In 2014 tickt die 6-Billionen-Bombe

Wie lange hält der Euro noch? / Foto: GEOLITICO Wie lange hält der Euro noch? / Foto: GEOLITICO
Sie sprechen über Schuldenkrisen,auch schon mal über Blasenbildungen. Aber keiner sagt den Menschen die Wahrheit: Euro-Land sitzt auf einem 6-Billionen-Sprengsatz.

 

In ihrem Bestseller  ”Atlas shrugged” formulierte die Philosophin Ayn Rand ihre Sichtweise zum Thema Geld wie folgt:

„Geld ist das Barometer der Rechtschaffenheit einer Gesellschaft. Wenn Sie feststellen, dass Handel nicht im gegenseitigen Einverständnis, … sondern im Zwang ausgeübt wird, wenn Sie erfahren, dass Sie, um Werte zu erzeugen, … eine Genehmigung von denjenigen einholen müssen, welche keine Werte erzeugen, wenn Sie sehen, dass das Geld zu jenen wandert, … die nicht mit Gütern handeln, sondern mit Privilegien, wenn Sie merken, dass Menschen nicht durch Arbeit, … sondern durch Bestechung und Beziehungen reicher werden und durch Gesetze geschützt sind, Gesetze, die Ihnen keinen Schutz vor den Plünderungen gewähren, sondern (im Gegenteil) jene schützen, wenn Korruption belohnt und Ehrlichkeit einem Selbstopfer gleichkommt, dann wissen sie, dass Ihre Gesellschaft dem Untergang geweiht ist.“

Eigentlich bedürfen diese Erkenntnisse keiner fundamentalen Überprüfung.
Um ein besseres Verständnis für die Perfidie der €-Glycerin-Jongleure zu gewinnen, erscheint es gleichwohl notwendig, deren Instrumenten-Kasten etwas genauer anzusehen.

Bail-in-Gefahren

Seit der Zyprisierung von Spareinlagen (vulgo Enteignung) ist vor dem Hintergrund angestrebter Banken-Rettungspolitik eine gewisse Sorge vor plötzlichen bail-in-Maßnahmen ein zunehmender gesellschaftlicher Diskurs entstanden.

Regierungsamtliche Beschwichtigungen verstärken diesen Prozess ebenso, wie die Veröffentlichung von Gedanken-Experimenten des IWF, was u.a. auch eine bereits im September 2011 veröffentlichte, bemerkenswerte Studie der Boston Consulting Group (BCG) mit dem Titel „Back to Mesopotamia“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultierte .

Besagte Studie beschäftigt sich nicht nur mit den Schulden Europäischer Staaten, sondern untersucht gleichfalls die Schulden privater Haushalte und Unternehmen, allerdings ohne die Akteure der Finanzbranche zu berücksichtigen.

Die Erkenntnis: Deutschlands Verschuldung ist um 500 Milliarden Euro zu hoch. Für die gesamte Eurozone werden schlappe  6.000 Milliarden (also 6 Billionen) an zu hohem Verschuldungsgrad ermittelt. Der Studie zufolge müssen also 6 Billionen Euro gefunden werden, um die Finanzen in der Eurozone wieder auf ein erträgliches Niveau zu konsolidieren.

Einmalige Vermögensabgabe

Die BCG empfiehlt die Besteuerung privater Sparvermögen mit einer “one time wealth-tax” (also einer einmaligen Vermögensabgabe!). Nach BCG-Erkenntnissen beträgt die Summe aller privaten Vermögen innerhalb der Euro-Zone rund 18 Billionen Euro. Mit einer Vermögensabgabe von einem Drittel könnte man die ermittelte Schuldenlücke von 6 Billionen Euroa schließen.

Während sich für deutsche private Finanzvermögen ein Anteil von etwa 11 Prozent ergäbe, lägen die Quoten in anderen Euro-Staaten natürlich ungleich höher. Griechische Sparguthaben, so die Studie, müssten beispielsweise mit rund 50 Prozent wegbesteuert werden! (Sofern sie zwischenzeitlich nicht das Land verlassen haben.)

Diese Zahlen sind bereits in höchstem Maße besorgniserregend, aber keinesfalls als “Ende der Fahnenstange” anzusehen, insbesondere da angesichts nebulöser Sonntags-Reden semantischer Sprachschurken durchaus der biblische Eindruck zu entstehen vermag: „Denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Toxische Risiken

Nach Erkenntnissen von Ernst & Young und EconoMonitor schlummern in den Bilanzen europäischer Banken etwa 1000 Milliarden an non-performing loans, also Krediten die seit mehr als 90 Tagen nicht mehr bedient werden. Davon entfallen auf Finanzinstitute aus

  • Italien ca. 250 Milliarden Euro,
  • Spanien ca. 190 Milliarden Euro,
  • Deutschland ca. 183 Milliarden Euro,
  • Griechenland ca. 65 Milliarden Euro,
  • Irland ca. 31 Milliarden Euro.

Diese Summen belasten die  Schuldenstände und Defizite dieser Staaten zusätzlich. Aktuell liegen die Staatsdefizite mit 9 Prozent (Griechenland), 10,6 Prozent (Spanien) und 8,2 Prozent  (Irland) indiskutabel hoch. Lediglich Deutschland hat im Euroraum einen Haushaltsüberschuss von 0,1 Prozent. Im gesamten Euroraum liegt das Defizit mit 3,7 Prozent noch oberhalb des Maastricht-Kriteriums.

“Schulden-performance”

Zwischenzeitlich sind zur “Schulden-performance” von Spanien und Irland ganz aktuelle Daten verfügbar: Wie von der Banco de España zu hören war, hat die Verschuldung der öffentlichen Haushalte im III. Quartal mit 817,2 Milliarden einen neuen Rekordstand markiert. Bezogen auf die jährliche Wirtschaftsleistung Spaniens ergibt sich eine Schuldenquote von 77,4 Prozent. Der IWF prognostiziert derweilen für 2014 einen Anstieg dieser Quote auf 90 Prozent!

Die Jubelmeldungen der €-Schnurgel über den “Musterschüler” Irland, das gerade den Schutz des Rettungsschirmes verlassen hat und auf weitere EU-Hilfen nicht mehr angewiesen ist, sind rein formal betrachtet zwar korrekt. Die Studie der attac-Kollegen zeigt allerdings auf, welche Unmengen Sand der interessierten Öffentlichkeit in die Augen gestreut wurden:

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Aber damit nicht genug! Die Europäische Zentralbank hat mit Long Term Refinancing Operations (LTRO) rund 800 Banken aus der Eurozone massiv unter die Arme gegriffen, wodurch 2014 und 2015 roll-over-Herausforderungen anstehen:

  1. Tranche: 21.12.2011 489 Milliarden mit 3 Jahren Laufzeit, Fälligkeit: 20.12.201
  2. Tranche: 29.02.2012 529 Milliarden mit 3 Jahren Laufzeit, Fälligkeit: 28.02.2015

Im kommenden Jahr (2014) stehen nachfolgende roll-over Volumina für €-Staatsanleihen klammer Volkswirtschaften der Euro-Zone an (Anm.: zu fälligen Kurzläufern mit Laufzeiten unterhalb von 360 Tagen und Darlehens-Fälligkeiten aus Schattenhaushalten liegen keine Zahlen vor):

  • Italien –  264,5 Milliarden Euro
  • Frankreich –  170,1 Milliarden Euro
  • Spanien –  114,9 Milliarden Euro
  • Belgien –  39,7 Milliarden Euro
  • Griechenland –  18,3 Milliarden Euro
  • Portugal –  27,6 Milliarden Euro
  • Irland –  6,8 Milliarden Euro
  • Zypern –  2,9 Milliarden Euro

(Quellen: Bloomberg, NORD/LB, eigene Recherchen)

Haftungsrisiken

Haftungsrisiken bzw. drohende Verluste zu Lasten des deutschen Schlafmichels aus FMSA-, SoFFin- und zahlloser badbank-Verpflichtungen bleiben bei dieser Betrachtung ebenso unberücksichtigt, wie denkbare Nachforderungen für EFSF/ESM.

Toxische Risiken in europäischen Bank-Bilanzen, welche nach fair-value-Prinzipien nach IAS-Vorschriften bewertet sind lassen sich nur sehr schwer ermitteln und können daher nicht zuverlässig eingeschätzt werden. Dies gilt auch für ausserbilanzielle Eventualverbindlichkeiten, u.a. aus dem Eigenhandel mit Derivaten, sowie Haftungsrisiken aus Special Purpose Vehicles. Ob der für die nächsten 11 Monate anstehende Banken-Stress-Test hierzu belastbare Daten liefern wird, bleibt abzuwarten!

Weitere “Baustellen” wie Haftungsrisiken aus Ausgleichsforderungen (Target-2) oder Emergency Liquidity Assistance (ELA) Aktionen nationaler Notenbanken innerhalb der Euro-Zone sollen an dieser Stelle aufgrund der Komplexität und Datenbeschaffung nicht näher beleuchtet werden.

Gekaufte Zeit

In Ermangelung tragfähige Lösungsansätze zu entwickeln, gepaart mit Angst, den Bürgern ungeschminkte Fakten zu vermitteln, bedient man sich bewährter Konkurs-Verschleppungs-Taktiken, also dem Kauf von Zeit!

Besonders kreative Künstler werden dabei nicht müde, immer neue Zündschnur-Verlängerungs-Kaninchen aus dem goldenen Zylinder hervorzuzaubern. Solche Strategien verbindet man mit der Überzeugung (oder ist es Zweckoptimismus?), dass mittels Strukturanpassungen, dauerhaften Zinsmanipulationen, etc. signifikante Konjunktur-Impulse und vermeintliche Wachstums-Phantasien letztlich das “Alles-wird-Gut-Mantra” bestätigen.

Dabei wird tunlichst vermieden, simple Wahrheiten zu thematisieren. Man spricht über Schuldenkrisen, gelegentlich auch schon mal über Blasenbildungen (z.B. Immobilienblase in Spanien oder USA), vermeidet dabei zu sagen, dass des einen Schulden eines anderen Guthaben sind. Die einfache Lernkurve hieraus: Schuldenschnitt = Guthabenschnitt!

Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik

Was all diese €-Glycerin-Jongleure nie gelernt haben oder schlichtweg negieren, ist eine Erkenntnis, die allen Hofstaat-Ökonomen bestens bekannt ist und sich bei Ludwig von Mieses [Theorie des Geldes und der Umlaufmittel, 1912, Duncker & Humblot] nachlesen lässt:

„Durch Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik kann man nur vorübergehende Scheinbesserung erzielen, die dann zu umso schwererer Katastrophe führen muss. Denn der Schaden, der durch Anwendung solcher Mittel dem Volkswohlstand zugefügt wird, ist umso größer,  je länger es gelungen ist, die Scheinblüte durch Schaffung zusätzlicher Kredite vorzutäuschen.

Vabanque-Spiele nach dem Motto: „Aus fremder Leute Leder ist trefflich Riemen schneiden.” Im Sinne dieses deutschen Sprichwortes werden seit Jahren unter Mitwirkung -wenn nicht gar Orchestrierung- der EZB seitens einiger Euro-Mitgliedstaaten eigene Haushaltsdefizite anderen Mitgliedern verdeckt und unauffällig aufgebürdet … ein Kunststückchen, welches nach meiner Einschätzung allen Beteiligten durchaus bekannt sein dürfte, sich aber niemand als Pentito outen möchte.

Eine Charade

Den Trick hinter dieser Charade mag man sich in etwa so vorstellen: Bei exzessiven Staatsausgaben, welche eigene Steuereinnahmen signifikant übersteigen, finanziert man den Fehlbetrag durch Emission von Staatsanleihen. Diese Wertpapiere werden von Banken gezeichnet, die ihrerseits diese bei der EZB als Sicherheit für neue Kredite hinterlegen und für diese Gefälligkeit so ganz nebenbei die Zinsdifferenz zwischen EZB-Leitzins und dem Zinssatz gemäß Emissionsbedingungen als Gewinn einstreichen (Ein Schelm, wer in diesem Zusammenhang eine Perpetuierungstheorie vermutet.).

Sobald von den Banken die Staatsanleihen als Sicherheit hinterlegt und dafür neue Kredite von der EZB zur Verfügung gestellt wurden, erhöht sich die Geldmenge innerhalb der Währungsunion. Nach Steigerung der Geldmenge folgen cet. par. Preiserhöhungen (z.B. via Asset-Inflation) innerhalb der  Euro-Zone.

Nach dieser Methode lassen sich besagte Haushaltsdefizite prima verschleiern und ganz bequem auf den gemeinsamen Währungsraum abwälzen. Nebenbei wird aus dem Reformdruck ökonomisch starker Mitglieder ein zahnloser Tiger, da man sich mit schmerzhaften Eingriffen zur Absenkung von Haushaltdefiziten Zeit lassen kann, ohne wirtschaftspolitisch sinnvolle Gegen-Maßnahmen ergreifen zu müssen.

Verhängnisvolle Verkettung

Die verantwortlichen Polit-Schnurgel können also locker damit weitermachen, was die Haushaltsdefizite erst verursacht hat: Misswirtschaft ‘par excellence’ zu Lasten der noch halbwegs stabilen Volkswirtschaften der Währungsunion.

Diese verhängnisvolle Verkettung könnte nur gebremst werden, wenn:

  • Banken, so wie im Fall des hellenischen Schuldenschnitts signifikante Verluste erleiden und sich beim Kauf von Staatsanleihen wackeliger Mitglieder zurückhalten. Solange solche Verluste allerdings steuersparend abgeschrieben werden können und damit letztlich wieder auf andere übergewälzt werden, wird dies wohl kaum geschehen;
  • Rating-Agenturen solche Anleihen auf Ramschniveau herabstufen, was ihnen dann sofort die Schelte vieler Politiker und der EU-Kommission (samt wüster Drohungen) einbrachte. Um von eigenem Unvermögen abzulenken werden – wie so oft – solche semantischen Aufreger in unsachlicher Weise nicht auf die Ursache des Problems (das Fieber), sondern deren Wirkungen (die Anzeige des Thermometers) gelenkt;
  • damit die EZB dadurch gezwungen wäre, hohe Sicherheitsabschläge anzusetzen;
  • die EZB solche letztlich wertlosen Staatsanleihen überhaupt nicht mehr akzeptieren könnte und somit den Geldhahn für hochverschuldete Krisenstaaten zudrehte , was natürlich aus politischen Gründen und wegen des Gruppendrucks im EZB-Rat unvorstellbar ist.

Im diesem Zusammenhang begegnet man immer wieder Argumentationen, erst durch den Ankauf von Staatsanleihen gebeutelter Euro-Mitgliedsländer habe die EZB solche Krisenstaaten finanziert. Solche Behauptungen klingen nach ausgemachtem Blödsinn, da dies auf dem beschriebenen Weg schon lange vor der eigentlichen Kulmination von Haushaltskrisen und Verschuldungs-Orgien geschah. Ohne das zweifelhafte Engagement der EZB hätte Griechenland nicht einen derart hohen Schuldenberg auftürmen können, dasselbe gilt für Zypern oder Spanien und Portugal.

Fairerweise sei hier angemerkt, dass sich die Regierungen der in den Fokus geratenen Krisenstaaten bereits mit Beginn der EU- bzw. Eurozonen-Mitgliedschaft von den süssen Brüsseler Früchten (Agrar-Subventionen, verlorene Zuschüsse aus Struktur- und Kohäsionsfonds) in die Schuldenfalle locken ließen. Belastbare Zahlen aus anderen Ländern innerhalb und außerhalb der Euro-Zone liegen mir zur Zeit nicht vor.

Zu guter Letzt noch die gebrochenen Versprechen der Rechtsbruch-Demokraten:

  • Keine Finanzhilfe für Griechenland – Bundeskanzlerin Angela Merkel am 21. März 2010:

„Hilfe steht nicht auf der Tagesordnung, denn Griechenland sagt selbst, dass es im Augenblick keine Hilfe braucht.”

Im Mai beschließen die EU, EZB und der IWF das erste Griechenland-Paket.

  • Keine dauerhaften Rettungsschirme – Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am 24. Juli 2010:

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart.”

  • Kein griechischer Schuldenschnitt – Finanzminister Giorgos Papakonstantinou am 18. April 2011:

„Ich werde langsam müde, diese Gerüchte immer wieder zu dementieren.”

Im Oktober beschließen die Chefs der Euro-Zone einen Schuldenschnitt für Griechenland

  • Das Volumen des EFSF Rettungsschirmes – Merkel am 12. Januar 2011:

„Wir haben jetzt ein Land unter dem Schirm, das ist Irland. Und damit ist das Volumen noch weit davon entfernt, ausgeschöpft zu sein.”

  • Keine Haftungsunion – Bundeskanzlerin Merkel am 26. Juni 2012:

„Eine gesamtschuldnerische Haftung wird es nicht geben, solange ich lebe.”

Eine Katze hat angeblich sieben Leben … Wie sich dieser Sachverhalt bei der Seherin aus der Uckermark verhält, wissen wir nicht!

Die Spareinlagen sind sicher!

Zunächst sollten auch zyprische Kleinsparer zur Bankenrettung Zyperns herangezogen werden, nach massiven Protesten sind nun Sparvermögen bis 100.000 Euro sicher.

Nur ein Einzelfall? Der niederländische Finanzminister Dijsselbloem hatte zuvor in Interviews die Einbeziehung von wohlhabenden Kunden zyprischer Banken zur Rettung als richtungsweisend hingestellt. Er bezeichnete sie als „Blaupause“ für andere Länder, relativierte die Aussagen dann später wieder!

Und last but not least das vertrauensvolle Zitat von Horst Köhler (1992):

“Es wird nicht so sein, dass der Süden bei den reichen Ländern abkassiert. Dann würde Europa auseinanderfallen.“

Ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen den allerbesten Start in das vor uns liegende, sicher nicht weniger spannende Jahr

 

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