Mehr Zerstörung als im Bombenkrieg

Daniel Libeskind drohte der Berliner Verwaltung, sie als judenfeindlich zu brandmarken: Wie ein Machtkartell deutsche Architektur beherrscht und alte Substanz zerstört.

Dls das Opernhaus von Sydney geplant wurde, sollte es 3,5 Millionen Pfund kosten, am Ende waren es 50 Millionen. Das war für manche weniger schlimm als die Tatsache, dass es statt 1965 erst 1973 fertig wurde. Dicht dran in der Bilanz gebauten Schreckens ist die Hamburger Elbphilharmonie, die es wohl bei einer Verzehnfachung der Kosten belässt, dafür aber in der Gesamtsumme bei 789 Millionen Euro liegt. 2003 war hier Baubeginn, die Fertigstellung rückt so rasant näher wie Achilles der Schildkröte.

Da haben wir wohl nach heutigem Anschein mit dem Berliner Pannenflughafen noch Glück gehabt. Der Aufruhr in der Öffentlichkeit ist verständlich, doch die Frage bleibt, warum uns ein paar Millionen Euro stören, die andernfalls wer weiß wo verjubelt worden wären, wenn wir kritiklos hinnehmen, dass unsere Umwelt mit Scheußlichkeiten zugebaut wird. Ist das, was weltweit passiert, nun Dummheit oder Absicht?

Wohnen in besseren Lagerhallen

In Berlin beispielsweise entsteht gerade rund um den doch noch recht ansehnlichen, von Ingenieurskunst geprägten Hauptbahnhof auf alten Gewerbeflächen einerseits ein komplettes neues Stadtviertel mit Hotels, Bürogebäuden und 560 Wohnungen und gleichzeitig nach gegenwärtigem Stand der Planung eine Albtraumlandschaft aus kahlen, uninspirierten und deprimierenden Betonflächen. Warum ist das so, und das nicht nur hier? Es wäre ja eigentlich nicht schwer zu erkennen, wo Menschen gerne hinziehen oder sich aufhalten, also zu erkennen, dass sie ganz andere Vorlieben haben, als in besseren Lagerhallen zu wohnen, dort zur Schule zu gehen oder aus ihnen regiert zu werden. Ebenso ist für den gesunden Menschenverstand schon bei den ersten Skizzen der Architekten sichtbar, wie die Quartiere bei der Fertigstellung die Verslummung bereits in sich bergen.

Der Schweizer Max Dudler, der den Architekturwettbewerb für die genannte Europa-City gewann, ist in Berlin kein Unbekannter. Er baute an zentralen Orten, etwa die Erweiterung des Umweltministeriums oder die neue Bibliothek der Humboldt-Universität. Sein Markenzeichen: düster und kubisch, Fenster, wo sie denn sein müssen, von außen möglichst unsichtbar – nicht zu vergessen die erheblichen, millionenteuren Baumängel. Es kann also niemand behaupten, man habe von nichts gewusst. Und Dudler ist kein Einzelgänger, sondern nur ein Gesicht des bauenden Mainstreams.

Destruktive Strukturen

Wie überall, wenn es in der Gesellschaft schiefläuft, liegt das mitnichten ursächlich an den Personen, die es schieflaufen lassen. Die Figuren sind nur die Marionetten, die an destruktiven gesellschaftlichen Strukturen hängen. An der Architektur lässt sich das so gut wie nirgends sonst zeigen: Es ist auch hier ein Strukturprozess, ein Prozess des Niedergangs. Dazu ein anderes Mal an dieser Stelle noch mehr, heute mögen uns einmal nur die konkreten Machtstrukturen interessieren: An den Universitäten gilt seit fast 100 Jahren die Doktrin von der Klassischen Moderne, die sich durch programmatische Schlichtheit, (ehemals) linkspolitische Orientierung und geometrische Formen, besonders solche, die auf dem rechten Winkel basieren, definiert.

Speziell in Deutschland und der Schweiz, wo die Seuche erstmals auftrat, hat sie an den Universitäten den Status einer Religion. Wem nach dem zweiten Semester noch nicht entsprechend das Gehirn gewaschen wurde, der wechselt entnervt das Fach oder wird einfach aussortiert. Dissidenten, die nach Studienabschluss einer modernen Moderne oder irgendeiner anderen Ästhetik folgen, lassen sich im Promillebereich messen.

Zum Schrägdach unfähig

Die Universitäten betreiben so Kulturvernichtung in großem Maßstab. Moderne Architekten sind beispielsweise aufgrund ihrer Ausbildung in der Regel nicht mehr in der Lage, ein Schrägdach zu bauen. Sie haben auf das Funktionale reduzierte Rasterpläne in ihren Computerdateien, die nur minimal abgewandelt zu werden brauchen, um den angeforderten Minimalansprüchen zu genügen. Unter „form follows function“ wurde dieses Billigbauen ästhetisch-ideologisch hoffähig gemacht. Dabei halfen auch fleißig die sogenannten Architekturkritiker mit, die ja aus derselben Denkschmiede kommen. Und so gerastert sieht es inzwischen auch in den Köpfen der Planer aus; die Fähigkeit zum kreativen Denken geht in einem Prozess der Anpassung verloren.

Nun werden aber nicht nur die Architektenschaft, sondern auch die Fachleute in der Verwaltung von diesen Universitäten beliefert. Daraus entsteht ein in sich stabiles Machtkartell, eine Lobby, eine ökonomische Interessengemeinschaft, für die das Festhalten an ihrer Ideologie ein wesentliches ökonomisches Überlebenskriterium zur Ausgrenzung anderer Denkweisen ist. Hinzu kommt, dass die Klassische Moderne aufgrund ihrer funktionalen Schlichtheit kostengünstig ist und damit kurzsichtig denkenden Bauherren, also meist seelenlosen Kapitalgesellschaften, entgegenkommt. Der Bauherr alter Prägung erzeugte ein Gegengewicht, weil er auf die Werthaltigkeit seiner Immobilie achtete.

Ideologische Architekturwettbewerbe

Wenn nun ein Architekt sein Datei-Kartenhaus vom Computer hat fertigzeichnen lassen, lässt er es erst vom Bauherrn billigen und legt es dann der Bauverwaltung vor. Diese ist dann erfreut, weil sie ja aus derselben Ideen-Zuchtanstalt rekrutiert wurde. Katastrophal wird es schließlich, weil diese Planer, der menschlichen Natur folgend, ihre Umwelt nach ihren scheinbar eignen Vorstellungen formen wollen. Deshalb üben sie in jeder Form Druck auf Abweichler aus, was praktisch in Berufsverbote mündet.

Wo die eigentlich der Baukunst verpflichteten Verwaltungsbeamten nicht die direkte Entscheidungsgewalt ausüben können, installieren sie Architekturwettbewerbe. Angeblich ist das eine demokratische und unabhängige Entscheidungsfindung, die der besten Qualität zum Durchbruch verhilft. Tatsächlich ist es durch die dortige Versammlung von Architekturideologen eine Bündelung aller negativen Elemente der Sparte. Dummerweise ist das in einer Gesellschaft, die dem Expertenkult huldigt, noch kaum jemandem aufgefallen.

Mehr Zerstörung als durch den Bombenkrieg

Auch bei der Europa-City vernebelt ein Jurymitglied die triste Realität der 4000 Euro/qm-Wohnungen und verwandelt virtuell Wasser zu Wein. „Da es sich um keine typische Wohnlage handelt, mussten die Entwürfe mit einer hohen gestalterischen Qualität überzeugen“. In der Zeitung liest sich die wundersame Qualitätsvermehrung journalistisch korrekt so: „Um Vorwürfe einer fehlenden architektonischen Qualität zu verhindern, hatte die Senatsbaudirektorin verordnet, dass nur noch nach einem ausgerufenen Architekturwettbewerb neue Gebäude entstehen dürften, um der stadtbildprägenden Lage des Quartiers gerecht zu werden.“ Da wurde wohl der Bock zum Gärtner gemacht…

Kritiker sagen inzwischen unwidersprochen, in Deutschland sei durch moderne Architektur mehr historische Substanz zerstört worden als durch den Bombenkrieg. Der Wahn einer eigentlich schon lange unmodern Moderne ließ einst systematisch den Stuck von Gründerzeithäusern abschlagen, ließ wertvolle historische Substanz zu Gunsten einer höheren Ausnutzung abreißen und platzierte brutal Kistengebäude in gewachsene Ortslagen. Bonn und Hamburg sind die Opfer einer vermessenen Ideologie, aber bei weitem nicht die einzigen.

Offene Drohungen

Und wenn irgendwo mal ein Architekt gegen den Strom schwimmt und entweder eine innovative moderne Architektur vorschlägt oder historische Qualitäten wiedergewinnen will, wird er als Lachnummer oder Reaktionär ausgegrenzt und beruflich für vogelfrei erklärt. Man denke an die Kampagnen gegen Friedensreich Hundertwasser, Ricardo Bofill oder Antoni Gaudi.

Einige wenige konnten sich unter erheblichem existenziellen Druck oder unter dem Patronat engagierter Mächtiger dann doch durchsetzen. Wenn dann aber beispielsweise das Hotel Adlon in Berlin in sanft modernisierter Form den Platz am Brandenburger Tor wiedergewinnen half, mussten die Architekten anschließend dafür büßen, indem potentiellen Bauherren bei neuen Projekten von der Verwaltung durchgängig gedroht wurde, wenn man mit diesen Architekten arbeite, werde es bei der Durchführung „erhebliche Schwierigkeiten“ geben.

„Ist doch alles Disneyland“

Wirkliche moderne Architektur konnte in Berlin nur von Daniel Libeskind mit seinem inzwischen hochdekorierten Jüdischen Museum verwirklicht werden und das auch nur, indem er der Berliner Verwaltung drohte, sie als judenfeindlich zu brandmarken. Und will jemand in historischer Bausubstanz eine Lücke schließen, heißt es „Wir können doch nicht überall historisch bauen“ oder: „Das ist doch alles Disneyland“. So bleibt materiell und ideell sichergestellt, dass die Klassische Moderne ihre Gewaltherrschaft auch im zweiten Jahrhundert ausüben kann.

 

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel