Eusébio oder der Tod einer Ära

 Der Tod Eusébio Silva Ferreiras ist mehr als der Abschied von einer Fußball-Legende. Er war das letzte Symbol des alten Portugal, eines Landes, das es nicht mehr gibt.

 

Über Eusébio Silva Ferreira wird gesagt, dass er ein einfacher Mann war, mit einem großen Lächeln und einem riesigen Herzen. Dieses Herz versagte nun während er schlief. Er war 71 Jahre und der größte Fußballspieler, den Portugal je gesehen hat. Eusébio war wohl einer der größten Spieler aller Zeiten und ein Symbol eines Imperiums, das nicht mehr existiert. Eine ganze Nation weinte und dankte ihm.

Geboren wurde Eusébio 1942 in Mosambik als Sohn eines angolanischen Eisenbahnarbeiters, der früh verstarb. Er war sehr arm und spielte mit anderen Kindern im benachteiligten Teil der Lourenço Marques (heute Maputo). Der Verein, der mit seinem späteren Arbeitgeber Benfica  verbunden war, nahm ihn zunächst nicht auf, weil er so klein war. Schließlich spielte Eusébio für Lourenço Marques, einen Elitären Club, in dem Schwarze in der Regel nicht willkommen waren. Dort wurde sein Talent allerdings sofort erkannt. Man schickte ihn 1961 in die Hauptstadt, wo er überraschend einen Vertrag mit Benfica unterzeichnete. Benfica hatten gerade erst die Europameisterschaft gewonnen – eine enorme Leistung in jenen Tagen.

Eusébio war 19, ein einfacher Junge aus den Kolonien. Er hatte Stil, war schnell und trat den Ball mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Kraft. Er hatte eine überraschende Freude am Spiel, war stets ein Gentleman und nie unfair. Und dieser sanfte Spieler war ein schwarzer Portugiese, das  Produkt des ersten und letzten europäischen Kolonialreichs, eines Kolonialreiches, das in gefährlicher Isolation lebte und sich weigerte, sich zu ändern. Es war außerdem eine Diktatur, in der die drei „F’s“ herrschten: Fatima, Fado und Fußball. Die drei „F’s“ symbolisierten drei Personen: Lucia, die überlebende Schäferin von Fatima, Amalia, die internationale Sängerin und Eusébio, ein schwarzer Fußballspieler.

Diktatur des Professors

Der Diktator war Professor António Salazar, auch er war kein Elitärer und stammte aus der Unterschicht. Salazar verlor nie seinen leichten Akzent nie verloren, über den sich die Eliten lustig machten. Er lebte noch immer im 19. Jahrhundert und verabscheute die Idee der Demokratie. Er sagte, dass diese Innovation vielleicht gut für England sei, aber für Portugal sei das nichts. Der Jura-Professor war ein großer Bewunderer von Benito Mussolini. In den 30er Jahren hatte Salazar ein politisches Regime geschaffen, dass bis 1974 hielt. Er überlistete die Kirche, die Banker, die militärischen und radikalen Faschisten. Seine politische Philosophie war, dass jeder Mensch wissen sollte, wo er hingehört. Ordnung, Disziplin und Hierarchie waren seine Grundprinzipien.

Alle Kolonien waren portugiesisch und somit wurde eine Demokratie innerhalb des Imperiums unmöglich. Das Problem konnte mit solch starren Prinzipien nicht gelöst werden, und so schob das Regime die Suche nach einer Lösung in den 60er Jahren immer weiter hinaus. In den zwei größten Kolonien, Angola und Mozambique, herrschte Unterdrückung und es kam zu bewaffneten Konflikten. In Guiné-Bissau nahm der Krieg Formen des Vietnamkrieges an (ein Viertel den staatlichen Budgets waren militärische Ausgaben).

Als Eusébio dann für Benfica spielte, erkannte das Regime die Gelegenheit, den Europäern zu zeigen, dass unser Land ein multikulturelles Imperium sei. Vermutlich verabscheute Salazar  Fußball. Er war ein Gelehrter, die niemals darüber schrieb, aber das Spiel verstand. Es gibt die  Geschichte, dass Salazar ein Veto gegen einen Millionen-Transfer Eusébios zu Inter Mailand  eingelegte. Wenn das eine Legende ist, dann ist es eine ziemlich gute, weil sie das Schicksal der beiden Männer verbindet.

Das beste Spiel

Das EM-Finale von 1962 war wohl eines der größten Spiele aller Zeiten. Benfica gegen Real Madrid. Eusébio gegen Ferenc Puskas und Di Stefano. Acht Tore, Benfica gewann 5:3. Der junge Eusébio schoss ein Tor und flehte seinen Kapitän Mário Coluna an, der ebenfalls aus Mosambik stammte, den großen Di Stefano höflich nach seinem Trikot zu fragen. Jeder einzelne wusste, dass ihm sein Platz in der Hierarchie und die Ehre sicher war.

Eusébio war ein bescheidener Mann und hielt an dieser Bescheidenheit fest. Er trat nie auf wie ein Star, er war nie reich und begrüßte alle mit einem sanften Lächeln. Seine Sternstunde war die WM 1966. Das portugiesische Team war nicht gerade überdurchschnittlich, aber es hatte Eusébio. Im Viertelfinale spielte Portugal gegen die nicht relevante Mannschaft aus Nordkorea. Doch weil sich die Portugiesen ein wenig überschätzten, führten die Nord Koreaner nach den ersten 30 Minuten schon  3-0. Bis Eusébio den Ball hielt und sagte „wir werden sie besiegen!“. Der Endstand war 5-3, Eusébio schoss 4 Tore und die Leute, die sich das Spiel ansahen, sagten, sie hatten so etwas noch nie gesehen. Ein britischer Reporter erfand einen Spitznamen für Eusébio: Er nannte ihn den „schwarzen Panther“, und treffender hätte er es nicht formulieren können. Eusébio war schnell, elegant und stark.

Im 1966er Halbfinale spielte Portugal gegen England und hätte dazu nach Liverpool reisen müssen, aber irgendjemand bestach den portugiesischen Verband, ein Spiel in Wembley anzunehmen. Also fuhren die Portugiesen nach London. Es war eine skandalöse und korrupte Wendung,  England gewann mit 2-1 und kam ins Finale gegen Deutschland. Eusébio weinte. Er würde nie Weltmeister werden.

Untergang und Fall

Er spielte nie in den reichen europäischen Ligen und war nie das Opfer harter Verteidiger. Sein Niedergang war lang und fiel mit den Kolonialkonflikten zusammen. Tausende von jungen Männern zogen in Kriege, die niemals zu enden schienen.

Salazar erlitt 1968 einen Schlaganfall, der sein Gehirn schwer schädigte. So wurde er für fast zwei Jahre  Hauptprotagonist einer grausamen Geschichte: Er wurde entmachtet, ohne es zu begreifen. Niemand hatte den Mut ihm zu sagen, dass er nicht mehr die Spitze der Regierung war. Das ging soweit, dass er unechte Dokumente unterschrieb und sogar an einem nachgemachten Ministerrat teilnahm. Alle verwöhnten ihn, als sei er noch Diktator. Dieses politische Theater, das ein Schriftsteller hätte schreiben können, lief fast ganze zwei Jahre. Es wird gesagt, dass es ein Gespräch mit Salazar gab, in dem er sagte, dass er verstehe, dass er nicht mehr an der Macht ist; für ein paar Stunden war er sehr aufgeregt, aber er vergaß alles wieder und kehrte in die geiste Umnachtung zurück. 1970 verstarb er im Amtshaus des Ministerpräsidenten, gefangen in seinem beschädigten Gehirn.

Das langsame Ende

Unfähig das koloniale Rätsel zu lösen, zerfiel das Regime im Jahr 1974. Es gab einen Militärputsch und eine Revolution. Die afrikanischen Kolonien wurden zum Schlachtfeld, und eine halbe Millionen Portugiesen mussten fliehen. Die Flüchtlinge kamen in der Mitte der Wirtschaftskrise und einem politischen Kampf zurück. Die Revolutionäre wollten die drei „F“s zerstören. Die katholische Kirche durchlebte einen Gewissenskampf; Fado wurde uncool; Fußball wurde zwar toleriert, aber nur als sozialistisches Gemeinschaftsspiel.

Als Symbol des alten Regimes hätte Eusébio in Vergessenheit geraten sollen, aber das war nicht der Fall. Sie erlaubten ihm auszuwandern und Geld zu verdienen. Doch dann verletze er sich. Später wurde er Opfer von Exzessen und Fehlinvestitionen und weiteren Knieverletzungen. Er hatte die falschen Freunde, wurde betrogen und verlor all sein Geld. Seine Freundlichkeit verlor er darüber aber nie. Er war weiterhin sehr beliebt. Benfica fand einige kleinere Aufträge für ihn. Eusébio wurde zu einer Art Botschafter, zu einm Symbol. Er wurde zu einer Trophäe, denn der schwarze Panther ist sehr selten unter Leoparden.

Große Stars verblassen, und Menschen neigen dazu, sie zu vergessen. Es gibt auch gar nicht viele Bilder von den Toren, die er erzielte. Erinnerungen verändern sich mit der Zeit, aber die richtig guten Erinnerungen werden nie verschwinden. Die Leute schauen eher nostalgisch auf die Vergangenheit und lieben diejenigen, die groß geworden sind. Darum ist dieser emotionale Abgang  dieses großen Fußballspielers bedeutungsvoller, als er auf den ersten Blick erscheint. Die drei „F“s sind nun weg, alle Symbole sind gestorben. Ohne war der letzte, und sein Tod besiegelt das Ende einer Ära.

Jetzt wird er zum Mythos auf Erden und im Himmel für Gottes Mannschaft spielen.

Übersetzung: Anne Lachmann

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Über Luis Naves

Luis Naves ist Journalist und Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in Lissabon. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel