Berliner Kultursause mit Moskau

Eiszeit wegen der Ukraine? Kanzlerin Merkel telefoniert angeblich täglich mit Putin, und Botschafter Grinin plant mit dem Bundestag ein riesiges Kulturprogramm…

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der russische Botschafter vor Abgeordneten des Bundestages spricht. Zusätzliches Gewicht aber bekommt ein solcher Auftritt Wladimir M. Grinins, wenn alles, was er sagt, zwangsläufig auf die Ereignisse in der Ukraine projiziert oder doch vor ihrem Hintergrund interpretiert wird.

Eingeladen hat ihn der „Unterausschuss für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik des Deutschen Bundestages“, eine kleine Runde, in der jeder leer bleibende Stuhl sofort ins Auge fällt. Philipp Mißfelder fehlt. Der CDU-Außenpolitiker lässt sich entschuldigen. „Er ist auf dem Weg“, sagt Peter Gauweiler von der CSU, der den Ausschuss leitet. Von der SPD sind Ulla Schmidt und Michelle Müntefering dabei, für die Grünen kommt Claudia Roth, und Dieter Dehm vertritt die Linke. Das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut, der Akademische Austauschdienst und die Humboldt-Stiftung haben je einen Vertreter geschickt. Grinin schaut drein, als sei er auf einer Beerdigung. Aber auch die anderen geben sich so, als fänden sie das Miteinander nur bedingt lustig.

Jahr der Russischen Sprache und Literatur in Deutschland

Dabei war der Anlass – zumindest ursprünglich – ein erfreulicher. Denn von 2014 bis 2015 wird das Jahr der Deutschen Sprache und Literatur in Russland und parallel dazu ein Jahr der Russischen Sprache und Literatur in Deutschland stattfinden. Gauweiler spricht von einem „Kreuzjahr“ mit Lesereisen, Übersetzungsprojekten, Deutscholympiaden und Literaturwettbewerben geplant.

Los geht’s am 6. Juni, dem Geburtstag des russischen Schriftsteller Alexander Puschkin. Genau ein Jahr später endet das Kulturjahr am 140. Geburtstag von Thomas Mann, der ebenfalls an einem 6. Juni geboren wurde.

Euphorie in Rauch aufgelöst

Als all das geplant wurde, feilte die Europäische Union noch an einem Assoziationsabkommen mit der Ukraine. Heute brennen dort von pro-russischen Demonstranten entzündete Barrikaden, und die Krim ist russisch. Die vergangenen Wochen und Monate liegen wie ein dunkler Schatten auf den deutsch-russischen Kultur-Plänen.  Da mögen Kanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin auch beinahe täglich miteinander telefonieren, wie Mißfelder unlängst im Fernsehen suggerierte. Die anfängliche Euphorie jedenfalls hat sich gewissermaßen in Rauch aufgelöst.

Ulla Schmidt ist die einzige, die frei heraus sagt, wie die Dinge ihrer Ansicht nach liegen: „Herr Botschafter, vor zwei Monaten hätte ich mich über dieses Programm mehr freuen können. Im Moment ist es mit Hoffnungen und Unsicherheiten behaftet. Wir sind voller Sorge. Und ich möchte, dass Sie das mitnehmen.“ Grinin sitzt da, als sei er in Stein gemeißelt. Aber Ulla Schmidt lässt sich nicht beeindrucken.

Beziehungen „weiter nach vorne bringen“

„Als wir das Jahr geplant haben, dachten wir, wir wären einander näher gekommen“, sagt sie. „Ob das deutsche Volk und das russische Volk tatsächlich enger zueinander finden, wird auch von der Entwicklung der kommenden Monate abhängen.“

Grinin versichert, es sei ihm eine Ehre, vor Abgeordneten des Bundestages zu sprechen. Als gelernter Diplomat müsse er einräumen, dass letztlich nicht die Politik, sondern der kulturelle Austausch Völker einander näherbringe. Er sei sehr dafür, die deutsch-russischen Beziehungen „weiter nach vorne zu bringen“. Große Impulse könnte eine gezielte Förderung der russischen Sprache in Deutschland und der deutschen Sprache in Russland geben.

Migranten als Boschafter rusischer Kultur

In Deutschland gebe es hier großen Nachholbedarf. Während in der Bundesrepublik nur etwa 160.000 Schüler und Studenten Russisch lernten, sei Deutsch nach Englisch in Russland unangefochten die zweite Fremdsprache. „Zwei Millionen Russen lernen Deutsch“, sagt Grinin. Dabei sei der Bedarf in Deutschland eigentlich höher. Schließlich lebten rund 3,5 Millionen Russland-Aussiedler in der Bundesrepublik. „Noch sprechen sie Russisch. Doch sie könnten die Sprache schon bald verlernen“, sagt Grinin.

Ganz ähnlich wie die Türkei sieht Russland in den Migranten Botschafter der eigenen Kultur. Grinin bezeichnet sie als „robustes Bindeglied, eine Brücke zwischen den Kulturen“, denen eine wichtige Rolle zukomme. Für diese Menschen sei die russische Sprache wichtig, weil sie ihnen bei der Selbstorganisation und damit bei der Integration helfe.

Über 6.200 deutsche Unternehmen in Russland

Der Botschafter verweist auch auf die wachsenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist Russland ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Investitionsgüter. „2012 wurde beim Handelsvolumen der Rekordwert von 80,5 Milliarden Euro erreicht. 2013 ging das bilaterale Handelsvolumen dann allerdings um ca. fünf Prozent auf 76,5 Milliarden Euro zurück: Dabei betrugen die Exporte aus Russland nach Deutschland 40,14 Mrd. Euro – die deutschen Exporte nach Russland beliefen sich auf 36,1 Mrd. Euro“, schreibt das Ministerium auf seiner Internetseite.  Über 6.200 deutsche Unternehmen seien in Russland engagiert.

„Dieser Wirtschaftsaustausch erfordert bilinguales Personal“, sagt Grinin. Zwar gebe es inzwischen einige private bilinguale Kindergärten in Deutschland und auch eine bilinguale Schule. Aber das sei noch viel zu wenig. Darum sei es nötig, Russisch als Wahlfach an den Schulen anzubieten. „Wir werden darüber mit den Landesbehörden reden“, sagt er. Sinnvoll sei auch ein erweiterter Austausch von Lehrkräften, Studenten und Akademikern. In jeden Fall müssten beide Seiten „energische Schritte“ unternehmen.

„Mit der Homosexualität ist alles in Ordnung“

Inzwischen hat Omid Nouripour den Platz von Claudia Roth eingenommen. Seiner Ansicht nach ist in Russland ja doch noch vieles im Argen. „Darf man eigentlich Klaus Manns Symphonie Pathétique lesen, in der er die Homosexualität des Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowskys beschreibt?“, will er wissen. Grinin bringt er damit allerdings nicht aus dem Konzept. Der Antwort ruhig: „Ich kann allen Zweifelnden versichern, dass bei uns mit der Homosexualität alles in Ordnung ist. Niemand zweifelt die Bedeutung Tschaikowskys an.“

Er sei froh über den Dialog mit den Kulturpolitikern. Gerade in dieser Situation sei die Rolle des zivilen Dialogs außerordentlich wichtig. „Wenn wir uns vom Gedanken der Deeskalation leiten lassen, sind wir auf einem guten Weg“, sagt der Botschafter.

Mißfelder fügt hinzu, beide Völker hätten großes Interesse daran, nicht das Trennende, sondern das Verbindende zu suchen. Michelle Müntefering, die sich gern an ihren Russisch-Unterricht erinnert, rät schnell noch, das russische Märchen nicht zu vergessen. Und in seinem Schlusswort erinnert Gauweiler daran, dass die Kinder des russischen Präsidenten schließlich an der deutschen Schule in Moskau Abitur gemacht hätten. Soll wohl heißen, dass am Ende nichts unmöglich ist.

 

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel