Der Niedergang der Arbeitskultur

Junge Akademiker erleben nun, was Millionen Ein-Euro-Jobber, Teilzeit- und Minijobber seit langem erleiden. Arbeit und Leistung werden mit Verachtung gestraft.

 

Es gab eine Zeit, das war der Studienabschluss Garant für eine gutbezahlte Position in Wirtschaft und Wissenschaft. So war es in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber bereits in den achtziger Jahren hatte sich die Situation für Studienabgänger dramatisch verschlechtert. Bei den Geisteswissenschaftlern überschwemmten Lehramtsanwärter den Arbeitsmarkt: Deutschlehrer, Englischlehrer, Geschichts- Sozialkundelehre. Sie alle waren Opfer einer falschen Bildungsplanung und den Sparprogrammen des Staates. Die Universitäten hatten weit über den Bedarf hinaus Lehrer ausgebildet, statt die Kapazitäten einzuschränken und Studienplätze in anderen Bereichen zu schaffen.

Also bewarben sich nicht eingestellten Lehrer für andere Berufe und konkurrierten plötzlich mit Germanisten, Historikern und Politologen um aussichtseiche Jobs an Universitäten, in Verlagen und Medien.

Einfluss der Ärzte-Lobby

In den neunziger Jahren dann ging es für Ingenieure bergab. Wirtschaftsvertreter hatten immerzu gepredigt, das Land brauche Ingenieure und keine Dichter und Denker. Also wählten bis zu 70.000 Abiturienten pro Jahr ein Ingenieurstudium. Doch nach dem Diplom standen nicht wenige von ihnen auf  der Straße, weil die Wirtschaft eben doch nicht so viele Ingenieure brauchte oder bezahlen wollte. So stieg die Arbeitslosenquote bei Maschinenbauingenieuren 1997 auf über 16 Prozent.

Seit den 1970er Jahren haben die Universitäten also regelmäßig am tatsächlichen Bedarf vorbei ausgebildet. Das aktuell beste Beispiel ist der sich abzeichnende Ärztemangel nicht nur auf dem Land, sondern inzwischen auch in den Städten. All die Jahre hat die Ärztelobby aus Furcht vor sinkenden Einkommen argwöhnisch darauf geachtet, dass die Ausbildungsplätze für den Nachwuchs knapp und die Zulassungsbedingungen zum Studium absurd hoch blieben. Als ob nur derjenige ein guter Arzt werden könnte, der ein Einser-Abitur hat! Jetzt stehen  sie und vor allem Millionen Patienten in Deutschland vor einem Dilemma: Immer mehr niedergelassene Ärzte finden keine Nachfolger mehr für ihre Praxen. Dafür dürften die überdurchschnittlich guten Einkommen bei den niedergelassenen Fachärzten auch in Zukunft garantiert sein.

Schamlose Arbeitgeber

Der Masse der Akademiker aber geht es heute im Schnitt weitaus schlechter als den Studienabsolventen in den sechziger und siebziger Jahren. Erstens gibt es kaum Möglichkeiten, nach dem Abschluss eine feste Stelle zu finden. Zweitens verdienen sie in den ersten Jahren so gut wie nichts. Und auch danach sieht die Zukunft alles andere als rosig aus.

Woran liegt das? Arbeitgeber nutzen die prekäre Situation der Hochschulabsolventen schamlos aus. Zuerst beschäftigen sie den Nachwuchs als unbezahlte Praktikanten. Die meisten Hochschulabsolventen vergeuden Jahre durch solche Praktika, in denen die Eltern ihnen den Unterhalt und dem Unternehmen die Arbeitskraft finanzieren. Ein Irrsinn!

Akademiker arbeiten für Niegriglöhne

Wird den jungen Leuten dann mal eine Stelle angeboten, bekommen sie Verträge für ein Vierteljahr, vielleicht auch für ein halbes Jahr. Und hin wieder schafft es auch mal jemand in einen Jahresvertrag. In der Regel werden sie bis zu dem Tag, an dem ihr Vertrag ausläuft, darüber im Unklaren gelassen, ob sie einen Anschlussvertrag bekommen. Und wenn sie dann einen bekommen, werden sie mies bezahlt.

Hunderttausende, die jahrelang in ihre Bildung investiert haben, arbeiten für Niedriglöhne, berichtete die „Welt am Sonntag“. Nahezu jeder zehnte Akademiker verdiente 2012 nicht mehr als 9,30 Euro brutto in der Stunde. Bei Frauen liegt die Quote noch höher.

Kaum steuerbare Reaktion

Was die jungen Menschen erleben, ist der Niedergang einer Arbeitskultur, den die Millionen Ein-Euro-Jobber, Minijobber und Aufstocker schon seit vielen Jahren erleben. Hier wird die Arbeitskraft und Leistungsbereitschaft von Menschen mit Verachtung gestraft und ihre Not ausgenutzt. Was sie erfahren, ist einer aufgeklärten, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft unwürdig und provoziert auf Dauer eine möglicherweise eine kaum steuerbare Reaktion.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel