Ausdruck einer faulenden Kultur

Die Sendung Markus Lanz ist weder böser Wille einer Sendeanstalt noch ein Unfall, sondern ein struktureller Ausdruck der fortgeschrittenen Degeneration der Medien  insgesamt.

Zufällig war ich in das Medienereignis des Jahres geraten, obwohl ich das da noch nicht wissen konnte. Markus Lanz machte in einer Talkshow die Linken-Ikone Sahra Wagenknecht fertig. Nach allen Regeln der schwarzen Schwatzkunst. Er zeigte, dass man den in diesem Blog viel beschriebenen Niedergang noch steigern kann: mit dem Begriff „Niedertracht“ nämlich.

Nach sieben Minuten war mir vom Fremdschämen so übel, dass ich wegschalten musste, und dachte, damit wäre die Sache erledigt. Doch inzwischen hat sich gezeigt, dass es sich nicht um den einmaligen Fehltritt eines Wirrkopfes handelte, sondern um einen beispielhaften Exzess eines degenerierten Mediensystems. Nichtsdestotrotz: Es gibt Hoffnung.

Raus mit Markus Lanz

All diejenigen, die im Original nicht dabei sein konnten und die die anschließenden Kampagnen nicht so aufmerksam verfolgt haben, können sich die Passagen hier auf GEOLITICO VIDEO noch einmal anschauen. Es lohnt sich, ein paar Minuten später einzusteigen, weil der ZDF-Moderator einige Zeit brauchte, um auf Hochtouren zu kommen. Dann wurde unterbrochen, unterstellt und beleidigt, dass man glaubte, in einer Sitcom zu sein. Für Zuschauer jeder politischen Couleur ging Frau Wagenknecht mit ihrer ruhigen Unerschütterlichkeit als Lichtgestalt aus dieser Veranstaltung. Musste das sein?

Normalerweise ginge am Folgetag einer solchen Medien-Ungeheuerlichkeit jeder zur Tagesordnung über, doch diesmal war anscheinend das Maß voll. Eine Privatperson stellte eine Petition „Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr!“ ins Internet, die innerhalb weniger Tage mehrere 100.000 Unterstützer fand. Weit mehr als 10 Prozent der gesamten Zuschauerschaft haben sich also die Mühe gemacht, das Petitionsformular auszufüllen. Andere Petitionen zu scheinbar bedeutenderen Themen kommen nicht entfernt auf eine solche Flut von Unterzeichnern.

Kunst des fairen Streitgesprächs

Es war ein Widerstand gegen politische Parteinahme, gegen Ungerechtigkeit, gegen Dummheit, aber bei den meisten wohl auch gegen sittliche Verwahrlosung. Die Kunst des fairen Streitgesprächs – mit oder ohne laufende Kameras – ist ein wichtiges zivilisatorisches Merkmal. So lösen wir in einer funktionierenden Gesellschaft Streitfälle auf, und so entwickeln wir uns weiter. Was Lanz hier ablieferte, war das Gegenteil, war die Anarchie des Pöbels, vor der bürgerliche Systemstabilisierer wie er uns doch immer warnen wollen.

Wir waren den Stil vom Reality-TV und von Politiker-Debatten gewohnt, doch hatten wir immer noch die Hoffnung, dass das von uns dafür bezahlte öffentlich-rechtliche Fernsehen die schlimmsten Auswüchse von uns fernhält. Doch Lanz ist weder böser Wille einer Sendeanstalt noch ein Unfall, sondern ein struktureller Ausdruck einer faulenden Kultur und fehlender Selbstreparatur-Fähigkeiten des Apparats.

 Fehler leugnen heißt die Methode

Deshalb zuckte Lanz auch demonstrativ und uneinsichtig die Achseln: „Es muss möglich sein, kritische Fragen zu stellen.“ Und fand dabei demonstrative Unterstützung bei seinem ZDF-Programmchef Norbert Himmler: „Ich stehe fest zu Markus Lanz, und die Zuschauer offenbar auch.“ Immerhin musste man einräumen, zu Unrecht auf Zuschauerproteste geantwortet zu haben, dass Wagenknecht „mit dem Gespräch sehr zufrieden“ gewesen sei.

Der Apparat der Mächtigen im System des Niedergangs ist auf ganz andere Fähigkeiten als Fehlerbereinigung optimiert. Nicht Fehler korrigieren, sondern Fehler leugnen heißt die Methode. Und damit das nicht so auffällt, schreit man „Haltet den Dieb“ und setzt zum Gegenangriff an. Diese Petition macht dem System der systematischen Entmündigung also Angst; Widerstand war man schon nicht mehr gewöhnt. So erklärt sich die drastische Reaktion und der energische Schulterschluss der meisten Medien. Vom Pöbel im Internet, der sich wieder mal zur digitalen Jagd zusammenrottet, war sogar die Rede.

„Animalische Rudel-Aggression“

Ein Angriff auf die Herrschenden ist eben immer Majestätsbeleidigung, und die Medien hatten es sich doch im Schoß des Systems schon so schön bequem gemacht. In gewohnter Selbstgerechtigkeit sprang dem Fernsehen auch die Presse zu Hilfe. Die einen betonten, Lanz sei doch ein ganz Netter und sammele sogar für die Welthungerhilfe, die anderen griffen zu Verschwörungstheorien und behaupteten, bei der Petition sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn ein selten komischer Kabarettist lieber das Volk kritisiert als die Mächtigen, so wie Dieter Nuhr, der eine (kurz darauf gesperrte) Gegenpetition „Gegen digitales Mobbing, binäre Erregung und Onlinepetitionswahn“ ins Leben rief. Die Einladung zum nächsten Presseball hat er damit sicher.

Besonders infam argumentierte ein gerngesehener Gast in der Lanz-Show, Hajo Schumacher. Prominent platziert durfte er im Kommentar der Berliner Morgenpost schwadronieren, Lanz habe mit seinen Ausfällen für „immensen Unterhaltungswert“ gesorgt. Die Zuschauer sollten dankbar sein „für solche Momente des Nicht-Geplanten“, sagte er ausgerechnet zu einem Moderator, der dafür bekannt ist, fast jeden Satz von großen Karteikarten abzulesen. Doch damit nicht genug: Für Schumacher geriet die Lanzsche Peinlichkeit sogar zum Exempel funktionierender Demokratie und einer „Vielfalt, die es auszuhalten gilt“. Deshalb hatte er auch keine Skrupel, den demokratischen Widerstand gegen schlechtes Fernsehen und schlechte Manieren unflätig zu diskreditieren. „Was manche Schwarm-Intelligenz nennen, ist bisweilen animalische Rudel-Aggression. Höchste Zeit für eine Online-Petition gegen schwachsinnige Online-Petitionen.“

„Lanz steht für Flachland-Entertainment“

Da wächst also zusammen, was zusammen gehört. Und wenn die Medien ihr Meinungsmonopol ohne moralische Bedenken retten wollen, bleibt nur das Internet als Forum des demokratischen Austauschs, auch wenn ein lauer Piratenkapitän den Mainstream-Medien beistehen zu müssen meinte. Der Medien-Blogger Stefan Niggemeier schrieb launig über die Lanz-Veranstaltung: „Es war, als würde man versuchen, eine inhaltliche Diskussion mit einem Sechsjährigen zu führen, der als Argumente zweihundert Fleischbällchen in Tomatensoße hat und bereit ist, jedes einzelne abzufeuern.“

Wenigstens durfte im Tagesspiegel wenn schon kein Journalist so doch der Medienforscher Bernhard Pörksen das wilde Treiben der Medien kritisch analysieren. Für ihn ist Lanz eine Symbolfigur des Protestes gegen den Zustand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und ein Ausdruck von Medienverdrossenheit. „Lanz steht für ein Flachland-Entertainment, das man eher bei den Privaten erwarten würde und nicht bezahlen will.“

Es geht um Respekt und Anstand

In der Tat ist der vehemente Protest eine Folge lang unterdrückter Frustration und ein Aufbruch aus der Hilflosigkeit. Das Mittel der Petition dürfte aber nun schon verbraucht sein, neue Formen des Protestes tun not. Auf alle Fälle war der Widerstand ein lange vermisstes Aufbegehren, ein Wiedererwachen demokratischer Artikulation. Für mich ist aber nicht der dadurch anvisierte Zustand der deutschen Medien die eigentliche, damit berührte Kernfrage. Es ist eben nicht nur eine Debatte über Lanz, es geht auch nicht nur über die Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Das Thema dahinter ist der Zustand von Respekt und Anstand in diesem Land. Wenn Kommentatoren großer deutscher Zeitungen es „belebend“ finden, dass Gesprächspartner beleidigt und aggressiv behandelt werden, wenn Arroganz jede Einsichtsfähigkeit verhindert, was soll man dann von denjenigen erwarten, die permanent damit konfrontiert werden?

Doch bei denen mag es um die Moral durchaus besser bestellt sein. Und was man dort von Leuten wie Lanz hält, wird nicht nur in Online-Petitionen abgestimmt. So bekam das Schandmaul von den Untertanen der Medien-Zaren gleich die nächste Quittung. In seiner zweiten Sendung „Wetten, dass…?“, dem aufwändigen Paradepferd des ZDF-Showgeschäfts, sank vor einer knappen Woche die Zuschauerzahl auf 6,3 Millionen und damit einen neuen Minusrekord. Fast gleichzeitig feierte eine Sendung neue Rekorde, die von den Affirmationsmedien gerne als Schund bezeichnet wird, die aber in fünf Minuten geistreicher ist, als ein Dieter Nuhr in seinem kompletten Programm. 8,3 Millionen schalteten am späten Abend das Dschungelcamp ein. Und da bietet sich doch eine Perspektive für Lanz, die seinen Fähigkeiten entspricht: Schlammcatchen im nächsten Dschungelcamp.

 

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel