Wenn Bayern es wie die Krim machte
Wenn Bayern es wie die Krim machte

Wenn Bayern es wie die Krim machte

An Lösungen auf der Krim ist der Westen nicht interessiert. Für ihn ist alles Putins imperialistisches Werk. Aber was wäre, wenn Bayern seine Unabhängigkeit erklärte?

Eigentlich ist alles gesagt. Die Politiker, die Medien, die Diplomaten und auch das kritische Internet haben hier und anderswo alle Fakten zur Krim-Krise genannt und die Argumente ausgetauscht. Doch nun wurden auch noch die Bürger der Krim-Provinz gefragt – ein unerhörter Vorgang, der bei den Friedensstrategen der EU schon deshalb Stirnrunzeln ausüben muss, weil die ja ihre eigenen Bürger auch nie oder höchst ungern um deren Zustimmung bitten.

Das Wahlergebnis ist dann auch weniger wegen der Zustimmung zur Angliederung an Russland durch die 60% dort lebenden Russen erstaunlich, sondern viel mehr, weil auch die Nichtrussen dem zustimmten, was sich zwingend aus dem überwältigenden Gesamtergebnis von 95,5% aller Wahlberechtigten ergibt. (Angesichts der bisher so einseitigen Berichterstattung wundert es nur, dass noch nicht die Wahlfälschungskarte ausgespielt wurde, aber vielleicht kommt das noch.) Doch nun zu glauben, der Anschluss der Krim an Russland sei demokratische Formsache, wäre naiv.

Bundeswehr vor München

Wenn Bayern per Volksentscheid den Austritt aus der Bundesrepublik Deutschland erklären würde, stünde zwei Tage später die Bundeswehr vor oder in München – und das zu Recht. Das Ganze ist eben größer als die Summe der Teile, und Separatisten können, auch wenn sie in ihrem Gebiet demokratisch legitimiert sind, nicht machen, was sie wollen. Sonst wäre Kreuzberg schon längst ein grüner Freistaat, und ich müsste auswandern (solange das noch ginge). Bei der Krim ist das Prinzip allerdings etwas verzwickter, hat sie doch den Status einer autonomen Republik, und das aus gutem Grund.

Seit die Krim 1774 vom osmanischen Reich unabhängig wurde, stand sie unter Einfluss des russischen Reiches. Im 19. Jahrhundert entstand hier der Hauptstützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Nach der Revolution wurde die Krim ausdrücklich eine autonome Sowjetrepublik und nicht der Ukraine angeschlossen. Stalin hob die Autonomie zwischenzeitlich auf, und erst spät, nämlich 1954, kam es zur Angliederung an die Ukraine – die sich übrigens schon 1654 der russischen Herrschaft unterstellt hatte bzw. ihr unterstellt wurde. Diese Angliederung hatte innerhalb der monolithischen Sowjetunion rein ökonomische und verwaltungstechnische und keinerlei ethnische oder politische Gründe.

Sehnsucht nach Russland

Nach dem Zerfall der Sowjetunion musste die ukrainische Regierung erheblichen Druck auf die Krim ausüben, um nicht schon 1991 mit einem Unabhängigkeitsreferendum konfrontiert zu werden. Seitdem gibt es die Autonome Republik Krim mit eigenen Finanzen, eigener Verwaltung und eigener Rechtsprechung. Das ist also schon ein anderer Fall, als der unseres Freistaats Bayern. Ethnisch und politisch hat sich die Krim schon in den letzten Jahrhunderten irgendwie nach Russland gesehnt. Der Putsch in Kiew hat diesem Bedürfnis nur den Weg geebnet.

Nichtsdestotrotz ist das Referendum völkerrechtlich in der Tat nicht bindend. Aber wie oft haben sich in letzter Zeit die Mächtigen das Völkerrecht geschnitzt, wie sie es wollten? Guten Willen vorausgesetzt, könnte man sich durchaus mithilfe der UNO auf die Suche nach tragfähigen Lösungen machen. Schon bisher gab es ja Verträge betreffend der Kontrolle der Russen über Teile der Krim bis 2042!

Alte Feindbilder

An Lösungen hat der Westen aber anscheinend kein Interesse. Für ihn ist alles nur Putins imperialistisches Werk und die Gelegenheit, eine bedeutende und konkurrierende Weltmacht zu isolieren und zumindest ökonomisch unter Druck zu setzen. Russland werde einen Preis für seine Militärintervention zahlen müssen, hieß es umgehend aus Washington, und auch die EU-Außenminister hatten nichts anderes zu tun, als sich gleich Sanktionen gegen Moskau auszudenken.

Statt Russland in die Staatengemeinschaft zu integrieren wird seit langem jede Gelegenheit gesucht und genutzt, um alte Feindbilder zu reaktivieren. Dadurch werden undemokratische Tendenzen in diesem großen Land, das so lange wie kein anderes unter dem Sozialismus gelitten hat, noch forciert. Aber dies ist wohl in der gelebten Konfliktstrategie des Westens auch so gewollt.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel