Verspargeltes und verbautes Land

 Sie bauen Windmühlen und Glaspaläste: Wer schützt das Volk vor den menschengemachten Scheußlichkeiten von Politikern, Architekten und eigensinnigen Konservatoren?

Moderne Windmühlen liefern Energie, das ist eine Tatsache, über ihren ökonomischen Nutzen wird gestritten, und darin die Lösung aller Energieprobleme zu sehen, ist eine fahrlässige Illusion. Unabhängig von solchen Bewertungen geschieht alles heftige Planen und Bauen und Streiten über solche Themen immer auf einer ökonomischen oder ökologischen, also irgendwie sachlichen Ebene, bestenfalls wird noch über geschredderte Vögel geklagt. Menschliche Aspekte, also wie diese mächtigen, ruhelosen Maschinen den Menschen in seiner Lebensumgebung beeinträchtigen, zählen nichts in einer funktionalistischen Welt.

Beeinträchtigt ist der Dorfbewohner, dessen Boden zuhause vibriert. Der Autofahrer, dem inmitten sich drehender Strukturen schwindlig wird. Der Naturfreund, der über der majestätischen Natur der Uckermark das monotone Kreisen riesiger gestreifter und meist auch noch blinkender Metallflügel ertragen muss. Der Mensch eben, den die Evolution nicht darauf vorbereitet hat, dass nicht nur seine Alltagswelt, sondern jetzt auch noch seine Rückzugsräume technoid überformt werden. Und es bleibt ja nicht bei den Windmühlen: Überall sind Experten dabei, die Welt noch funktionaler zu machen, sie dem menschlichen Geist zu unterwerfen, ja, der Natur bewusst ein selbstherrliches Bild der aufgeklärten Künstlichkeit gegenüberzustellen.

Selbstdarstellungsdrang ideologisierter Individuen

Braunkohletagebaue, industrielle Landwirtschaft, Megastädte, Straßenlabyrinthe wachsen unentwegt, während die Auenlandschaften sukzessive in Fantasy-Filme verbannt werden. Am unerbittlichsten aber ist die moderne Architektur, denn sie folgt nicht den Parametern einer irgendwie gegebenen Nützlichkeit, sondern dem Selbstdarstellungsdrang ideologisierter Individuen. In der Alltagsarchitektur äußert sich das zwar oft nur in grauer Langeweile, doch sticht es bei Repräsentationsvorhaben ins Auge. Es gilt den Verursachern dabei, sich so weit wie möglich vom Empfinden des verachteten Mainstreams, also der Allgemeinheit, abzusetzen, um eigene Einmaligkeit zu demonstrieren.

Ein Beispiel gefällig? Das Jagdschloss Glienicke liegt in einer waldigen Hügellandschaft zwischen Potsdam und Berlin und ist eingebettet in eine weiträumige Schlösserlandschaft, der „Potsdamer Kulturlandschaft“, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt wurde. 1682 wurde es errichtet, zahlreiche Umbauten folgten, bis es 1890 seine vorerst endgültige, sich zauberhaft in die Landschaft fügende Struktur bekam. Vorerst, denn 1964 machte sich Max Taut, der kleine Bruder des Bauhaus-Mitbegründers Bruno, daran, das Schloss zu einer Bildungsstätte umzubauen. Mit der Gnadenlosigkeit, die der Moderne zu eigen ist, wurde der zentrale Schlossbereich aufgebrochen, die Freitreppe zum Garten zerstört und dafür ein monotoner „Glaserker“ eingesetzt. So weit, so schlecht.

Wenn es im Kopf durcheinander geht

Der Skandal beginnt, als sich nach einem Brand im Jahr 2003 die Frage stellte, bei der Wiedererrichtung einer historischen Gestalt oder der Tautschen Version den Vorzug zu geben. 2011 ordnete das Landesdenkmalamt die Rekonstruktion des Glaserkers an. Bürgerinitiativen liefen Sturm, sammelten Tausende von Unterschriften, die örtliche Politik versuchte geschlossen zu intervenieren – alles vergeblich. Der Landeskonservator fühlt sich eben nicht der Qualität und schon gar nicht den Leuten verpflichtet, sondern „historischen Spuren“. Schließlich sei der Tautsche Glaskasten ein Zeugnis des Kalten Krieges.

Was zeugt bei einer Architektursünde, die in einem Park herumsteht, denn von einem Krieg? Die mutwillige und ideologisch motivierte Zerstörung eines historisch gewachsenen Kunstwerks wird so zu einer erhaltenswerten „Zeit- und Deutungsschicht“ umgedeutelt. Verkopfung ist schon schlimm genug, aber wenn es im betreffenden Kopf auch noch durcheinander geht, kann man den eigenen nur noch in den Sand stecken.

Doktrin des Adolf Loos

Der Denkmalschutz, der anderswo auch schon mal Baudenkmäler dem Verfall preisgibt, weil er strickt historische Rekonstruktionen ablehnt, die über den Einbau originalgetreuer Fenster hinausgehen, macht sich hier zum Erfüllungsgehilfen seines Kumpels, der klassischen Moderne. Kein Wunder, kommen beide doch aus demselben ideologischen Schlamm: Im frühen 20. Jahrhundert, als die Schnörkel des Wilhelminismus überhandnahmen, entwickelte sich eine Gegenbewegung sich fortschrittlich wähnender Baukünstler, die das neue, aufgeklärte menschliche Schaffen demonstrativ über Tradition und Natur erheben wollte.

Der Vorreiter dieses Denkens war Adolf Loos, der 1908 in seiner Schrift „Ornament und Verbrechen“ die Doktrin vorformulierte, die unter anderem nach dem Zweiten Weltkrieg deutschlandweit zum flächendeckenden Abschlagen von Stuckverzierung führte. Fortschrittlich, wie er war, verfasste er in Kleinschrift ein Dogma gegen Verzierungen, was ihn nicht daran hinderte, sich sprachlich in peinlichen Schnörkeln zu verlieren:

„Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: Evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande.“ „…es ist ein verbrechen an der volkswirtschaft, daß dadurch menschliche arbeit, geld und material zugrunde gerichtet werden.“ „Ornamentlosigkeit ist ein zeichen geistiger kraft.“ „Seht, die zeit ist nahe, die erfüllung erwartet unser. Bald werden die straßen der städte wie weiße mauern glänzen.“

Als Kinderschänder verurteilt

Nun glänzen also die Mauern der Trabantenstädte, der Plattenbauten, die Verbrauchermärkte und die Lückenschließungen in Altbauquartieren wie es Loos und seine Gefolgsleute sich gewünscht haben. Da half es auch nicht, dass der Meister später als Kinderschänder verurteilt wurde, was bei der Rezeption seiner Ideologie durch seine Jünger vollkommen ausgeblendet wird, wie es im totalitären Denken eben so üblich ist.

Billig musste die neue Baukultur sein, denn sie sollte dem neuen, am besten sozialistischen, Menschen ein Zuhause geben, und gleichförmig musste sie sein, weil dies nach dem Denken der Schickeria dem Wesen des neuen, noch zu schaffenden Menschen entsprach. Ihre Arroganz steht in der Tradition der Aufklärung, die sich ebenfalls über Tradition und Natur programmatisch hinwegsetzte. Die Zukunft sei ein fortwährender Fortschritt, wenn es dem Menschen gelänge, sich von seiner Abhängigkeit von der Natur zu lösen. Was für eine hybride Vorstellung angesichts der realen Kraft der Evolution und des Beharrungsvermögens gewachsener Kultur- und Zivilisationsleistungen.

Inhaber der „wahren Lehre“

Genau aus dieser Arroganz heraus bejubeln die Claqueure des Fortschritts noch heute jede Abkehr von der Tradition, ohne zu prüfen, ob dies sinnvoll, nützlich oder wünschenswert ist. Natürlich war es gut, dass das Bauhaus Dinge in Frage gestellt hat, dass neue Formen versucht wurden, dass auf die neuen zur Verfügung stehenden Bautechniken reagiert wurde. Aus Versuch und Irrtum erwächst das Neue, aber nur, wenn es sich durchsetzen kann, weil es von den Menschen akzeptiert wird. Doch wenn die Stühle unbequem, die Löffel unhandlich oder die Architektur (als Zwangskunst im öffentlichen Raum) deprimierend sind, dann ist es kein Fortschritt, sondern eine Verirrung.

Solche Arroganz eines konstruierten virtuellen Fortschritts paart sich aber auch mit ganz praktischen Erwägungen. Kultur war schon immer ein ideologisches Phänomen, weil sie auch ein ökonomisches war. Für die Inhaber der „wahren Lehre“ gab es Einkommens- und Karrierevorteile. Das betraf nicht nur Individuen, sondern ganze Stände.

Es geht um den Willen des Volkes

Bei der Aufklärung geriet nun die Bildung zum Leitmotiv, weswegen die Bürgerlichen lernten wie die Blöden, um dem einfachen Volk beweisen zu können, dass es blöde sei. Die Musik des Volkes war plötzlich primitiv, die Literatur war Schund und die Malerei naiv. Das Bürgertum war im Besitz der Wahrheit und besaß dadurch auch das Recht der Herrschaft. Der Adel musste dafür zuvor noch göttliche Gnade in Anspruch nehmen.

Diese Mechanismen des Teilens und Herrschens wohnen jeder neuen Geisteslehre inne. Deshalb ist es durchaus gewollt, dass die Produkte des neuen Bauens und der modernen Denkmalpflege von dem in diesen Entscheidungsprozess nicht einbezogenen Volk nicht gewollt sind. Es handelt sich um einen typischen Konflikt zwischen einer kulturellen Oligarchie mit gänzlich anderen Interessen und anderer Ästhetik einerseits und denen andererseits, die diese Ästhetik herstellen und nutzen müssen. Im Gegensatz zu Picasso und Stockhausen ist die Baukunst etwas ungleich Relevanteres, denn ihr kann sich niemand entziehen. Dieser Konflikt berührt also Grundfragen der Demokratie. Es geht um Herrschaft, Unterdrückung und den Willen des Volkes.

Schutz vor menschgemachten Scheußlichkeiten

Deshalb ist die Frage, ob ein altes Schloss einen modernen Fremdkörper implantiert bekommt, keine geschmäcklerische. Dahinter steht die Notwendigkeit, sich eine lebenswerte Umwelt zurückzuerkämpfen. Darauf zu warten, dass sich darum die Architekten und Denkmalpfleger kümmern, ist naiv, denn denen fehlt es sowohl an der geistigen als auch an der moralischen Größe.

Alles wird derzeit unter Schutz gestellt, was nur laut genug jammert oder bejammert wird. Wie viel mehr wäre es an der Zeit, auch unsere Wahrnehmung vor menschgemachten Scheußlichkeiten zu schützen. Das schließt im übrigen auch die Tatsache ein, dass gegenwärtig ein ganzes Land mit gewaltigen Windmühlen und demnächst ebenso gewaltigen Hochspannungstrassen zugespargelt wird. Wikipedia verspricht in einem übrigens sehr einseitigen Artikel, dass die Windenergie weltweit ein Potenzial von 1800 Terawatt (= 1800 Millionen Megawatt) hat, was dem Hundertfachen des derzeitigen Weltenergieverbrauchs entspräche. Wie diese Welt dann aussehen würde, steht da nicht.

 

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel