lange Heilungszeit. Ein Vorschlag zur Güte: Könnte man in einem solchen Kulturkreis nicht dabei die Vorhäute zwangsbeschnittener Jungen sinnvoll recyceln? Das dürfte man natürlich nicht laut sagen, sonst wäre wohl eine Steinigung ärztlich angeraten.

Risiken werden bagatellisiert

Doch wie will einer glaubwürdig über archaische Riten spotten, der offensichtlich selbst in einem kranken Kulturkreis lebt. In einem, der sich stolz bisweilen schon „genital bewusste Gesellschaft“ nennt. 2009 zeigte RTL erstmals eine Schamlippen-OP im Fernsehen, und schon damals gab es pro Jahr 20.000 Frauen, die das hinter sich hatten. Natürlich bedarf es auch hier der kybernetischen Relativierung, dass es durchaus medizinische Indikationen für einen solchen Eingriff geben mag, doch die dramatischen Zahlen lassen sich damit nicht erklären.

Ebensowenig wie der Umstand, dass die Betroffenen nicht nur die persönliche Entwürdigung und den unverhältnismäßig hohen Aufwand, sondern auch die gesundheitlichen Risiken eines solchen Eingriffs ignorieren. Im Deutschen Ärzteblatt wurde schon früh davor gewarnt, dass die Risiken in der Regel von den medizinisch Handanlegenden bagatellisiert würden. Die meisten Menschen seien dem Versprechen ästhetischer Chirurgen schutzlos ausgeliefert. Vor allem die Verkleinerung der Schamlippen werde oft als „kleiner Eingriff“ verharmlost. In Wirklichkeit könne es zu Komplikationen kommen, die zu schwerwiegenden Funktions- und Empfindungseinschränkungen führen. Weitere Risiken seien Infektionen, Narben, Verwachsungen oder Schmerzen beim Sex. Möglich ist auch die Schädigung von Nachbarorganen wie Blase oder Darm.

Unheimliches Comeback des Schamgefühls

Die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg setzt sich grundsätzlich mit dem Zeitgeist auseinander und kritisiert die von ihm profitierenden Ärzte.„Es ist ungeheuerlich, dass Normalität pathologisiert wird.“ Sie fordert, nicht mit jeder psychischen Irritation einen schwerwiegenden medizinischen Eingriff zu rechtfertigen. Es müsse wieder viel stärker ins öffentliche Bewusstsein gelangen, dass es nicht einen Idealzustand, sondern ein „Spektrum der Normalität und des Variantenreichtums des menschlichen Körpers“ gebe.

So wird also ein schamloser Aufwand betrieben, um die Scham zu beschönigen. Das passiert allerdings parallel zu einem geradezu unheimlichen Comeback des Schamgefühls (ach, könnte man doch das wegoperieren). Sportlehrer bekommen ihre Anvertrauten nicht mehr ohne Badeanzug unter die Dusche des Schwimmbads, die Badehosen der Männer reichen schon über die Knie und an den Badeseen ist das Oben-ohne-Sonnenbaden der Frauen wieder eine Peinlichkeit. Die Rückkehr des Ganzkörperbadeanzugs für Männer ist nur eine Frage der Zeit. Man versucht also, paradoxerweise genau die Körperbereiche zu optimieren, die man sowieso möglichst vor den Augen aller anderen verbirgt.

Der globale Narzisst

Dieses scheinbare Paradox kann aber durch eine Erkenntnis aufgelöst werden: Die (eingebildete) Schönheit ist gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt! Das personale Kommunikations- und Interaktionsbedürfnis der Menschen schwindet nämlich im Zeitalter des Niedergangs, und wird ersetzt durch eine virtuelle Kommunikation beispielsweise in sozialen Netzwerken. Aus Japan wird beispielsweise gemeldet, dass dort 40% der Studentinnen noch nie Verkehr hatten und 35,1% der jungen japanischen Männer zwischen 16 und 19 angaben, nicht an Sex interessiert zu sein. Was nun noch interessiert, ist der psychosoziale Austausch mit sich selbst. Der globale Narzisst lässt sich also operieren, damit er sich selber besser gefällt. Und wer will bestreiten, dass die Sexualorgane zentrale Bedeutung in der Selbstwahrnehmung haben.

Nicht von ungefähr stammt der Begriff Narzissmus aus der Sexualwissenschaft. Im charakterpathologischen Sinne verstand Freud unter Narzissmus die Libido, die auf das eigene Ich gerichtet ist, anstatt auf ein Objekt. Dies führe zu einer Charaktereigenschaft, bei der ein geringes Selbstwertgefühl durch übertriebene Einschätzung der eigenen Wichtigkeit und den großen Wunsch nach Bewunderung kompensiert werde. Quod erat demonstrandum!

Verkettung des Irrsinns

Wenn es stimmt, wie vermutet wird, dass die kulturelle Initialzündung für die operative Intimkorrektur aus der Pornofilmindustrie stammt, dann steht den Ärzten, die damit ihre Sportwagen verdienen, noch ein rechter Geldsegen bevor. Da die Darsteller in dieser Wachstumsbranche fast ausschließlich beschnitten sind, damit sie ihrem harten Job ausdauernd nachgehen können, ist es an der Zeit für eine massenhafte Vorhautbeschneidung der anpassungsfähigen Zuschauer. Aber wahrscheinlich ist so etwas schon längst im Gange, ohne dass es Statistiken dafür gibt. Als neuester Schrei in der Szene der Selbstverstümmeler gilt allerdings das Analbleaching. Tiefer kann wohl nichts blicken lassen, wie es um unsere Kultur bestellt ist.

Ein kleiner pragmatischer Beweggrund für das unerotische Befummeln der Lustorgane soll aber nicht verschwiegen werden: Die kaum ältere Mode der Intimrasur führt nämlich dazu, dass mögliche Abweichungen vom Ideal der Intimarchitektur viel stärker zu Tage treten und deshalb nach subjektiver Kausalität korrigiert werden. Eine solche Verkettung des Irrsinns kann sich keiner ausdenken: Erst legt man mühsam das von der Natur aus gutem Grund Versteckte frei, um es anschließend wieder seiner Natur zu berauben. Dazu passt doch wie die Faust aufs Auge ein neuer Schönheitseingriff der gerade aus Thailand zu uns kommt, nämlich die Ohrfeigentherapie gegen Falten. Dr. Kustos empfiehlt: dreimal täglich anwenden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihr Spiegelbild.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel