Müssen wir Berlin umbenennen?

In Berlin werden Straßen mit den Namen preußischer Offiziere umbenannt. Was soll das? Berlin war auch Hauptstadt der Nazis. Müssen wir die Stadt deshalb umbenennen? Ein Gastbeitrag von BERNHARD KEMPEN.

 

Vor einigen Jahren beschloss die Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung, das ist das Operettenparlament des hier schon häufiger erwähnten grünen Vorzeigebezirks der Hauptstadt, die traditionsreiche Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen. Ziel war es, den dort ansässigen Axel-Springer-Verlag mit einer neuen Postadresse, lautend auf den Namen seines größten Gegners, zu brüskieren. Der Verlag zückte kaum beeindruckt das Scheckbuch und verlegte kurzerhand und aufwändig seinen Haupteingang um die Ecke in die dank intensiver Lobbyarbeit ebenfalls umbenannte neue Axel-Springer-Straße. So ist das, wenn sich die Unterschiede von Politik und Kindergarten verwischen. Doch die Zeit solcher Tollheiten ist noch lange nicht zu Ende.

„Vor knapp sechs Jahren bin ich innerhalb von Berlin umgezogen, von Friedenau an den Nollendorfplatz, in die Einemstraße, um genau zu sein. Für alle, die sich in Berlin nicht so gut auskennen: Die Gegend um den Nollendorfplatz mit Maaßen- und Motzstraße ist das größte Schwulenviertel der Stadt. Nachdem ich hier bereits einen Teil meiner Privatadresse verraten habe, muss ich noch etwas persönlicher werden, damit Sie meine weiteren Ausführungen besser einordnen können: Nein, „schwul“ bin ich streng genommen nicht, aber durchaus bisexuell und transvestitisch. Also können Sie vermutlich nachvollziehen, dass ich mich hier im „queeren“ Teil von Schöneberg deutlich wohler fühle als im bürgerlich geprägten Friedenau.

Offizier und Kriegsminister

Im Jahr 2010 wurde eine Bürgerinitiative gegründet, die sich die Umbenennung der Einemstraße zum Ziel gesetzt hat. Denn dummerweise ist sie nach Karl Wilhelm Georg August Gottfried von Einem (1853-1934) benannt, einem preußischen Offizier und Kriegsminister mit höchst undemokratischen Ansichten. „In seiner Funktion als Kriegsminister rief er zum Kampf gegen die Sozialdemokratie auf und forderte im Reichstag explizit die Vernichtung homosexueller Männer“, heißt es in der Begründung der Initiative. Stattdessen soll die Straße nun nach Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) benannt werden, einem bislang wenig bekannten Vorkämpfer der Schwulenbewegung. Somit können Sie sich vermutlich vorstellen, dass mir Herr Ulrichs wesentlich sympathischer ist als Herr von Einem.

Trotzdem bin ich gegen die Umbenennung der Einemstraße. Warum das? Zunächst einmal aus dem eher banalen Grund, dass es lästig ist, wenn ich jetzt all den Leuten, mit denen ich privat und beruflich zu tun habe, mitteilen muss, dass sich meine Adresse geändert hat, obwohl ich gar nicht umgezogen bin. Aber damit kann ich leben. Und mich damit trösten, dass es schließlich für einen guten Zweck ist. Im Laufe meines Lebens hat sich meine Adresse oder Telefonnummer schon mehrfach geändert, und irgendwann wird es auch der letzte meiner flüchtigsten Bekannten mitbekommen haben.

Zu lang für übliche Formulare

Nein, das größte Problem habe ich damit, dass ich vom 17. Dezember an nicht mehr in der Einemstraße wohnen werde, sondern in der Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße. Als ich vom entsprechenden Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg gelesen habe, war meine erste Reaktion: Geht’s noch? Wenn ich meine bisherige Adresse angebe, beansprucht die Einemstraße gerade mal ein Wort aus zehn Zeichen. Die Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße hingegen besteht aus vier Wörtern mit insgesamt 27 Zeichen, einschließlich drei Bindestrichen. Passt das überhaupt in alle üblichen Adressformulare? Gut, man könnte »Straße« zu „Str.“ abkürzen. Das wären dann nur noch 25 Zeichen. Oder vielleicht „K.-H.-Ulrichs-Str.“? Nur noch 18 Zeichen. Aber werden die Postboten verstehen, was damit gemeint ist?

Wenn ich meine Adresse zum Beispiel telefonisch angebe, wird manchmal die »Einemstraße« nicht sofort verstanden. Irgendwann habe ich mir angewöhnt, darauf mit »wie in einem Haus« zu antworten. Alles klar. Versteht jeder. Aber was erwartet mich in Zukunft? „Karl mit K, Bindestrich, Heinrich, Bindestrich, Ulrichs mit einem l und, ja, hinten mit s, Bindestrich, Straße.“ Warum kann es nicht einfach die „Ulrichsstraße“ sein? Ich müsste vielleicht noch den Teil „mit einem l, und ja, hinten mit s“ hinzufügen, aber damit wären dann alle Unklarheiten restlos beseitigt.

Auf keinen Fall ohne Bindestrich!

Von den Unterstützern der Initiative – unter anderem der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e. V., die Schwusos Tempelhof-Schöneberg und die Berliner AIDS-Hilfe e. V. – ist, so weit ich es ermitteln konnte, niemand in der Einemstraße ansässig. Praktisch, dass sich die Initiatoren selbst nicht mit einer anstehenden Adressänderung herumärgern müssen. Man hätte sich ja vielleicht darauf einigen können, dass mit der Einemstraße von nun an die Schriftstellerin Charlotte von Einem geehrt wird? Das hätte allen Betroffenen viel Ärger erspart, und damit wäre dann auch der Frauenquote Genüge getan …

Ich habe eine E-Mail an die BVV Tempelhof-Schöneberg geschrieben, in der ich die Probleme angesprochen habe, die ich mit der Umbenennung habe. Zunächst einmal ein dickes Lob an die Verwaltung, denn auf meine E-Mail habe ich von der Abteilung Bauwesen tatsächlich eine ausführliche Antwort bekommen! Darin heißt es sinngemäß, dass das Berliner Straßengesetz vorsieht, Vornamen, Titel und andere Zusätze zu Personennamen zu verwenden, wenn dadurch die Benennung »eindeutiger« wird. Und im Fall des Herrn Ulrichs ist der Zuname nicht so selten und der Bekanntheitsgrad der Person noch »entwicklungsfähig«. Erst durch die Kombination mit den Vornamen wird die zu ehrende Person eindeutig identifizierbar. Trotzdem konnte der freundliche Mitarbeiter der Abteilung Bauwesen meine Einwände sogar recht gut nachvollziehen. Ich finde es jedoch bezeichnend, dass er allenfalls eine »Ulrichs-Straße« hätte gelten lassen. Auf keinen Fall ohne Bindestrich!

Von Mackensen bis Kleist

Gehen wir mal im Geiste die Gegend rund um den Nollendorfplatz durch. Ganze sechs Straßen zweigen von diesem Platz ab. Nach Norden geht die Einemstraße ab, dann folgen im Uhrzeigersinn  die Else-Lasker-Schüler-Straße, die Bülowstraße, die Maaßenstraße, die Motzstraße und schließlich die Kleiststraße. Fast alle Straßen in diesem Kiez sind nach hochrangigen preußischen oder deutschen Offizieren benannt. Die einzige Ausnahme wird in Wikipedia so erklärt: „Die Mackensenstraße im Berliner Bezirk Schöneberg wurde 1998 mit der Begründung, auf Grund von Forschungsergebnissen sei er als ‚Wegbereiter des Nationalsozialismus’ anzusehen, in Else-Lasker-Schüler-Straße umbenannt.“ Gemeint ist August von Mackensen, ein preußischer Generalfeldmarschall. Und die Kleiststraße ehrt keinesfalls den bekannten Dichter, sondern Friedrich Emil Ferdinand Heinrich Graf Kleist von Nollendorf, ebenfalls ein preußischer Generalfeldmarschall.

Jetzt stellen wir uns einmal vor, das Berliner Straßengesetz wäre bereits zu der Zeit gültig gewesen, als die Straßen rund um den Nollendorfplatz benannt wurden. Dann würde die Bülowstraße politisch korrekt „Friedrich-Wilhelm-Freiherr-von-Bülow-Graf-von-Dennewitz-Straße“ heißen. 62 Zeichen inklusive acht Bindestrichen! Und das das „Lesbisch-schwule Stadtfest“, das jedes Jahr eine Woche vor dem Christopher Street Day gefeiert wird, das sogenannte „Motzstraßenfest“, müsste dann konsequent „Friedrich-Christian-Adolf-von-Motz-Straßen-Fest“ heißen. Herr Motz war preußischer Finanzminister und wurde 1780 in den Adelsstand erhoben. Ich würde ihn ja gern mal fragen, wie er dazu steht, dass sein ehrwürdiger Name heute mit der Berliner Schwulenszene in Zusammenhang gebracht wird.

„Ku’damm“! Allet klar!

Aber ich gebe ganz offen zu, dass mir das im Grunde ziemlich egal ist. Aus dem gleichen Grund hätte ich kein Problem damit, weiterhin in der Einemstraße zu wohnen. Obwohl ich mich der lesbisch-schwulen Szene zugehörig fühle, denke ich fast nie an die Homophobie des Herrn von Einem, wenn ich meine Adresse angebe. Auch wenn ich über den Nollendorfplatz gehe, denke ich fast nie an die Schlacht von Kulm und Nollendorf, bei der über 10.000 Menschen ums Leben kamen. Obwohl ich überzeugter Pazifist und Kriegsdienstverweigerer bin, denke ich fast nie daran, dass ich täglich auf Straßen unterwegs bin, die nach Offizieren benannt wurden, die zahlreiche Soldaten in den Tod geschickt haben. Ich habe auch kein Problem damit, das Berliner Olympiastadion zu besuchen, obwohl es von den Nazis gebaut wurde. Wir leben in einer Welt, in der überall Geschichte präsent ist, und dazu gehören auch Dinge, an die wir uns nicht so gern erinnern.

Ganz Berlin war einst die Hauptstadt des Nationalsozialismus! Sollten wir vielleicht den Namen der Stadt ändern, um keine unangenehmen Assoziationen mehr aufkommen zu lassen? Ein Straßenname dient in erster Linie der räumlichen Orientierung. Im Alltag dürfte sich kaum jemand Gedanken über die Person oder Sache machen, nach der eine Straße benannt ist, wenn es einfach nur darum geht, eine bestimmte Adresse zu finden. Und ein Name sollte einfach nur kurz, eindeutig und verständlich sein. Wer leiert tatsächlich sämtliche Vornamen von Johann Christoph Friedrich von Schiller herunter? „Schiller“ reicht völlig aus, um zu verstehen, wer gemeint ist. Und für die Berliner ist schon der „Kurfürstendamm“ viel zu lang. Dit is der „Ku’damm“! Allet klar!

Apropos Demokratie

Als Bürger und Anwohner hätte ich die Möglichkeit gehabt, Widerspruch gegen die Umbenennung „meiner“ Straße einzulegen. Aber wie mir erklärt wurde, hätte das allenfalls aufschiebende Wirkung gehabt. Und vermutlich wäre mir der Zorn all der lesbisch-schwulen Vereine und Organisationen entgegengeschlagen, die sich in der Bürgerinitiative engagiert haben. Falls es tatsächlich zu einer Gerichtsverhandlung kommen würde, hätte man lediglich festgestellt, dass der Verwaltungsakt korrekt durchgeführt wurde und im Einklang mit dem Berliner Straßengesetz steht. Also hätte eine „Bürgerinitiative Ulrichsstraße“ ohnehin nie eine Chance gehabt.

Apropos Demokratie: Auch die Berliner Treitschkestraße sollte von den Stadtplänen verschwinden, weil sie nach dem berüchtigten Antisemiten Heinrich Gotthardt von Treitschke (1834-1896) benannt ist. Daraus wurde aber nichts, weil sich bei einer Befragung der Anwohner im Dezember 2012 die Mehrheit gegen die Umbenennung aussprach. Im Fall Einemstraße ist eine Bürgerbefragung nicht vorgesehen … Wie wäre es, wenn Parlamente und Verwaltungen bei ihren Entscheidungen nicht nur abstrakte Richtlinien, sondern auch praktische Gesichtspunkte berücksichtigen würden?

Schwule auf der Straße verprügelt

Das eigentliche Problem sehe ich in der Tendenz, sich auf symbolische Handlungen zu verlassen und dabei die Realität aus den Augen zu verlieren. Rund um den Nollendorfplatz kommt es immer wieder vor, dass Schwule auf der Straße verprügelt werden. Auch ich werde gelegentlich, wenn ich als Transvestit unterwegs bin, auf unangenehme Weise angepöbelt. Zum Glück ist mir bei solchen Begegnungen bislang nichts Schlimmeres widerfahren. Trotzdem habe ich beschlossen, mich nicht entmutigen zu lassen und mich weiterhin in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Dabei geht es mir nicht nur um den Spaß – die meisten Reaktionen auf mein Drag-Outfit sind ausgesprochen positiv –, sondern ich betrachte das Ganze auch als kleine politische Demonstration. Es wäre falsch, wenn sich Transen nur noch an „sicheren“ Orten zeigen. Je mehr wir in der Öffentlichkeit sichtbar sind, desto mehr tragen wir dazu bei, als „normaler“ Bestandteil unserer pluralistischen Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Diese Art von Aufklärungsarbeit halte ich für viel wichtiger als rein symbolische Verwaltungsakte.

Ich werde irgendwie damit leben müssen, dass sich demnächst meine Adresse ändert und ein sperriges Straßennamenungetüm enthält. Genauso werde ich damit leben müssen, dass es in einer Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße bestimmt nicht seltener zu homophoben Übergriffen kommen wird als in einer Einemstraße.