Die USA sind stehend k.o.

Finanzexperten sagen, es sei die Demokratie und nicht der Kapitalismus, der die US-Mittelschicht zerstöre. In Wahrheit zerstören die Kapitalisten den Kapitalismus.

Amerika kann noch Rekorde aufstellen. Aber sie sind nicht mehr ganz so ansehnlich und beeindruckend wie einst. In jeder fünften US-Familie (20%) waren im vergangenen Jahr alle Erwerbsfähigen arbeitslos. Kein Wunder, dass die Transferleistungen von Uncle Sam an die 315 Mio. Amerikaner Höchstwerte erreichen.

Auf der Webseite von MoneyNews lesen wir dazu passend, dass es die Demokratie sei, und nicht der Kapitalismus, der die Mittelschicht zerstöre. Abgesehen davon, dass es dem Mittelstand egal ist, wer ihn zerbröselt, biete ich folgende Erklärung an: Es sind Kapitalisten, die den Kapitalismus zerstören und den Staat mit seinen Institutionen so unterwandern und unter Druck setzen, dass Geld die Funktion übernommen hat, die einst die Wähler hatten.

Die meisten verstehen die Zusammenhänge nicht

Doch die meisten Amerikaner können diesen Zusammenhang weder verstehen, noch spielt er eine große Rolle in ihrem shopping-lastigen Leben. Klar ist den wirtschaftlich extrem wenig gebildeten Nordamerikanern lediglich, dass ihre Löhne inflationsbereinigt stagnieren und dass gleichzeitig Rechnungen, Gebühren und Steuern steigen, während sich die Job-Aussichten nicht wesentlich verbessern.

Ist es da ein Wunder, dass die Zuversicht der Konsumenten wieder sinkt? Wie der  Simmungspegel überhaupt im März auf ein Sechs-Jahreshoch klettern konnte, ist mir ein Rätsel. Aber im April sank er laut dem Conference Board wieder. Die Gründe für die jüngste Wende muss man nicht lange suchen: Steigende Benzinpreise, der erneut abkippende Immobilienmarkt und höhere Zinsen. Das ist Sand im Getriebe eines Motors, der ohnehin seit Jahren kräftig stottert.

Verbraucher frönen der Austerität

Und wie reagieren Konsumenten in dieser Situation? Sie kappen die Reißleine und bremsen. Amerikas Verbraucher frönen der Austerität. Siehe Kreditkarten. Seit 2008 ging die durchschnittliche Zahl der Plastikkarten, die jeder Amerikaner mit sich herumträgt, von 2,9 auf 2,6 zurück. Das klingt zwar nicht gerade nach Entziehungskur, ist aber ein Rückgang um ziemlich genau 10%. Das hat eine Gallup-Umfrage unter 1.026 erwachsenen Amerikanern ergeben.

Weniger Kreditkarten pro Person hat der Meinungsforscher in den USA übrigens seit 2001 nicht gezählt. Und jetzt kommt die eigentlich erstaunliche Zahl, die eher aus Sri Lanka oder Kalimantan stammen könnte: Satte 29% der von Gallup Befragten haben überhaupt keine Kreditkarte.

Was sagt uns das ? Auf jeden Fall eines: Die übrigen 71% müssen über mindestens drei Karten pro Person verfügen und sich wie die Verrückten verausgaben, um das in den USA beobachtete Konsum-Niveau aufrecht zu erhalten.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel