Wir brauchen ein Bildungsideal!

Wissen wird als „Fertigggericht“ angeboten. Doch so können Kinder ihre Potenziale nicht entfalten. Nötig ist ein Bildungsideal, dass sich wieder am Menschen orientiert, schreibt ROLAND FORBERGER in einem Gastbeitrag.

 

Schule, so wie sie für den Großteil der Bevölkerung erlebt wird, folgt nur noch zu geringen Teilen dem Bildungsideal von Humboldt. Spätestens seit der Perfektionierung des Fließbands durch Henry Ford sind wir in ein neues Zeitalter (dem Taylorismus) eingetreten. Eine erste Analyse, wie es dazu kam.

Schule – und damit Bildung in der Breite der Bevölkerung – hat gewiss einen zentralen, gesellschaftlichen Stellenwert. Die Schule ist ein Spiegel unserer gesellschaftlichen Bedürfnisse und sorgt dafür, dass wir als Kollektiv ein zukünftiges Fundament haben, auf dass wir uns stützen können. Dafür investieren wir Geld und Zeit, um dessen Wissens-Früchte durch zukünftige Generationen ernten zu können und damit wiederum unsere Gesellschaft in einer gemeinsamen Geschichte und Kultur fort zu führen. Ein stetiger Wandel ist damit möglich – zumindest in der Theorie. Wie sieht die Praxis nun aus?

Am Fließband

Die fortschreitende Industrialisierung hat uns Massenprodukte beschert. Produkte waren nun für eine breitere Bevölkerungsschicht erschwinglich, und die Produktion dieser Massen an Produkten benötigt auch Massen an Menschen. So war es nur konsequent, dass sich das Bildungsziel für die breite Masse an diesem „Bedarf“ orientiert. Es war nicht der kritische Geist gefordert und schon gar nicht eine kritische Vernunft (!), sondern ein Mensch, der sich dem Takt der Maschine beugt. Denn zu Henrys Ford Zeiten war das Fließband digital. Man konnte es an oder ausschalten. Der Mensch musste also mit wenigen routinierten Handgriffen die unterschiedlichen Taktzeiten kompensieren.

Die Optimierung dieses Prozesses, die Handgriffe so kleinteilig zu tun, dass jegliche Eigenständigkeit und Kreativität stirbt, bezeichnen wir heute gemeinhin als Taylorismus. Unsere Schule musste zwangsweise diesem Fortschritt folgen und Menschen “bilden”, die Zeit als eine Konstante sehen – eine feste Größe, die in beliebig viele Teile zerlegt werden kann, die für alle gleich ist. Auch wichtig für diese Zeit war, dass kein Widerspruch geduldet wurde,denn die Menschen sollten arbeiten, nicht denken!

Bildung geht in die Breite

Die Fließbandarbeit ließ dies nicht zu. Erst allmählich wurde erkannt, dass nicht alle Menschen gleich arbeiten, und man fand einen Ausgleich durch Akkordlöhne. Mehr Leistung sollte sich lohnen – so die Idee.

Seit dem Informationszeitalter, also etwa seit Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, haben wir im Westen ein neues Zeitalter betreten. Die Massenproduktion ist schon längst zum (“Humankapital”-günstigeren) Osten abgewandert und mit ihr auch unsere alten Maschinen und das notwendige Denken. Zurück bleibt eine Berufsvielfalt, denn nur durch sie erhoffen wir uns wachsenden Wohlstand und die Eintrittskarte in die Wissensgesellschaft. Die Bildung geht in die Breite und damit auch die Suche nach einem neuen Bildungsideal.

Die Plätze werden eng

Unsere Bildungsinfrastruktur ist aber nicht in gleichem Maße auf diese “Revolution” eingerichtet. Immer mehr Menschen machen ihr Abitur und wollen studieren. Die Plätze werden eng – wir müssen zusammenrücken. Aber es gäbe auch andere Möglichkeit, wir könnten das Bildungsangebot ausbauen, neue Konzepte entwickeln – wie damals das der Universitäten. Stattdessen hat man die Bereitstellung von Arbeit reduziert und damit dem Einzelnen die Verantwortung übertragen, sich auf einen Verteilungskampf einzulassen, der die Grundwerte des Allgemeinwohls schleichend untergräbt – welcher Konkurrenz vor Kooperation stellt.

Eine mediale Unterstützung sorgt gleichermaßen für einen stetigen Hunger an Geld und Wohlstand, wie auch an Verstreuung. Brot und (Fussball-)Spiele erfinden sich neu. Dies führt unweigerlich auch zu einem Geldfluss von Arbeit zu Kapital. Diejenigen, die sich auf die Steuerung der Massen konzentrieren, fließt Geld in immer größerer Fülle zu, während diejenigen, die Arbeiten konsumieren, immer weiter über ihre Verhältnisse leben. Ein Teufelskreis beginnt.

Erste Zweifel

Es ist dabei nicht verkennbar, dass sich erste Zweifel am Bildungssystem auftun und es werden unzählige Forschungsarbeiten durchgeführt. Jeder Aspekt wird beleuchtet und auf Tauglichkeit untersucht. John Hattie macht sich 2008 die Mühe und fasst diese unzähligen Studien und Meta-Studien (die Verdichtung einzelner Studien) nun zu einer neuen Meta-Meta-Studie zusammen. Er berücksichtigt dabei mehrere Merkmale, so dass sein Studienergebnis nicht ein Wert ist, sondern 138 Einzelne. Man kann nicht viel Fakten aus der Studie entnehmen, aber sehr viel “deuten”.

Eine der ‘belastbaren’ Aussagen ist, dass der Lehrkörper viel mehr für die Geschicke der Schüler verantwortlich ist, als alles andere. Wenn wir also einen Hebel für ein Neudenken suchen, dann sollten wir dies beim Lehrkörper suchen – so das Ergebnis der Studie. Tun wir dies aber? Investieren wir in die stetige Ausbildung und Fortbildung der Lehrer – zeigen wir ihnen neue Wege auf? Nehmen unsere Lehrer Kritik von den Schülern an und setzen sie diese um?

Wie gut sind die Lehrer?

Nach der Jahrsiebte-Theorie von Rudolf Steiner sind Kinder erst mit 21 Jahren überhaupt mündig – damit hat die Waldorfschule zumindest eine ideologische Begründung, dies nicht zu tun. Wie sieht es aber mit dem Rest der Schule(n) aus? Sind die Lehrkörper überhaupt dafür ausgebildet, die Potenziale der Kinder zu entfalten oder liegt ihre Ausbildung darin, vorgefertigtes Wissen als “Fertiggericht” zu verabreichen? Wie kann es gelingen, dass sich Schule über den Lehrkörper wandelt, wenn dieser selbst gar nicht wandlungsfähig ist? Kann man an einem Tag X einfach alle Lehrer durch neue austauschen und damit eine neue Zeit begründen, so wie in einer Firma einfach die Mitarbeiter einer Abteilung ersetzt wird? Gelingt Change-Management auch in der Bildung?

Ich glaube nicht, dass ein Neustart mit einer neuen Mannschaft ein möglicher Weg ist, denn zuviel Abhängigkeiten belasten das System-Bildung bereits so stark, dass der durchlässige Schwamm der Anpassung bereits so vertrocknet ist, das er nur noch zerbröseln kann. Die PISA-Studie zeigt dies eindrücklich – man könnte fast schon daran glauben, dass es ein Ziel von PISA war, das Bildungsniveau durch die Gleichschaltung schrittweise zu senken.

Schule von morgen

Wie könnte nun eine Schule von morgen neu gedacht werden? Ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam ein Bild dieser neuen Schule entwickeln können und habe hierzu einen eigenen Hauptbeitrag erstellt. Zuvor sollten wir aber unser Ziel beGREIFEN, was für eine Gesellschaft möchten wir? Haben wir ein Interesse an der Wissensgesellschaft, so müssen wir neu Denken. Wir brauchen dann Menschen, die ihre Kräfte entfalten, wir brauchen ein Bildungsideal, dass sich am Leben und Werden orientiert – also am einzelnen Menschen – und nicht an einem vorgedachten Produkt. Wir brauchen Quellen der Inspiration, so dass sich Kinder schon früh erkennen können und dem Folgen können, das sie antreibt.

Wenn wir dies früh genug tun und den Kindern die Freiheit lassen, die sie für ihre Potentialentfaltung benötigen, werden sie zu dem, was wir heute als Genies bezeichnen, denn ein Kind bleibt beim Lernen nicht stehen, wenn es sich für etwas begeistert, es will mehr und kommt in Flow, und damit in ein Zustand zwischen Über- und Unterforderung! Ganz anders ein Kind, dass zum Lernen gezwungen wird – auch nach mehrmaligem Wiederholen bleibt nur ein begrenzter Teil im Gehirn, von Querbezügen keine Spur, dabei zeichnet doch gerade die Vernetzung der Gedanken uns als Mensch aus. Mit stupidem Auswendiglernen folgen wir einer Kausalkette. Denken wir zu einer sequenziellen Aneinanderreihung von Ereignissen, analog zu einer Checkliste. Von Risikoabschätzung keine Spur, denn dazu müssten wir vernetzt denken, müssten beachten, dass es Rückkopplungen unseres Handelns gibt und diese berücksichtigen.

Potenziale nutzbar machen

Wir benötigen eine völlige Umkehr der jetzigen Denkweise. Zusammenhänge erschließen sich dann, wenn Angst keinen Platz mehr in unserem Gehirn findet und die Kreativität verdrängt. Erst dann können wir als Wissensgesellschaft unsere Entdeckungen fortsetzen, die uns die Natur hinterlassen hat. Erst dann sollten wir uns an dunkle Materie heranwagen, sonst droht uns ein weit größeres Desaster, als wir es mit der Atomkraft jetzt haben. Erst wenn wir vernetzt denken und die Folgen abschätzen, können wie die Potenziale für uns als Gesellschaft nutzbar machen.

Die Globalisierung hat hier einen positiven Effekt. Wir können mittlerweile nicht mehr isoliert handeln, dazu sind die Abhängigkeiten bereits zu groß. So bin ich zuversichtlich, dass wir zur Etablierung einer neuen Form des Denkens und Bildens deutlich weniger Zeit benötigen als damals, wenn wir es denn wollen!

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