Bedeutender Verlust an Volksbildung
Bedeutender Verlust an Volksbildung

Bedeutender Verlust an Volksbildung

 Wohlstand, soziale Absicherung und das Ersetzen bürgerlicher Werte durch Täuschung und Virtualität haben einen unvorstellbaren gesellschaftlichen Niedergang bewirkt.

 

Nach einer Studie der FU Berlin können viele Jugendliche nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Rund 40 Prozent von ihnen sehen kaum Unterschiede zwischen Nationalsozialismus, der DDR oder der Bundesrepublik, und sogar die Hälfte der Befragten hält die alte Bundesrepublik von vor der Wiedervereinigung für ein undemokratisches System. Das ist zwar offensichtlicher Blödsinn, aber blöderweise anscheinend Bestandteil des Volksbewusstseins. Als verantwortlich dafür muss dann bei Kritikern gerne die Schule herhalten, doch die ist nur ein Teil des Problems, und selbst die Summe der Teile beschreibt nur mangelhaft das Ausmaß des Dramas.

Wer damit Schwierigkeiten hat, die kleine Gleichung aus dem Vorsatz nachzuvollziehen, ist vielleicht einer derjenigen, die weniger Mängel bei den historischen als bei den mathematischen Fähigkeiten haben. Laut einer zweiten Studie sind nämlich die Leistungen Berliner Schüler innerhalb von wenigen Jahren in den Fächern Mathematik und Deutsch erheblich zurückgegangen. Das hat, wie Praktiker berichten, auch viel damit zu tun, dass den Schülern schlicht die sprachliche Kompetenz fehlt, beispielsweise mathematische Aufgabenstellungen überhaupt zu verstehen.

Die Rolle der Lehrer

Wie auch immer, mit der Bildung geht es zügig bergab. In den Stadtstaaten, also den Ländern mit vielen sozial Schwachen und Migranten, verfehlten bei einem offiziellen Test 20 Prozent der Kinder die Mindeststandards im Lesen. In Berlin muss schon jedes fünfte Kind die zweite Klasse wiederholen. Jedenfalls sofern Sitzenbleiben politisch überhaupt noch korrekt und zulässig ist.

Wie vor kurzem an dieser Stelle schon zum Thema Zensuren-Virtualität beschrieben, werden die Ursachen dafür irgendwo, nur nicht in der Realität gesucht. Die Verfasser der zitierten Studie beispielsweise finden solche in einer „mangelhaften Fortbildung der Lehrer“, die „der heterogenen Zusammensetzung der Klassen nicht gewachsen“ seien. Das ist der dreiste Dyslogismus: Weil das Unterrichten in der Gesellschaft des Niedergangs immer schwieriger wird, sind die Lehrer schuld, weil sie sich nicht fortbilden. Man sollte bei solchen Aussagen immer schnell schauen, wer da „Haltet den Dieb“ ruft und warum.

Bildung aus der medialen Schnabeltasse

Unbestritten ist, dass sich besonders die Leistungen der Kinder in sozial schwachen Gebieten und/oder mit einer Migrantenbevölkerung verschlechtert haben. Die schlechten Testergebnisse müssen also gar nicht auf mangelnde Lernerfolge zurückzuführen sein, sondern können auch auf dem Zuzug kulturell gehandikapter Familien beruhen. Kann, muss es aber nicht grundsätzlich, denn der Verlust an Volksbildung ist seit Jahrzehnten ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Wo früher ein strenges bürgerliches Dogma die Menschen zu der Erkenntnis brachte, dass sie nur durch Bildung aus ihrer Unmündigkeit und Abhängigkeit entkommen können, hat heute der scheinbar unendlich währende Wohlstand, die soziale Absicherung und das Ersetzen bürgerlicher Werte durch Täuschung und Virtualität dazu geführt, dass die Leute glauben, es reiche die Surrogatversion von Bildung, die ihnen von RTL bis ARTE mit der medialen Schnabeltasse eingeflößt wird.

Dürftige Erwachsenenbildung

Wir können das alles einmal provisorisch unter dem Begriff Dekadenz zusammenfassen, und es wird untermauert durch eine Studie der OECD zur Erwachsenenbildung, nach der auch die deutschen Nichtjugendlichen sich im internationalen Vergleich ziemlich dämlich anstellen. Im Lesen liegen die Deutschen danach sogar unter dem Durchschnitt der 24 untersuchten Industrieländer, bei den Mathematik-Kenntnissen ein wenig darüber. 17,5 Prozent der Deutschen können nur kurze Texte mit einfachem Vokabular lesen und ihnen nur wenige Informationen entnehmen. 18,5 Prozent können in Mathematik nicht viel mehr als zählen und sortieren. Na immerhin. Noch.

Natürlich gilt auch da der Grundsatz, mit Expertenstudien vorsichtig umzugehen, erst recht wenn sie von der OECD, dieser fatalen Mischung aus Political Correctness und Konzernkapitalismus, kommen. Solche Studien täuschen, weil die kulturellen Leistungen in Ländern, die mit Migration zu kämpfen haben, sowieso immer weitgehend am Ende rangieren: „Wegen momentale schlechte Schulleistungen wieder Ärger mit der Leherin!“ postete eine besorgte Mutter auf einer Frauen-Chat-Seite im Internet. Ja, wo das wohl herkommt?

Der böse Leistungsdruck

Kommen wir noch einmal zurück zur Dekadenz und der damit verbundenen Leistungsverweigerung. Seit den siebziger Jahren wird das Erbringen von Leistung zunehmend nicht mehr als bürgerliche Tugend angesehen, sondern als schwer zumutbare Forderung eines kapitalistischen Ausbeuterstaates. Generationen von Sozialarbeitern, Pädagogen und Wissenschaftlern haben daran gearbeitet, den bösen Leistungsdruck von den Schultern des Nachwuchses zu räumen. Wie passend, denn die rundum versorgten Kleinen hatten sowieso immer weniger Lust, etwas für den Selbsterhalt zu tun, notfalls konnte man ja bei Mama wohnen bleiben.

Wenn es um den Verlust nationaler Kompetenz geht, spielt zusätzlich ein Faktor hinein, den ich in meinem Buch „Chaos mit System“ den „tendenziellen Fall der Kulturrate“ nenne. Die desaströse Wirkung einer an sich vorbildlichen  sozialen Komplettversorgung und die durch interessierte Kreise angekurbelte Geburtenförderung führen seit Jahrzehnten dazu, dass sich die sozial schwachen Schichten, in denen wir trotz aller politischen Korrektheit auch die geistig schwachen Schichten vermuten müssen, überproportional vermehren. Für das gebildete Bürgertum, das sein Glück sowieso zunehmend im Singledasein sucht, ist dagegen spätestens nach dem zweiten Kind Schluss. Hier kostet es schließlich Aufmerksamkeit und Geld, während es in den zuvor genannten Krisen-Kreisen zum Lebensunterhalt beiträgt.

Nachsitzen gilt als Freiheitsberaubung

Keine Schule der Welt kann gegen diesen Fall der Kulturrate an-unterrichten. Erst recht nicht, wenn moderner, falsch verstandener Humanismus dem Lehrer jedwede konkrete Motivationshilfe nimmt: Die Zensurengebung wird, wie vor kurzem nachgewiesen, ihrer leistungsfördernden Substanz beraubt. Nachsitzen ist Freiheitsberaubung, In-die-Ecke-Stellen gilt als unzulässiger Psychoterror. Benachrichtigung der Eltern ist möglich, aber meist entweder ohne Resonanz oder sie führt zum Aufstand betroffener Eltern gegen die Lehrkraft. Strafarbeiten sind pädagogisch nicht korrekt – und was soll der Lehrer auch machen, wenn der Schüler sie einfach verweigert?

Schließlich bleibt noch das Schelten, aber das ist nach gegenwärtiger Lehr-Lehrmeinung schon fast so verwerflich wie Schlagen. Fast alles, womit man junge Menschen zu einem kooperierenden Bestandteil der Gesellschaft formen kann, haben die Gutmenschen abgeschafft. Am meisten darunter leiden die Schüler selbst, die sich nach nichts mehr sehnen als nach jemandem, der ihrer chaotischen Existenz Halt gibt. Auch die Eltern wünschen sich im übrigen mehr Strenge (53 Prozent laut Studie). Doch dem Pädagogen bleibt trotz aller Defizite seiner Klientel, nur zu streicheln und zu bestätigen – wie es von den Fachleuten des Niedergangs auch immer wieder gefordert wird.

Kiezdeutsch für die Identitätsbildung

Weil aber trotz aller großartigen Theorie die Probleme wachsen, greift das System zum bewährten Mittel der Virtualisierung, wie folgendes Beispiel wunderbar beschreibt: Eine verzweifelte Mutter wendete sich an eine als Pädagogin vorgestellte Ratgeberin ihrer Zeitung. Ihre Tochter habe eine Sprache angenommen, in der es heiße: „Morgen geh ich Schule“ oder „Ich bin Bahnhof“. Die Pädagogin wusste gleich Rat: Das falsche Deutsch gehöre zur Identitätsbildung und sei kein Grund zur Besorgnis, schließlich werde „das sogenannte Kiezdeutsch von deutschen, arabischen und türkischen Jugendlichen gerne gesprochen“. Das Weglassen von Artikeln, Personalpronomen und Präpositionen sei keine Verarmung der Sprache, sondern eher eine Weiterentwicklung und Bereicherung. (Hervorhebung: KK)

Es geht aber auch so: In Berlin kam kürzlich ans Licht, dass die Schulverwaltung bei der Begabtenförderung Prüfungsergebnisse von Migrantenkindern wegen deren hoher Durchfallquote nachträglich zum Besseren korrigiert hat. Weil man aber in den Amtsstuben dank des Datenschutzes nicht wusste, wer überhaupt ein Migrant ist und wer nicht, orientierte man sich pragmatisch am Klang der Nachnamen! Wie viel Diskriminierung unter dem Mantel der Gleichberechtigung doch möglich ist…

Dilemma zum Erfolg umdefinieren

In beiden Fällen gilt, dass es in einem aus ideologischer Rechthaberei geschaffenen virtuellen System spielend leicht ist, ein Dilemma zum Erfolg umzudefinieren. Damit aber wird den jungen Menschen genau die sprachliche und die daraus folgende intellektuelle Kompetenz vorenthalten, die sie zur Überwindung ihrer misslichen Situation dringend brauchen. Ganz zu schweigen davon, dass keine entwickelte Gesellschaft auf Dauer ohne sprachliche und andere reale Kompetenzen überlebensfähig ist. Für die Manager des Niedergangs im Allgemeinen und des Bildungssystems im Besonderen spielt das aber keine Rolle. In ihrer individuellen und individualistischen, in ihrer aufgeklärten Weltsicht können doch, wenn das eigene Handeln richtig ist, die Ergebnisse nicht falsch sein.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel