Die Lüge als pädagogisches Konzept

Schulwegweiser in Lüneburg / Quelle: Wikipedia / Joachim Müllerchen. Original uploader was Jom at de.wikipedia Schulwegweiser in Lüneburg / Quelle: Wikipedia / Joachim Müllerchen. Original uploader was Jom at de.wikipedia
Die Schule tut so, als könne man mit neuen pädagogischen Konzepten dem Verfall entgegenwirken. Warum werden die  Illusionen nicht durch Praxis-Erfahrungen korrigiert?

Die Zahl der Jugendlichen, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, geht nach jüngsten Berechnungen des DGB zurück. Vor fünf Jahren waren es noch 8 Prozent aller Schulabgänger, nun sind es 5,9 Prozent, die sich künftig zum Bodensatz unserer Gesellschaft zählen dürfen. Soll man sich nun freuen oder über die immer noch unerträglich hohe Zahl entsetzen? Eher Letzteres, vor allem deshalb, weil nach den vorangegangenen Überlegungen an dieser Stelle klar sein sollte, dass mehr bestandene Prüfungen keineswegs eine gestiegene Leistungsfähigkeit belegen. Schließlich bestand seit dem Bildungsgipfel von 2008 auch hier sozusagen eine Kanzleranordnung, dass die Abbrecherzahlen zu sinken haben.

Im Fälschen von Fähigkeiten, Leistungen und Ergebnissen hat die Niedergangsgesellschaft bemerkenswerte Fähigkeiten entwickelt. Ebenso manisch trachtet sie danach, hektische Aktivitäten zu entfalten, um nicht vorhandene Kompetenzen zu simulieren. Schlimmer noch: Ohne Rücksicht auf Verluste wird dieses Handeln ideologisch korrekt ausgerichtet und damit Kompetenz und Effizienz vernichtet.

Dreimal soviel Kloppe für die Kleinsten

Im Bereich der schulischen Bildung wird deshalb so getan, als könne man mit neuen pädagogischen Konzepten dem Verfall entgegenwirken, damit man nicht einräumen muss, dass die Schulpolitik weder ihre Hausaufgaben gemacht hat noch vorhat, dies demnächst zu tun. Wenn in Bayern nur 4,8 Prozent der Jugendlichen ihre Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, in Mecklenburg-Vorpommern hingegen 11,9 Prozent, dann liegt das offensichtlich weniger an genetischer Blödheit oder mangelhaften pädagogischen Konzeptionen, sondern an der Ausstattung der Bildungseinrichtungen einerseits und der Motivation der Lernenden andererseits. Und die fehlende Motivation in den neuen Ländern entsteht ebenfalls nicht aus falschen oder unmodernen Unterrichtsmethoden, sondern aus einer allgemeinen Agonie und desillusionierenden Berufsaussichten.

Für die Verantwortlichen ist aber solch ein kollektives Problem nur subjektiv, besser gesagt: virtuell, zu lösen. Mit immer neuen pädagogischen Konzepten versucht man, die Kurve zu kriegen oder wenigstens dies den Leuten zu suggerieren. Man denke nur einmal an JüL, das so unschuldig betitelte „jahrgangsübergreifende Lernen“, bei dem (meistens) die ersten beiden Schulklassen in einem dreijährigen Verband unterrichtet werden. Die Idee ist, dass ein Kind mit schlechten Leistungen aus der virtuellen dritten Klasse (d.h. also im Prinzip sitzengeblieben) frisch Eingeschulten auch Hilfestellungen geben kann. Sicher ein faktischer und emotionaler Vorteil, doch ignoriert er die vielen Nachteile, beispielsweise die permanente Unterforderung guter Schüler, die Verlängerung der Schulzeit für schlechte Schüler um ein Jahr, die dadurch erforderliche unspezifische Lehrstoffvermittlung und die Spannungen, die zwischen jüngeren und älteren Schülern in diesem Alter unvermeidbar sind. Jetzt kriegen die kleinsten eben dreimal soviel Kloppe.

Hart auf dem Boden der Wirklichkeit aufgeschlagen

Mit erheblichem politischen und organisatorischen Aufwand wurde JüL in mehreren Bundesländern eingeführt, in Berlin sogar flächendeckend, doch es offenbaren sich auch für Gutgläubige immer mehr die Mängel einer Idee aus dem reformerischen Wolkenkuckucksheim. „Wir haben doch ohne die Mischung schon erhebliche Unterschiede in den Klassen“, bemängelte zeitig eine Schulleiterin. Kleinere Klassen und eine bessere Lehrerausstattung würden viel eher bei der Problemlösung helfen. Doch die kosten ja Geld, noch mehr Geld jedenfalls, als scheitern(müssende)de Reformen. Auch gehen durch den Verzicht auf einen Klassenverband den Jüngsten frühzeitig Bezugspersonen verloren, was eine JüL-Vertreterin zu der objektiv zynischen Bemerkung veranlasste, es sei doch toll, wenn die Kinder immer neue Leute kennenlernen könnten.

2010 erwirkten die Schulen in Berlin durch massiven Druck, zu klassischen Klassen zurückkehren zu dürfen. Massenhaft (in 114 von derzeit 367 Grundschulen) wurde dann davon Gebrauch gemacht, besonders in Bezirken mit schwieriger Klientel wie Neukölln. Die hohe Zahl der Beharrenden dürfte auf die Scham zurückzuführen sein, den Fehltritt einzuräumen. Auch in anderen Bundesländern ist JüL auf dem Rückzug. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Nirgends startete man so enthusiastisch wie in Berlin. Und nirgends ist man so hart auf dem Boden der Wirklichkeit aufgeschlagen. Das altersgemischte Lernen gerät zu einer der Bildungsreformen, die an der Realität scheitern.“

Die dicke Rita aus der 7. Klasse

Damit dürfte wohl auch die sogenannte Inklusion gemeint sein. Inklusion bedeutet im Klartext, dass Gesunde mit körperlich und geistig Behinderten zusammen unterrichtet werden. Grenzen sollen überwunden, Behinderte integriert werden – soweit so gut, doch steht und fällt das Konzept mit der erforderlichen individuellen Betreuung, die natürlich nicht gewährleistet wird, weil ja all diese pädagogischen Nebelkerzen verschleiern sollen, dass eigentlich an der Bildung gespart werden soll. „Stellenneutral“ soll das ganze geschehen, was neben der Verweigerung neuer Stellen bedeutet, dass die mit Behinderten erfahrenen Pädagogen jetzt in den normalen Schulbetrieb integriert werden, und ihre Kompetenz nur noch sehr eingeschränkt einbringen können.

Ist das der geforderte Praxisbezug? Ich erinnere mich jedenfalls noch gut an Rita aus der 7. Klasse, die nicht wirklich behindert war, aber fett und eben ein bisschen blöd. Die Ärmste musste erdulden, wie wir unreifen Idioten ihr täglich unsere Atlanten auf den Kopf donnerten, weil wir der Bevormundung durch die Lehrer entgegentraten, die uns zwingen wollten, zu dieser Außenseiterin besonders nett zu sein – und ich glaube nicht, dass moderne Schüler zimperlicher sind.

Politiker mit hohem Förderbedarf?

Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, der man natürlich auch hier mit besonderer Vorsicht begegnen muss, bräuchte allein Berlin 864 neue Stellen, um das gemeinsame Lernen von gesunden Schülern und – nach neuer PoCo-Sprachregelung – solchen „mit besonderen Fähigkeiten“, sinnvoll zu gestalten. Bundesweit währen das danach fast 10.000 zusätzliche Lehrer. Die Kosten beliefen sich auf 660 Millionen Euro jährlich, wobei nur die Personalkosten erfasst sind.

Das Ganze verdanken wir nicht nur dem Reformeifer der Politiker und Pädagogen, sondern auch einer UN-Konvention, in der sich Deutschland verpflichtet hat, „Kinder mit hohem Förderbedarf“ an Regelschulen zu unterrichten, also nicht mehr in einem eigenen Programm zu fördern. Um die Dimensionen zu verstehen: Wir reden von einer halben Million Menschen. Da trifft es sich gut, könnte man zynisch einwerfen, dass auch viele normale Schüler inzwischen nicht mehr weit vom Behindertenstatus entfernt sind. Über den Zustand der verantwortlichen Politiker kann nur spekuliert werden.

Nebenbei wird die Lüge zum pädagogischen Konzept

JüL und Inklusion könnten also vielleicht funktionieren, wenn mit zusätzlichen Pädagogen eine individuelle Betreuung erfolgte. Doch was könnte mit solchen zusätzlichen Pädagogen überhaupt alles bewirkt werden…? Andere Reformen leiden nicht unter solchen ökonomischen Einschränkungen, sondern nur unter den geistigen Defiziten ihrer Initiatoren. Sie entspringen der so irrsinnigen wie idealistischen Idee der Aufklärung, Menschen könnten unabhängig von der historischen und materiellen Situation jedes naturgegebene Problem lösen, indem sie das gewünschte Ziel bar funktionaler Mittel einfach ansteuerten.

Eine dieser Reformen tarnt sich mittels des Namens „Lesen durch Schreiben“ (LdS), gemeint ist aber eher Schreiben durch Hören. Virtuelle Erfolge sind garantiert, wenn der Zwerg „Toa“ für Tor und „Rat“ für Rad schreibt. Loben für jeden Fehler ist integraler Bestandteil von LdS. Einem Vater, der fragte, wie er bei seinem Kind auf Falschschreibungen reagieren solle, wurde geantwortet, dies entweder als richtig zu bewerten oder ausweichend zu antworten. Nebenbei wird so auch noch die Lüge zum pädagogischen Konzept.

Eingeschränkte Wahrnehmung der Wirklichkeit

In Fachforen schwärmen reformbegeisterte Lehrer von den Erfolgen, zumindest solange, bis noch nicht in den höheren Klassen auf korrekte Rechtschreibung umgestellt wurde. In einer unabhängigen Studie stellte sich heraus, dass nach dem ersten Jahr beim herkömmlichen Unterrichtsstil noch 6 Prozent der konventionell unterrichteten Schüler Probleme hatten, bei LdS aber 16 Prozent. Richtig erschreckend war der Test nach dem zweiten Jahr: Hier gab es bei den „Normalen“ eine Verbesserung auf 5 Prozent, doch bei den Reformierten war inzwischen ein knappes Viertel zum Problemfall geworden.

Warum werden eigentlich durchaus verständliche Illusionen bei Pädagogen nicht durch die Erfahrungen der Praxis korrigiert? Unter anderem, weil es doch ein schönes Gefühl ist, vor lauter kleinen Kindern zu stehen, die Spaß haben und nicht mit frustrierenden Misserfolgen zu kämpfen haben, die das Lernen nun einmal vorübergehend mitsichbringt. Originalton: „Der Erfolgsdruck der Fibel, bestimmte Buchstaben in einer bestimmten Zeit zu schaffen, ist weg.“ Wie schön! Die Reformer ignorieren ihre Fehler aber auch, weil Ideologien einen eingebauten Rechthabemechanismus haben, der die Wahrnehmung der Wirklichkeit einschränkt.

Es braucht eine effektive Kommunikationsmöglichkeit

Hinzu kommt eine politische Grundhaltung, die unser Land seit der Studentenbewegung in die Irre führt. Wir haben das explizit bei der Abschaffung der alten Rechtschreibung durch die Rechtschreibreform erfahren: Besonders Pädagogen (neben Schulbuchverlagen und abgedrehten Sprachexperten) machten sich dafür stark, weil die alten Ideologien von Klassenkampf, Herrschaft durch Sprache und einer zu zerschlagenden Klassenschule den Marsch durch die Institutionen angetreten haben, teilweise ohne dass diese politischen Wurzeln den Akteuren noch bewusst wären. In der damaligen paradigmatischen Situation wurden die bürgerlichen Werte Lernen und Leistung schlicht aufgekündigt. Das ganze Land befindet sich seitdem in einem unausgesprochenen, wahnwitzigen Kulturkrieg von Bewahrern und Zerstörern.

Und schließlich findet auch der alte Kampf zwischen kollektiven und individualistischen Sichtweisen statt. Damit das Kollektiv, also das Land, besser funktioniert, braucht es eine effektive Kommunikationsmöglichkeit, in diesem Fall die Sprache. Dem Individualisten ist das egal, besonders in einer Zeit, in der Maschinen den Menschen das Rechnen und Schreiben mehr und mehr abnehmen. Selbst dieser Text wird mit einem Texterfassungsprogramm diktiert. 😉 Eine entwickelte und korrekte Sprache wird in der individualistischen Denkweise mehr und mehr zu einer zu korrigierenden Belastung.

Die Synthese von Versuch, Irrtum und Bewahren

Deshalb geht es derzeit auch der Schreibschrift an den Kragen. In Hamburg ist die Pflicht zum Erlernen der Schreibschrift bereits abgeschafft. Ganzen Schulgenerationen wird damit die Fähigkeit genommen, sich flüssig schriftlich auszudrücken oder Gedanken jederzeit und überall schnell festzuhalten. Wer solche Reformen predigt, sollte einmal in die USA fahren, und sich das unleserliche Blockschrift-Gekritzel jüngerer Generationen anschauen.

Was ist Fortschritt? Die Synthese von Versuch, Irrtum und Bewahren. Tradition hält die Erkenntnisse gelungener Experimente fest und ist somit der Garant des Funktionierens einer Gesellschaft. Manchmal blockiert die Tradition allerdings, sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb, Experimente, die die Gesellschaft weiter optimieren könnten. Nötiges und sinnvolles Ausprobieren neuer Wege hat immer seine Berechtigung – allerdings nur, solange nicht ein ideologisches Ziel den Wissensdrang in diesem Prozess aushebelt. Experimente sind notwendig, aber sie müssen durch gesunden Menschenverstand gelenkt werden, sonst ist das Experiment nicht ein Versuch auf einem ohnehin steinigen Weg, sondern von Beginn an ein Weg in die Sackgasse.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel