Warum nur die Klugen zweifeln

Wenn die Weltformel partout nicht vor unserer Nase zu liegen scheint, müssen wir uns mühsam an sie heranrobben. Kybernetisches Denken ist eine Chance auf Erkenntnis.

Was ist daran falsch, wenn es der Tier- und Pflanzenwelt in der Berliner Müggelspree möglichst prächtig gehen soll? Warum protestiert ausgerechnet die linke Gesundheitsstadträtin des Bezirks Köpenick gegen diesen Zustand? Kann es hier überhaupt mehr als zwei Meinungen geben? Der Widerspruch ergibt sich ganz einfach aus der unterschiedlichen Interessenlage von Tieren, Pflanzen und Menschen und was die maßgeblichen Kräfte unserer Gesellschaft daraus zu machen gedenken.

Einerseits haben seit Jahrhunderten an den traditionsreichen Badestellen Menschen gebadet, und von Tieren und Pflanzen ist da noch nichts zu sehen. Andererseits gibt es eine so umweltfreundliche wie menschenfeindliche „Wasserrahmenrichtlinie der EU“, die nach moralisch Höherem strebt und die sich die Politkommissare der Stadtentwicklungsverwaltung zu eigen gemacht haben. So können unterschiedliche Interessen, Fakten und Argumente aus einer wirklichen Wirklichkeit plötzlich viele Wirklichkeiten machen.

Ein bisschen Volkshochschule

Um da noch durchsteigen zu können, bedarf es eines angemessenen Denkapparats, über den hier kürzlich in Zusammenhang mit dem Begriff vom „Kybernetischen Denken“ schon geschrieben wurde. Nach den vielen dargebrachten Beispielen bedarf es doch noch einer Definition und einer weiterreichenden Begriffserklärung. Diese wird heute also mit ein bisschen Volkshochschule nachgereicht, doch ich verspreche, dass es für Leute, die ihren Horizont erweitern wollen, kein bisschen langweilig wird.

Das kybernetische Denken steht im Gegensatz zum linearen Denken, das heißt die Gedanken werden nicht wie auf einer Wäscheleine oder wie bei einem Computerprogramm aneinandergereiht, sondern es wird im Kopf eine zu Beginn noch diffuse Informationswolke gesammelt. Vorurteile, Vermutungen, widersprüchliche Beobachtungen – alles hat hier seinen Platz. Dann beginnt, vornehmlich intuitiv, der Auswahl- und Zuordnungsprozess, intuitiv deshalb, weil das Unterbewusstsein dem analytischen Verstand um Zehnerpotenzen überlegen ist.

Egal, wo der Mensch ins Wasser springt

Das ist mühsam. Das kybernetische Denken nimmt auch nicht für sich in Anspruch, fehlerfrei zu sein, im Gegenteil. Aber es hat die Fähigkeit, jedem einzelnen Faktor einer Überlegung unterschiedliche Gewichtungen zuzuordnen. So steht in unserem eingangs erwähnten Beispiel das Interesse von Menschen und Tieren an der Müggelspree scheinbar gleichwertig gegenüber, doch sowohl der Hauptmann von Köpenick als auch kybernetische Denker kommen zu dem Schluss, dass erst der Mensch und dann die Menschenordnung kommt, erst die Wanze und dann die Wanzenordnung. Für die EU und die lineare Senatsverwaltung kommen aber im übertragenen Sinne erst die Wanze und dann der Mensch. Eine Regel, ein Ergebnis – wo der Mensch im Sommer ins Wasser springt, ist dann egal.

Dieses neue Denken hat sich ausnahmsweise mal nicht Konrad Kustos ausgedacht, sondern die Kybernetiker der zweiten Generation. Während die ursprünglichen Kybernetiker um Norbert Wiener Computer bauen wollten, die den Menschen ersetzen können, formulierten ihre Nachfolger, dass man beim Versuch, solche Computer zu bauen, demütig die Einmaligkeit des menschlichen Geistes erfahren könne. Einer ihrer Vordenker war der 2002 verstorbene Heinz von Foerster. Nicht das Ziel einer Forschung oder des Denkens stand für Foerster im Vordergrund, sondern der Prozess dahin – im Gegensatz zum gerichtsnotorischen ist das in der Tat einer, bei dem man nie verlieren kann.

Alles Geschehen ist zirkulär

Der Begriff „kybernetisch“ kommt nicht von ungefähr vom altgriechischen Wort für Steuermann: Dieser, so Foersters Beispiel, folge nicht einem festen Kurs, sondern reagiere auf äußere Einflüsse. Seine Erkenntnisse werden zu Handlung und verändern wiederum seine Erkenntnisse. Foerster kritisierte die Vorstellung der frühen Kybernetiker, man könne aus der Funktion künstlicher Intelligenz auf das menschliche Denken schließen. Metaphern wie ‚Elektronengehirn‘ hätten sich so verselbständigt und verstellten den Blick auf die wahre Komplexität menschlicher Denkvorgänge. Und schließlich: Alles Geschehen sei zirkulär; jeder erreichte Punkt ein neuer Ausgangspunkt.

Mit dieser Denkstrategie könnten Politiker begreifen, wie sehr zum Scheitern verdammt 5-Jahrespläne und europäische Stabilitätsmechanismen sind. Wissenschaftler würden sich um Demut bemühen beim Versuch des Verstehens von Wetter oder Klimaprozessen. Und vielleicht würden sogar Ideologen zu zweifeln beginnen. Foerster war im Übrigen ein geistreicher Spaßvogel. In seinem Bemühen um permanentes Relativieren der Erkenntnisse sprach er z.B. von der „Neugierologie“ oder der „KybernEthik“. Er warnte vor der möglichen Denkbehinderung durch feste Begriffe. Er stellte alles erst mal auf den Kopf und suchte so nach neuen Sichtweisen.

Learning by doing

Warren McCulloch, ein anderer Vertreter der Kybernetik zweiter Ordnung, entwickelte aus der Erforschung von Gehirn und Nervensystem die These, dass die herkömmliche binäre Logik ausschließlich politische Hierarchien, also Unterdrückung, hervorbringe. Solche binäre Logik läuft bei mir im Grunde unter dem Begriff des linearen Denkens. McCulloch kreierte als Gegensatz die ‚Heterarchie‘, also Nebenordnung statt Unterordnung, was hier in etwa „kybernetischen Netzwerken“ entspräche – aber im Grunde ist es immer dasselbe Prinzip: Weg vom scheinbar logischen Aneinanderreihen einer viel zu geringen Zahl von Parametern und hin zum Vernetzen aller verfügbaren Gesichtspunkte.

Auch der Soziologe Karl Popper hat ähnliche Gedanken zum Prozesscharakter entwickelt. Weil die Wirklichkeit zu komplex für die Steuerung durch Politiker und Fachleute sei, schlug er eine Variante des ‚Learning by doing‘ vor. Unter Verzicht auf eine übergeordnete Steuerung sollen wir demnach bei jeder kleinen gesellschaftlichen Handlung prüfen, ob es ein Schritt in die richtige Richtung sein könne oder gewesen sei, und diesen gegebenenfalls korrigieren oder fortschreiben .

Den gesunden Menschenverstand gebrauchen

Beim „Kybern“ wird in Strukturen gedacht, nicht in Antworten, es erfordert ein hohes Maß assoziativer Intelligenz. Möglicherweise kann das trainiert werden, möglicherweise ist es angeboren, wahrscheinlich von beidem ein bisschen. Ein kybernetischer Politiker würde beispielsweise nur am Rande Überzeugungen, Fachleute und Datenbanken für seine nächsten Entscheidungen bemühen, sondern seine kopf- und bauchinternen Prozessoren und Datenbanken sowie Freunde, kluge Bekannte und seinen Stammtisch, so er einen hat, hinzuziehen, um die Entwicklungslinien der wichtigsten Parameter seiner Entscheidung durchzuspielen.

Dieser Politiker wird sich dabei auf durch die herrschende Denkideologie in Verruf gebrachte Fähigkeiten wie seinen gesunden Menschenverstand, traditionelle Erfahrungen und Werte sowie auf bewährte Verhaltensmuster stützen. Leider gibt es solche ‚Instinktpolitiker‘ nicht, oder jedenfalls nicht mehr. Apparatschiks, Medienstars und Ideologen haben den Job übernommen. Sie sind Ideologen und damit laut Carlo Franchi „Denker, die sich durch Tatsachen nicht beirren lassen“.

Intellektuelle Rattenfänger

Eingeschränkt „linear“ wird jedenfalls nicht deshalb gedacht, weil ein böser Mensch das für böse Zwecke erfunden hat, sondern weil das Gehirn so organisiert ist. So erhält der Mensch scheinbar die ersehnten Antworten und es ist beliebt, weil denkfaule Menschen sowie intellektuelle Rattenfänger davon profitieren können. In früheren Zeiten hat das auch meist gereicht; in Zeiten einer Explosion der weltweiten Informationsmenge reicht es aber nicht.

Lineare Basisarbeit des Denkens kann allerdings durchaus hilfreich sein, etwa beim Bilden von Kausalketten. Und umgekehrt ist das kybernetische Denken nicht automatisch zielführend, sondern nur eine Chance auf Erkenntnis. Doch das ist mehr als die lineare Konkurrenz zu Wege bringen könnte. Der kybernetisch Denkende macht sich ganz entspannt all die Mühe, weil er von vornherein keine eindeutigen Antworten erwartet, aber weiß, dass gerade darin die größte Wahrscheinlichkeit sinnvoller Ergebnisse liegt. Es gibt eben gar keine fertigen Lösungen, wie sie die lineare Alternative zu unrecht zu finden können behauptet. Bertrand Russell hat dazu gesagt „Auffällig ist, dass die Dummen so sicher und die Klugen so voller Zweifel sind“. Wenn die Weltformel partout nicht vor unserer Nase zu liegen scheint, müssen wir uns an die Erkenntnisse eben mühsam heranrobben.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel