Zorn der Mitglieder treibt die AfD

Auf dem Europa-Parteitag der AfD in Berlin ist die Zahl der Bewerber groß. Deren Vorstellungsrunden geben einen Blick ins Innere einer zutiefst empörten Bürgerschaft.

Bernd Lucke ist nicht da. Er hat einen Termin in Freiburg. Aber das fällt an diesem Samstag im Maritim-Hotel in Berlin Mitte nicht weiter auf, wo die Alternative für Deutschland (AfD) ihren Europa-Parteitag fortsetzt. Am vergangenen Wochenende war sie in Aschaffenburg nicht mit der Aufstellung der Kandidatenliste für die Europawahl fertig geworden, hatte aber immerhin Lucke und Hans-Olaf Henkel zu ihren Spitzenkandidaten gekürt.

Eilig haben sie es auch diesmal nicht. Die Zahl der Bewerber ist groß, und jeder muss sich vorstellen. Weil oft sechs oder sieben Bewerber auf einen Listenplatz kommen, wird zunächst elektronisch ein sogenanntes Meinungsbild erstellt, das die Präferenzen der Mitglieder aufzeigt. Dann erst wird abgestimmt.

Ein Fragesteller geht leer aus

Es ist kein Parteitag der großen Reden, sondern der kleinen Statements der Kandidaten oder auch der entlarvenden Fragen aus dem Kreis der Delegierten. Sie lenken hier den Blick ins Innere der AfD und sind dabei vielleicht aussagekräftiger sind als eine einstündige Parteitagsrede. „Welcher Fraktion schließen wir uns denn an, wenn wir in das Europaparlament einziehen?“, will ein Delegierter wissen. Er stellt die Frage gleich mehrfach, weil er wohl annimmt, er sei nicht verstanden worden. Doch das hilft ihm auch nicht, denn die AfD-Ko-Vorsitzende Frauke Petry bittet einfach den nächsten Kandidaten auf die Bühne.

Eine von ihnen ist Kerstin Burkhardt, eine Lehrerin aus der Nähe von Augsburg. Sie wolle den Lobbyismus in Brüssel bekämpfen, sagt sie. Alles müsse offengelegt werden, notfalls unter der Androhung von Haftstrafen. Bekämpfen will sie auch die Bankenunion, denn von der sei nichts Gutes zu erwarten. Und dann wettert sie gegen die politische und ideologische Beeinflussung von Schülern. „In einigen Materialien heißt es etwa: Ohne Euro gibt es kein stabiles Europa“, sagt sie und kündigt an, notfalls gar für die AfD singen zu wollen: „Europe isn’t a country – Europe is a continent  (Europa ist kein Land – Europa ist ein Kontinent)“.

Die Grenzen des Journalismus

Hugh Bronson ist „Jahrgang 1961“, „nicht verheiratet und kinderlos.“ Damit ist er die große Ausnahme unter den Kandidaten an diesem Tag. Denn die meisten, die sich vorstellen, haben drei und mehr Kinder. Bei den Mitgliedern kommt das gut an. Familienpolitik scheint ein wichtiges Thema in der AfD zu sein, auch wenn dies bislang bei den öffentlichen Auftritten der Parteispitze kaum zum Ausdruck kam.

Nun also der kinderlose Bronson, der die deutsche und die britische Staatsbürgerschaft besitzt und von sich sagt, dass er für den britischen Economist schreibe. „Der produktive Teil in Europa wird ausgequetscht”, sagt er. Wenn aber ein Journalist wie er solche Sachen ausspreche, bekomme er kaum noch die Möglichkeit zu publizieren.

Erstmals im Leben in einer Partei

Thomas de Jesus Fernandes geht mit den „EU-Bürokraten“ ins Gericht, „die selbst noch nie etwas Produktives gemacht haben”. Und der Wirtschaftsprofessor Michael Wüst wirft der gesamten politischen Konkurrenz vor, im Kern sozialistisch zu sein. Damit meine er ausdrücklich auch die Union und die FDP.

Nun geht die Ärztin Christiane Gleissner ans Pult. Sie habe jahrelang zornig wegen der politischen Zustände über der Frühstückszeitung gesessen, sagt die Hessin. Doch dann habe sie die AfD entdeckt und sich erstmals in ihrem Leben einer Partei angeschlossen.

Mitglieder aus bürgerlichen Milieus

Dieser Satz fällt oft an diesem Samstag in Berlin. Die meisten haben früher im Traum nicht dran gedacht, in eine Partei einzutreten. Erst die Eurokrise veränderte ihre Einstellung radikal. Seither glauben sie, dass die Politik so gut wie alles falsch mache.

Wer durch die Reihen schaut, sieht viele ältere Gesichter. Die Männer tragen Krawatte, die Frauen Kostüm. Sie alle stammen aus bürgerlichen bis gutbürgerlichen Milieus. Dennoch gibt es auch Stimmen wie jene von Menno Aden, der bei seiner Vorstellung sagt: „Die Türkei gehört nicht in die EU.“ Die kulturellen Unterschiede seien einfach zu groß.

Ein launiger Hans-Olaf Henkel

Zwischendurch tritt Hans-Olaf Henkel ans Mikrofon und streut ein wenig Humor in die Runde. Die Bundesregierung habe sich in der Euro-Politik völlig verhaspelt, sagt er: „Die wollten mal nach Maastricht fahren, jetzt fahren sie nach Athen.“ Den Vorwurf, die AfD sei eine Professoren-Partei kontert er: „Endlich mal eine Partei mit Leuten an der Spitze, die von der Wirtschaft etwas verstehen.“ Und den ihr nachgesagten Populismus verortet er vielmehr bei der CSU in Bayern. „Wer populistisch ist, das zeigt uns der Ministerpräsident ,Drehhofer’ regelmäßig. Man kann doch Sozialmissbrauch nicht nur bei Ausländern verfolgen“, sagt er in Anspielung auf die CSU Parole „Wer lügt, der fliegt“.

Henkel erweckt den Eindruck, als wolle alle Welt der AfD irgendwas ans Heft flicken. „Und dann heißt es immerzu, wir seien rechts“, sagt Henkel. „Wenn die SPD und die Union nach dem Zweiten Weltkrieg genauso akribisch gegen Rechte vorgegangen wären wie die AfD, dann hätten wir keine NSDAP-Leute und keine Mitglieder der Waffen-SS  in führenden Positionen gehabt.“

Konservative Kandidaten

Mit einem kurzen Schlenker zur aktuellen Politik beendet er sein Intermezzo. Es sei unsinnig, wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble von den Vereinigten Staaten von Europa rede. „Belgien hat nur zwei Sprachen, und das ist schon eine zuviel“, sagt Henkel und schließt mit der Forderung: „Der Euro muss weg.“ Nicht nur dafür ist ihm der Applaus hier sicher.

Schließlich wurde der zum rechten Flügel gerechnete Markus Pretzell aus Nordrhein-Westfalen auf den 7. Listenplatz gewählt, Marc Jongen (Baden-Württemberg) kam auf Platz 8, und der konservative frühere ARD-Korrespondent Paul Hampel (Niedersachsen) auf Platz 9. Hugh Bronson schaffte es dann bei seiner Bewerbung um den 12. Listenplatz.

Strategiepapier

Bei der Wahl des Europaparlaments am 25. Mai rechnet sich die AfD gute Chancen aus. Aktuelle Umfragen sehen sie bei 4 bis 5 Prozent. Einzig das Umfrageinstitut Emnid taxiert sie in einer Umfrage zur Europawahl auf 7 Prozent.

In einem Strategiepapier hat die AfD deshalb fünf Zielgruppen identifiziert, auf die sie sich im Europawahlkampf konzentrieren möchte: Euro-Skeptiker, Menschen mit liberal-konservativer Wertehaltung, Protestwähler, Nichtwähler und Wähler in Wahlbezirken mit geringem Durchschnittseinkommen. Das Wahlprogramm für die Europawahl soll jedoch erst auf einem weiteren Parteitag am 22. und 23. März in Erfurt beschlossen werden.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel