Eine Gesellschaft gibt sich auf
Eine Gesellschaft gibt sich auf

Eine Gesellschaft gibt sich auf

Warum droht uns der Bankrott? Auch, weil eine zerfallende Gesellschaft entsprechend dem Fortgang ihres Zerfalls zunehmend weniger in der Lage ist, einen Staat zu tragen.

 

Ein Zusammenbruch kann sich auch in Zeitlupe abspielen. Für Gesellschaften, so sie sich nicht in kriegerische Ereignisse verwickeln bzw. verwickelt werden,  ist nicht der große Crash die Gefahr, sondern der schleichende und erst einmal kaum merkliche Niedergang.

Es scheint schon wieder so lange her, aber es war vor einem halben Jahr erst die durch die Weltpresse gehende Nachricht: Die amerikanische Stadt Detroit ist bankrott. Es ist der größte Konkurs einer amerikanischen Gemeinde und das Ergebnis eines jahrzehntelangen Niedergangs. Aber die Stadt und ihre Probleme sind wieder aus dem Fokus der Presse verschwunden. Am Jahresende 2013 sei sie noch einmal in Erinnerung gerufen.

Die Polizei kommt erst nach 1 Stunde

Aus den verschiedenen Zeitungsartikeln lässt sich der Endzustand Detroits beim Bankrott Mitte des Jahres wie folgt beschreiben:

  • Detroit sitzt auf insgesamt 19 Milliarden Dollar Schulden, die einen Zinsdienst von jährlich 246 Millionen Dollar erforderte, der jetzt nicht mehr zu leisten ist. Ebenso wenig kann die Stadt fällig werdende Schulden bezahlen. Neue Kredite gibt es nicht mehr, die Bonität ist auf Ramsch-Niveau gefallen.
  • Bei einem Personalbestand von 10.000 Mitarbeitern muss die Stadt aktuell Rentenzahlungen und Gesundheitsfürsorge für 20.000 Rentner aufbringen. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften und den Pensionsfonds werden zu den schwierigsten Vorgängen gehören, die Detroit zu bewältigen hat, um aus der Schuldenmisere zu kommen.
  • Noch in den 50er-Jahren eines der industriellen Zentren der USA, verlor Detroit durch die in der Folge der Globalisierung Verlagerung von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie immer weiter an Bedeutung. Mitte des letzten Jahrhunderts noch viertgrößte Stadt der USA mit 1,8 Millionen Einwohnern, verließen allein zwischen 2000 und 2010 eine Viertelmillion Einwohner die Stadt. Auch danach ging der Aderlass weiter, heute hat die Stadt noch ca. 700.000 Einwohner. Es gingen die Besserverdienenden und gut Ausgebildeten, zurück blieben Menschen, die keine oder wenige Steuern zahlten, so dass Detroit, so wie es auch die Nationalstaaten machen, wenn die Mittel nicht reichen, immer mehr Kredite aufnahm, um die Einnahmeausfälle auszugleichen.
  • Die Arbeitslosenquote lag zum Crash-Zeitpunkt bei 18,3 Prozent (USA-Durchschnitt 7,6). 35 Prozent der Einwohner leben unter der Armutsgrenze. 75 Prozent aller Kinder machen auf den Detroiter Schulen keinen Abschluss.
  • Es gibt 78.000 verlassene Gebäude in der Stadt, mehr als 100.000 Wohnungen stehen leer. 40 Prozent der Straßenlaternen funktionieren nicht mehr. Die Infrastruktur verfällt: Bauruinen und marode Häuser auch im Zentrum, viele Geschäfte stehen leer.
  • Wegen der Kürzungen im öffentlichen Dienst, vor allem bei der Polizei, steigt die Kriminalitätsrate. Es dauert im Schnitt 58 Minuten, bis nach einem Notruf die Polizei eintrifft.
  • In Detroit sollte man zur Zeit auch nicht krank werden. In Notfällen kommt der Krankenwagen zu spät oder überhaupt nicht. Im ersten Quartal 2013 waren von 36 Ambulanzfahrzeugen nur 10 bis 14 einsatzfähig.

Ein 60 Jahre währender Prozess

Die Auswirkungen für viele Einwohner Detroits sind einfach katastrophal, und es ist zu wünschen, dass sich die Stadt wieder fängt und dass Mittel und Wege aus der aktuellen Misere gefunden werden. Ein Hauptgrund für diese negative Entwicklung war natürlich der Niedergang der amerikanischen Autoindustrie, die sich in Detroit konzentriert hat: General Motors, Chrysler und Ford kamen ins Schleudern und mussten die Produktion verkleinern oder verlagern. Allerdings ist das alles nicht plötzlich über Detroit hereingebrochen, der Niedergang hat, von Mitte der 50er-Jahre gerechnet, ca. 60 Jahre gedauert.

Man fragt sich deshalb, wie es zu solch einem crashartigen Desaster kommen konnte. Es gab wirtschaftliche Faktoren wie die Globalisierung, die die Verlagerung von ganzen Produktionszweigen in billigere Länder erlaubte, es gab gerade in der Autoindustrie das Aufkommen harter Konkurrenz in Europa und Fernost. Nur gab und gibt es auch in den USA Städte und Bundesstaaten, die mit einer sich verändernden ökonomischen Realität besser umgehen konnten. Es können nicht nur die äußeren Umstände gewesen sein, die zum Niedergang dieser einst führenden Industriemetropole geführt haben.

Probleme werden ignoriert

Es zeigt sich bei der Pleite von Detroit auch das Bild einer zerfallenden Gesellschaft, der die innere Einstellung fehlt, das eigene Gemeinwesen wieder ins Lot zu bringen. Probleme werden so lange ignoriert, bis sie nicht mehr steuerbar sind. Werden aber Probleme nicht mehr gesehen und gemeinsam angepackt, können am Ende des Wegs nur noch der Verfall und ein Neuanfang auf niedrigerer Stufe stehen, das nennt man dann oft, um es ja nicht beim eigentlichen Namen zu nennen, Gesundschrumpfen. Und was für eine Stadt gilt, kann auch einen ganzen Staat treffen, das Gift des Desinteresses und der Unfähigkeit zur Problembereinigung  zerfrisst jegliches Gemeinwesen.

Jüngst hat die Journalistin Bettina Röhl die bundesrepublikanische Gesellschaft als eine Gesellschaft beschrieben, die ihre Konsensfähigkeit zunehmend verliert und langsam aber sicher nur noch in Einzelinteressen zerfällt. Ihre Beschreibung der „Mainstream“-Bürger in dieser Republik passt im Augenblick wahrscheinlich auf die meisten Gesellschaften der westlichen Demokratien:

„Den meisten Menschen geht es nach ihrer nicht immer zutreffenden Selbsteinschätzung gut und das heißt vor allem wirtschaftlich gut. Wer sich in seinem kleinen luxuriös eingerichteten Heißluftballon durch die Zeit und über das Land treiben lässt, merkt bekanntlich die Stürme nicht. Hauptsache, es gibt genug Gas zum Heizen an Bord. Hauptsache, die Versorgung mit den lebensnotwendigen Dingen und jenen, die das Leben schön machen, ist bis auf Weiteres gesichert. Und Hauptsache, man hat noch ein paar Mitflieger an Bord, die das Ganze warm und gemütlich machen. Noch gibt es viele dieser Ballonfahrer: Die Wirtschaft boomt, der Export erreicht immer neue Gipfelhöhen.

Nicht die Menschen halten das System in Deutschland zusammen, das Gerüst sind vielmehr tradierte Strukturen und Institutionen. Doch dieses ist dürr, ahuman, frei von Sympathie, Empathie oder Identifikationsstiftung, aber es ist nun einmal in Deutschland, wie auch in den anderen Staaten des Westens und natürlich auch Europa der einzige und letzte Ankerpunkt, an dem sich die Bürger festhalten. Die träge Masse der Institutionen und aller staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen ist es, die das System zusammen hält. Allerdings: In Zeiten, in denen Tradition eigentlich nichts gilt und viele Menschen den verloren gegangenen gesellschaftlichen Konsens wenigstens minutenweise vermittels schwärmerischer Betrachtung von William und Kate, zwei eigentlich höchst durchschnittlichen Engländern, zu lindern versuchen, werden der Staat und dessen Verfassung und auch dessen Werte immer beliebiger.

(…).

Eine zerfallende Gesellschaft ist entsprechend dem Fortgang ihres Zerfalls zunehmend weniger in der Lage, einen Staat auszubilden und zu tragen.

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Wer am Abgrund entlang tanzt, ohne zu wissen, dass da ein Abgrund ist, tanzt subjektiv gesehen überhaupt nicht am Abgrund. Ihm kann nicht schwindelig werden und er kann folglich wegen Schwindel auch nicht abstürzen. Aber er kann natürlich trotzdem abstürzen, weil es den Abgrund gibt, den er nicht sieht/nicht sehen will.“

Die Mehrheit verschließt die Augen

Es ist zu befürchten, dass die Sicht Bettina Röhls richtig ist. Die große Mehrheit der Bevölkerung will (noch?) nichts davon wissen, dass es Probleme in einer Größenordnung gibt, die auch ihr Leben bzw. das Leben ihrer Kinder tangieren könnte. Läuft die Entwicklung so weiter, könnte sich der schleichende Niedergang fortsetzen, zu einer Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führen.

Wie ein Endzustand nach einem solchen Niedergang aussehen könnte, hat im Mai des ablaufenden Jahres 2013 der Journalist Andreas Freytag in einem Artikel „Wie gravierend sind die Folgen der Altersarmut?“ beschrieben. Es ist ein bedrückendes Bild einer zerpaltenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der es Rechtssicherheit für den großen Teil der Bevölkerung nicht mehr gibt. Als  Beispiel diente ihm die durchaus aktuelle Situation in Teilen der USA oder Südafrikas. Er brachte diese Beschreibung einer gekippten Gesellschaft im Zusammenhang mit der Altersarmut, sie dürfte m. E. nur ein Faktor sein, der in solch eine Gesellschaft führt:

„Insgesamt wird die Polarisierung der Gesellschaft zunehmen, vor allem dürfte der Mittelstand schrumpfen. Dieser ist nicht nur ökonomisch eine wichtige Größe, sondern ist auch politisch für die Demokratie wichtig. In Ländern, in denen die Mittelschicht verschwindet, haben es Populisten und Extremisten leichter, demokratische Regeln außer Kraft zu setzen. Dies hätte vermutlich einen Teufelskreis zur Folge.

Die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich dürfte sich auch im Bildungssystem widerspiegeln und auf diese Weise zementieren. Die Durchlässigkeit der Gesellschaft nimmt dann weiter ab. Die Kinder der Armen werden wiederum arme Kinder haben und so weiter.

Es würde dann Gegenden geben, in die man besser nicht geht oder fährt, weil das Risiko, von verzweifelten Menschen überfallen zu werden, zu groß ist. Es gibt ja jetzt schon vereinzelt solche Gegenden in manchen Großstädten; deren Zahl dürfte explosionsartig wachsen.

Andererseits dürfte es andere Stadtteile geben, die man nur mit persönlicher Einladung und Leibesvisitation betreten darf (dort würden sicherlich viele politische Entscheidungsträger in der Zukunft wohnen). Das gibt es bisher noch nicht in Deutschland.

Das Stadtbild (heute z.B. in Johannesburg – später dann in Hamburg?) wird von Armut auf der einen Seite und großem, schamlos zur Schau gestellten Wohlstand auf der anderen Seite geprägt.

Vor allem würde das öffentliche Leben eher in Shopping Malls stattfinden als in lebendigen Innenstädten oder Parks. Solche Malls sind regelmäßig Scheinwelten mit einer begrenzten (und überall gleichen) Auswahl an Geschäften, Vergnügungsstätten und Restaurants; Individualität ist nicht oberste Priorität. Sie sind nicht nur für diejenigen eine Belästigung, die (mangels Kaufkraft) nicht hineindürfen, sondern auch ein Ärgernis für die, die sich den Besuch leisten können, aber keine Alternative haben.

Das Vertrauen und der Zusammenhalt in der Gesellschaft würden in dieser Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit abnehmen.

Nebenbei bemerkt: Dies sind Boomzeiten für die private Sicherheitsbranche.“

Das Buch zum Thema von Günther Lachmann erscheint im Frühjahr im Europa-Verlag: Verfallssymptome, geb. mit Schutzumschlag, ca. 240 Seiten, ISBN 978-3-944305-39-4, WG 1970 € 18,99

Das Buch zum Thema von Günther Lachmann erscheint im Frühjahr im Europa-Verlag: Verfallssymptome, geb. mit Schutzumschlag, ca. 240 Seiten, ISBN 978-3-944305-39-4, WG 1970 € 18,99

Natürlich sind die aufgeführten Szenarien aus heutiger Sicht noch Übertreibungen, ein schleichender Niedergang muss in dieser Form nicht kommen. Nichts ist zwangsläufig. Es gibt aber eine Vielzahl von Entwicklungen, die als Warnung dienen könnten. Am Horizont taucht durchaus ein Zukunftsszenario einer westlichen Welt auf, in der es in den Staaten lediglich noch atomisierte Gesellschaften ohne gemeinsame Wert- und Zielvorstellungen gibt, die von irgendwie legitimierten Regierungen über den allgegenwärtigen Bürokratie- und Machtapparat nur mühsam verwaltet werden. Das gute Leben wird dann in anderen Teilen des Globus stattfinden.

Quellen:

Bettina Röhl, WiWo, „Der alles erdrückende Konsens in der Bundesrepublik“, 17.12.2013: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/bettina-roehl-direkt-der-alles-erdrueckende-konsens-der-bundesrepublik/9226806.html

Andreas Freytag, WiWo, „Wie gravierend sind die Folgen der Altersarmut?“, 17.05.2013:  http://www.wiwo.de/politik/deutschland/freytags-frage-wie-gravierend-sind-die-folgen-von-altersarmut/8209196.html