Linke Propaganda für die NPD

Rund 5000 Menschen stellten sich in Berlin einem Aufmarsch von 100 NPD-Mitgliedern entgegen. Tausende Polizisten mussten die halbe Stadt abriegeln. Welch ein Irrsinn.

IIn den sechziger und siebziger Jahren waren es die junge Leute, die Politik in Form einer „außerparlamentarischen Opposition“ auf die Straße trugen und die Gesellschaft auf diese Weise nachhaltig veränderten. Heute gibt es eigentlich nur einen politischen Anlass, der junge Menschen in Scharen auf die Straße treibt, nämlich ein angekündigter Aufmarsch von Rechtsextremisten.

Freilich gäbe es jede Menge anderer Gründe für Demonstrationen, von der Einkommensentwicklung, also der dramatisch zunehmenden Ungleichheit in der Gesellschaft über die europäische Schuldenunion bis hin zur Altersarmut. Aber all das scheint die jungen Menschen kaum zu bewegen. Wenn aber hundert bierbäuchige Gestalten aus bildungsfernen Milieus verkleidet wie die Panzerknacker aus Dagobert-Duck-Comics mit ein paar NPD-Fahnen auf sich aufmerksam machen wollen, dann opfern fünftausend Schüler, Studenten und Linksaktivisten einen sonnigen Frühlingssamstag, um sämtliche Straßen der von der NPD geplanten Marschroute zu blockieren.

Ins Fäustchen gelacht

So geschah es am vergangenen Wochenende in Berlin, wo die NPD durch Kreuzberg ziehen wollte. Dank der vielen Gegendemonstranten kamen die Rechtsextremisten ganze 200 Meter vor und dann wieder zurück. Geärgert haben werden sie sich darüber allerdings wohl kaum. Vermutlich haben sie sich sogar ins Fäustchen gelacht. Denn ein solches Spektakel, wie es die 5000 Gegendemonstranten für sie inszenierten, hätten sie niemals auf die Beine gebracht.

Nicht einmal um die Werbung für ihre Aktion mussten sich die Rechten kümmern. Sofort nachdem sie der Stadt ihre Demonstration angekündigt hatten, lief das linke Nachrichtenetzwerk an und rief auf unzähligen Internetseiten zur Gegendemonstration auf. Und so waren denn auch Medien aus dem In- und Ausland, Vertreter unzähliger „gegen Rechts“ kämpfende Organisationen sowie vermummte Fotografen der rechtsextremen nationalen Autonomen und der linksextremen Antifa vor Ort, als das Häuflein Nationaldemokraten sich an der Jannowitzbrücke versammelte.

Das ist der blanke Irrsinn!

Die Polizei zog in Berlin viele Tausend Beamte zusammen, die das Gebiet rund um die Demonstrationsroute der NPD weiträumig abriegelten. Teile der Bezirke Mitte und Kreuzberg waren im Ausnahmezustand. Während die Beamten unter ihren schweren Einsatzuniformen in der Sonne schwitzen und hier und da zündelnde Antifaschisten unter Kontrolle brachten, feierten das Gros der Gegendemonstranten auf autofreien Straßen Party – auf Kosten der Steuerzahler, die den gewaltigen Polizeieinsatz finanzieren müssen.

Und das alles wegen ein paar ungebildeter, bierbäuchiger Comic-Figuren mit einer Vorliebe für schwarze Zimmermanns- und kurze Cargohosen. Ganz ehrlich, das ist der blanke Irrsinn! Und das hat auch nichts mehr mit einem Kampf gegen Rechtsextremismus zu tun. Im Gegenteil, auf diese Weise wird er künstlich am Leben erhalten, weil er eine Aufmerksamkeit erzielt, die er nicht verdient.

Mit Nichtachtung strafen

Die NPD ist als Partei am Ende, und bei Wahlen hat sie nicht die geringste Chance. Deutschland hat keinen Front National oder eine Wilders-Partei. Die NPD jedenfalls ist von deren Erfolg weit entfernt. Darum drängt sich der Verdacht auf, dass die vielen Gruppen, die heute vom Kampf gegen Rechts leben, ein großes Interesse daran haben, ihre Existenzberechtigung nachweisen zu können, indem sie jedes NPD-Zucken zu einem großen Event machen.

Jedenfalls hätte der NPD etwas anderes viele mehr geschadet. Wenn das Häuflein nämlich einsam und allein und gestraft mit erniedrigender Nichtachtung durch die Straßen gezogen wäre. Auch ohne Journalisten! Mit jedem Schritt wäre die Wut der Nationaldemokraten gewachsen. Hundert Polizisten hätten gereicht, um ihre Frustration in Schach zu halten. Und fünftausend Schüler, Studenten und Linksaktivisten sowie einige tausend Polizisten hätte sich in Freibädern, Straßencafés und Parks vergnügen können. Mit ernsthafter Politik, liebe Leute, hatte das jedenfalls nichts zu tun.

 

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel