Irrlehren der Ernährungs-Apostel

 Die Sehnsucht nach einer natürlichen Ernährung ist in einer immer künstlicheren Lebensumgebung sogar lebenswichtig.  Woran es fehlt, ist das Maß und die Kenntnis.

 

Vegetarier leben gesünder – sagt wenigstens die sogenannte Oxford-Studie zu diesem Thema. Diese Aussage lässt zwei Interpretationen zu: Entweder sind Vegetarier solche, die gesünder leben, oder sie leben gesünder, weil sie Vegetarier sind. Dies zeigt die Crux solcher Untersuchungen, die gerne ein komplexes Phänomen auf das reduzieren, was sie beweisen wollen. Im konkreten Fall  wurden deshalb auch die Auswirkungen der sonstigen Lebensführung unterschlagen. Vegetarier sind von ihrem Lebensstil her eher keine Raucher, keine Trinker und sie treiben Sport. Inwieweit soviel Korrektheit auch problematisch sein könnte, ist eine andere Frage.

Hier können wir also den Vegetariern nur zu ihrer gesunden und leider auch begrenzt lustigen Lebensführung gratulieren, doch müssen wir konstatieren: Eine akzeptierte Studie, ob der Verzicht auf Fleisch nun der Gesundheit dient, egal ist oder schadet, existiert nicht. Es gibt aber kaum einen Bereich des öffentlichen und privaten Lebens, der so von Ideologie durchsetzt ist, wie das korrekte Essen. Gesund ist das nicht.

Frauen überrepräsentiert

Würde man Konrad Kustos fragen, riete der zu einer möglichst variantenreichen Mischkost, denn der Körper wird, wie die Gesellschaft selbst, mit vielem fertig, nur nicht mit Einseitigkeit. Irgendwie hat es sich aber im Denken und in der logischen Beweisführung eingebürgert, alles auf eine These zuzuspitzen. Deshalb war bei der Oxford-Studie schon deren Konstruktionsidee regelrecht manipuliert. Vegetarier und Frauen waren dort überrepräsentiert und die Fragebögen so aufwändig, dass man erwarten konnte, dass nur eine bestimmte Klientel sie überhaupt ausfüllt.

Im Sinne ungesunder Zuspitzung titelte eine Zeitung dann auch locker: „Wer Fleisch isst, stirbt eher“, obwohl es in der dort zitierten Studie ausdrücklich nur um Wurst und Geräuchertes ging und auch da das Risiko sich doch sehr in Grenzen hielt. Solche Gehirnwäsche durchzieht unser ganzes Leben, und gerne werden auch verschiedene Ideologismen miteinander vermengt. So meldet sich die Universität Halle mit der bahnbrechenden Erkenntnis, dass Frauen weniger Fleisch und Wurst äßen als Männer und sich damit klimakorrekt verhielten. „Würden alle deutschen Männer wie Frauen essen, ließen sich 15 Millionen Tonnen Treibhausgase einsparen.“

Psychische Störungen

Das ist infam, denn wie auch den studierten Hallensern bewusst sein sollte, sind  Männer keine Frauen! Da Männer ein anderes Gewicht und eine völlig andere Muskelstruktur, also eine andere Physiologie haben, müssen sie sich auch anders ernähren. Wenn Wissenschaftler das Spiel spielen, einer gesellschaftlichen Gruppe Schuld zuzuweisen, um sich mediale Aufmerksamkeit zu sichern, sind es keine Treibhausgase, die bei ihnen stinken.

Solche intellektuellen Querschläger kann es in jede Richtung geben. So berichtete das Fachmagazin „Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity“, dass Vegetarier vermehrt zu psychischen Störungen wie Depressionen, somatoformen Störungen und Angststörungen neigten. „In westlichen Kulturen ist die vegetarische Ernährung mit einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen verbunden“, bilanzierten die Autoren, stellten aber wenigstens fest, dass auch sie keine Kausalität hinsichtlich der vegetarischen Ernährung und den psychischen Störungen feststellen konnten. Vielleicht also, könnte man dem entnehmen, sind Vegetarier eben deshalb Vegetarier, weil sie eine Macke hätten?

Pflanzendiät für Hunde

Jenseits aller gestelzten Wissenschaftlichkeit stellt sich natürlich beim Thema „fleischlos“ die kybernetische Frage, ob jemand mit seinen körperlichen oder psychischen Bedürfnissen noch adäquat umgeht, wenn er äonenalte, aus Evolution und Erfahrung gewachsene Verhaltensweisen einfach negiert. Kommt das Wort „Vegetarier“ denn etwa von „vegetieren“?

Manche Vegetarier sollen ja sogar ihren Hunden, klassischen Fleischfressern, eine Pflanzendiät aufzwingen. Artgerechte Haltung sieht wohl anders aus. Besonders bei Veganern, die überhaupt keine tierischen Produkte mehr essen, auch Milch, Eier und Honig nicht, kommt es schließlich nachweisbar zu Engpässen. Proteine, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B12 und D werden gefährlich knapp. Blutarmut und Störungen des Nervensystems sind mögliche Folgen.

Zwangsernährung für Dumme?

Für viele Vegetarier ist die Tatsache, dass dem Fleischessen das Töten von Tieren vorausgehen muss, der Grund für ihr Verhalten. Sie handeln also nicht nach ihren Bedürfnissen, sondern nach einem intellektuellen, um nicht zu sagen ideologischen Prinzip. Hätte es solche Überlegungen schon gegeben, als der Homo sapiens noch in jeder Sekunde seines Lebens wegen eines permanenten Nahrungsmangels um das Überleben kämpfte, könnten wir uns jetzt darüber keine Gedanken mehr machen.

Wir machen uns aber andauernd solche Gedanken mit einer beliebigen Vermischung von allgemeinpolitischer Moral und individuellen Ernährungserfordernissen. Ein Public-Health-Experte etwa, was dies auch immer sein mag, forderte eine Entsalzung von Fertignahrungsmitteln, weil „sonst immer die, die mehr lesen und einen höheren Bildungsgrad haben, einen Vorteil haben“. Eine Aussage von geradezu revolutionären Dimensionen. Am besten, wir führen für die Dummen die Zwangsernährung ein, gell?

Bei Älteren geht der Bio-Trend zurück

Die neuesten Zahlen hinsichtlich der von mir schon mehrfach angesprochenen Bio-Hysterie künden ebenfalls von einer ungesunden Verkopfung unseres Lebens. Wurden 2011 noch „nur“ 2,5 Milliarden Euro für Bioprodukte ausgegeben, waren es ein Jahr später schon sieben  Milliarden. Besonders bei jungen Leuten war Bio im Trend. Hier kauften 25 Prozent der unter 30-Jährigen Bio-Obst und -Gemüse. Ein Jahr zuvor wurden in der Altersgruppe noch 14 Prozent gezählt.

Bei den Älteren geht der Trend allerdings interessanterweise zurück. Vielleicht aus Erfahrung? Haben die etwa gemerkt, dass Körner im Müsli zu erhöhter Gasbildung im Darm führen, weil der menschliche Verdauungstrakt ungemahlenes Getreide kaum verarbeiten kann? In einer niederländischen Studie waren makrobiotisch ernährte Kleinkinder zwischen vier und 18 Monaten körperlich und geistig signifikant hinter den Allesessern zurückgeblieben. Wenn Liebe durch den Magen geht, so könnte man mutmaßen, bildet sich vielleicht bei den älteren Bioskeptikern der Verstand im Darm.

Vermutung, Irrtum und Lüge

Die Medien und die Werbung bestätigen den Ernährungswahn, weil sie glauben, damit auf der Welle des Erfolgs mitschwimmen zu können. Was soll man beispielsweise davon halten, wenn Energy-Drinks damit werben, dass sie mit Bio-Guarana oder ohne künstliche Farbstoffe hergestellt werden? Sie bestehen dennoch hauptsächlich aus Wasser, Zucker und Koffein und sind somit so ziemlich das Ungesündeste, was man legal kaufen kann. Im Unterbewusstsein erfährt der Verbraucher durch solche Behauptungen aber, dass der Begriff „Bio“ ein Wert an sich ist.

So schaukeln sich negative Prozesse im Teufelskreis von Vermutung, Irrtum und Lüge hoch. Und wie es in unserer Gesellschaft nun mal so ist, versuchen die ganz Schlauen damit Geld zu verdienen: Da Kartoffelchips als ungesund gelten, gibt es jetzt natürlich auch Biochips, mit denen sündige Konsumenten den Ablass gleich teuer mitkaufen können. Dummerweise schnitten dazu bei einem Test der Stiftung Warentest die ganz normalen Kartoffelchips erstaunlich gut ab, während ausgerechnet die drei Bioprodukte ein Mangelhaft erhielten.

Körper durch die Evolution optimiert

Auch als das Bundesinstitut für Risikobewertung meldete, Kräutertees enthielten bisweilen krebserregende Stoffe waren kommerzielle Trittbrettfahrer nicht weit. Ein dazu von der Zeitung befragter „Biomediziner“ (?) und Charité-Arzt namens Hohmann gab die zeitgemäße, also das Bruttosozialprodukt erhöhende Antwort: Man möge die teuren Tees trinken, die mit geprüfter (von wem?) Bioqualität oder die aus der Apotheke oder dem Reformhaus. Er hätte als kluger Experte natürlich auch sachlich erklären können, dass solche Messungen auf die natürlichen Gifte zurückzuführen sind, mit denen sich Pflanzen gegen Fraßfeinde wehren.

Das wiederum ist aber, was Geschäftemacher und Medien gerne verschweigen, überhaupt kein Problem, denn der menschliche Körper ist von der Evolution darauf optimiert, mit diesen Stoffen problemlos umzugehen. Deshalb hat er auch mit allen möglichen Chemikalien in der Nicht-Bio-Ware so gut wie keine Probleme. Hätte uns die Natur doch auch gegen hysterische Medienmeldungen oder Wissenschaftler auf der Suche nach medialer Wahrnehmung optimiert.

Hin zum ganzheitlichen Bio

Und die Bio-Ideologie macht im täglichen Leben auch jenseits der Ernährung nicht halt: Die Zeitschrift Öko-Test beurteilte Mückenschutzmittel nach verschiedenen Kriterien und kam zu dem Ergebnis „sehr gut“ und „gut“ für verschiedene Mittel. Dabei wurde, wie sich herausstellte, allerdings nur untersucht, ob die Inhaltsstoffe für die Umwelt problematisch seien und nicht, ob sie tatsächlich wirkten. In der Tat waren die getesteten Mittel laut einer Gegenuntersuchung der Stiftung Warentest vollkommen wirkungslos.

Die Sehnsucht nach einer natürlichen Ernährung ist angesichts einer immer künstlicheren Lebensumgebung nicht nur verständlich, sondern sogar lebenswichtig. Woran es fehlt, ist das Maß und die Kenntnis. Solange wir nicht wissen, was wirklich gut für uns ist, sollten wir nicht maßlos neuen Heilslehren hinterherlaufen. Im übrigen bedarf nicht nur die Ernährung einer angemessenen „Naturisierung.“  Wie wäre es mit letztlich ebenfalls überlebenswichtigen Forderungen wie: „Weg vom Computer und raus in die Landschaft“, „Weg vom Terror diverser Moden und hin zu einem Bekenntnis an die Schönheit des unverbildeten menschlichen Körpers“, „Weg von ‚Schlag den Raab’ hin zu einem gemütlichen Spielabend mit Freunden“? Das wäre mal ganzheitliches „Bio“.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel