US-Wirtschaft in der Rezession

Ein US-Wirtschaftsforschungsinstitut schlägt Alarm. Entgegen offiziellen Angaben stürze die US-Wirtschaft ab. Das Institut zieht andere Indikatoren zur Analyse heran.

 

Vor drei Wochen habe ich an dieser Stelle das unabhängige US-Wirtschaftsforschungsinstitut Economic Cycle Research Institute (ECRI) thematisiert. Dessen Chefanalyst, Lakshman Achuthan, vertritt bereits seit geraumer Zeit die Meinung, dass sich die US-Wirtschaft schon seit Ende 2012 in einer Rezession befinde. Die von ihm verwendeten realwirtschaftlichen Indikatoren ließen keine andere Einschätzung zu, so Achuthan.

Ein kritischer Leser, der meine ausführlichen früheren Besprechungen des Themas offenbar nicht kennt, hat daraufhin die Frage gestellt, wie man sich dazu versteigen könne, von einer Rezession zu sprechen, obwohl die Wachstumsraten des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) der letzten vier Quartale mit 0,1 Prozent, 1,1 Prozent, 2,5 Prozent und 2,8% Prozent doch mehr oder weniger deutlich positiv waren. Tja, was mag Lakshman Achuthan trotz dieser Zahlen dazu veranlasst haben, bei seiner Lageeinschätzung zu bleiben?

Rezession trotz BIP-Wachstums?

Mir fallen gleich mehrere Antworten auf diese Frage ein, die allerdings nicht alle von Achuthan selbst stammen – wobei ich zugeben muss, dass ich nicht alles verfolge, was er sagt und schreibt, obwohl ich seine Arbeit sehr schätze.

Erstens werden Rezessionen nicht anhand des BIP-Wachstums definiert. Auf diesen Punkt weist Achuthan immer wieder hin. Lesen Sie selbst, was das National Bureau of Economic Research (NBER), das mit der Aufgabe betraut ist, Beginn und Ende von Rezessionen und Aufschwüngen festzulegen, dazu schreibt:

„Das Komitee hat keine feststehende Definition der wirtschaftlichen Aktivität. Es untersucht und vergleicht das Verhalten verschiedener Kennzahlen breiter ökonomischer Aktivität: das reale BIP sowohl auf der Produktseite als auch auf der Einkommensseite gemessen, die landesweite Arbeitsmarktlage und das reale Einkommen. Das Komitee kann darüber hinaus Indikatoren berücksichtigen, die nicht die Gesamtwirtschaft betreffen wie beispielsweise reale Umsätze der Unternehmen oder der Fed Index der Industrieproduktion.“

Trügerische Perspektive

Achuthans Argumente basieren auf den hier genannten Kennzahlen. Sie würden in ihrer Gesamtheit ein Bild vermitteln, das in der Vergangenheit stets mit Rezession einherging, so der Analyst. Diese Aussage kann ich durchaus bestätigen.

Zweitens verweist Achuthan auf die gerade im Bereich der zyklischen Wendepunkte sehr umfangreichen Revisionen der gesamtwirtschaftlichen Daten. Für die vergangenen drei Rezessionen wurde das US-BIP-Wachstum der ersten beiden Rezessionsquartale um jeweils 2 bis 4 Prozentpunkte nach unten revidiert. Somit können sich sämtliche oben genannten Wachstumsraten von bis zu 2,8 Prozent problemlos als trügerisch erweisen und in einen Rückgang revidiert werden. Genau das erwartet der ECRI-Analyst.

Zweifel an der Inflationsrate

Drittens begründet Achuthan seine Prognose mit der schwachen prozentualen Veränderung des nominalen US-BIP zum Vorjahr. Den Verlauf dieser Kennzahl sehen Sie auf dem folgenden Chart. Rezessionen sind durch graue Balken gekennzeichnet. Das nominale BIP ist sowohl im ersten Quartal 2013 als auch im zweiten Quartal 2013 gegenüber dem Vorjahr um 3,1 Prozent gestiegen. Im vierten Quartal 2012 waren es 3,8 Prozent. In der Vergangenheit wurde die Marke von 3,7 Prozent nur dann unterschritten, wenn sich die Wirtschaft bereits in einer Rezession befand. Lakshman Achuthan kann keinen Grund erkennen, warum es diesmal anders sein sollte.

In der Vergangenheit befand sich die US-Wirtschaft immer in einer Rezession, wenn das nominale BIP-Wachstum so niedrig war wie heute. Die grauen Balken kennzeichnen Rezessionen. Quelle: St. Louis Fed

In der Vergangenheit befand sich die US-Wirtschaft immer in einer Rezession, wenn das nominale BIP-Wachstum so niedrig war wie heute. Die grauen Balken kennzeichnen Rezessionen. Quelle: St. Louis Fed

Viertens schließlich erhält man das reale BIP, indem man vom nominalen BIP die Inflationsrate abzieht. Nun zweifeln nicht nur ganz normale Supermarktbesucher an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Inflationsraten, sondern auch einige ernst zu nehmende Ökonomen. Nein, nicht das große Heer der Volkswirte, die auf der Gehaltsliste der Fed oder der Regierung stehen oder sich in der Politikberatung verdingen, sondern das kleine versprengte Häuflein der staatsfernen Analysten.

Kritiker sprechen von Schönfärberei

Ihr wohl prominentester Vertreter ist der US-Ökonom John Williams, der eine US-Inflationsrate publiziert, die nach der in den 80er Jahren offiziell verwendeten Methode berechnet wird. Laut Williams wäre die offiziell ausgewiesene US-Inflationsrate um 2 bis 4 Prozentpunkte höher, wenn sie noch nach derselben Methode berechnet würde wie vor 30 Jahren.

Die staatstreuen Ökonomen sehen darin das Ergebnis eines erfreulichen methodischen Fortschritts. Die Kritiker hingegen sprechen von Schönfärberei. Achuthan hat sich meines Wissens zu dieser Problematik nicht geäußert.

Keine Revisionen?

Nun mag es ja durchaus sein, dass Lakshman Achutans Lagebeurteilung falsch ist. Vielleicht ist diesmal ja tatsächlich alles anders als in anderen Konjunkturzyklen – oder wenn schon nicht alles, dann vielleicht doch die hier besprochenen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge. Vielleicht wird es diesmal keine Revisionen geben. Und vielleicht stimmen sogar die offiziellen Inflationsraten – auch wenn ich weder in Europa noch in den USA Menschen treffe, die das glauben. Was natürlich nicht bedeuten muss, dass es diese Menschen nicht gibt.

Vielleicht gehört der oben erwähnte kritische Leser meines Marktkommentars ja dazu. Wenn er nicht selbst einkaufen geht und in Restaurants nur eingeladen wird, wenn er keine Briefmarken benötigt, nicht heizt, nicht Auto oder S-Bahn fährt, kurz: Wenn er weder isst und trinkt noch wohnt und fährt, dann wird er wohl kaum Gründe haben, die offiziellen Inflationsraten in Zweifel zu ziehen.

Über Claus Vogt

Claus Vogt ist Gründer der Vermögensverwaltung Aequitas Capital Partners GmbH, einer auf vermögende Privatanleger und institutionelle Investoren spezialisierten Vermögensverwaltung. 2004 schrieb er zusammen mit Roland Leuschel das Buch "Das Greenspan Dossier". Gemeinsam schreiben sie nun den Börsenbrief „Krisensicher Investieren“. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel