Autofahrer werden zu Denunzianten

 Es ist eine Form von Selbstjustiz:  Kameras hinter der Windschutzscheibe filmen Verkehrssünder. Die Videos landen im Netz. Eine Million Kameras sind schon unterwegs.

 

Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.  Da lese ich von Autofahrern, die mit Videokameras hinter der Windschutzscheibe unterwegs sind, und fortwährend filmen, was sich vor der Motorhaube abspielt. Dabei verfolgen sie nicht nur das Ziel, Situationen aufzuzeichnen, die zu einem Unfall mit dem eigenen Fahrzeug geführt haben. Nein, sie sind sich nicht zu schade, andere Autofahrer mit ihren Aufnahmen zu brandmarken, indem sie Regelverstöße ins Internet stellen.

So berichtet die Süddeutsche Zeitung“ über den Fall eines Fahrers mit Recklinghäuser Kennzeichen,  der ungeduldig an einer roten Ampel für Linksabbieger wartete und noch bevor die Ampel umsprang, aufs Gas trat und davonbrauste, weil die Straße offenbar frei war. Da offenbar keine Polizei in der Nähe war, wäre der Gesetzesverstoß normalerweise ohne Folgen geblieben. Doch der „Schnellstarter“ hatte nicht mit dem Fahrzeug hinter ihm gerechnet, dessen Fahrer eine sogenannte „Dashcam“ hinter seiner Windschutzscheibe installiert und das Vergehen aufgezeichnet hatte.

Büßen für die ungestrafte Tat

Nun hätte der nachfolgende Fahrer mit der Kamera die Sache auf sich beruhen lassen können, schließlich ist niemand zu Schaden gekommen. Doch danach war ihm nicht. Er hatte anderes im Sinn. Er wollte den „Schnellstarter” für die ungestrafte Tat büßen lassen und stellte den Film ins Internet. Innerhalb kürzester Zeit sollen 700 Leute das Video angeschaut haben. Sie alle kennen nun den ungeduldigen „Schnellstarter“ aus Recklinghausen.

Nur den kleinen, feigen Denunzianten, der sich heimlich daran ergötzt, dass der andere am Pranger steht, den kennen sie nicht.

Eine Million Autofahrer mit Kamera

Da frag ich mich doch, in welcher Welt wir leben, wenn wir uns einerseits lauthals über die grenzenlose Spionage der Geheimdienste in unseren Privatsphäre beklagen, andererseits aber gewissenlos andere Autofahrer ausspionieren und ihr Fehlverhalten der Öffentlichkeit preisgeben. Und wer jetzt denkt, das seien doch nur Einzelfälle, der irrt gewaltig!

Nach Schätzungen des ADAC sind bereits eine Million Autofahrer mit Kamera an Bord unterwegs. Einige stellen ihre Aufnahmen nicht nur ins Internet, sondern liefern ihre Videos samt Anzeige bei der Polizei ab, schreibt die Süddeutsche. Und das Bundesjustizministerium habe überhaupt kein Problem damit. Nicht einmal dann, wenn die Videos im Internet landeten. Die darin abgebildeten Personen seien schließlich nichts anderes als „Beiwerk einer Landschaft“.

Die Regierung hat nichts dagegen

Ein Justizministerium, das sich in dieser Art und Weise äußert, offenbart eine furchterregende autoritäre Sichtweise. Es schert sich nicht im Geringsten um die Freiheitsrechte des Einzelnen. Wo bleibt das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass wir gegenüber der NSA einfordern? Wo bleibt die Würde des Menschen, die uns immerhin die Verfassung garantiert? Sie wird mit Füßen getreten!

Ein Autofahrer, der andere filmt mit dem Ziel, deren Fehlverhalten ins Internet zu stellen, übt Gewalt aus. Und wenn er sich dann nicht einmal selbst zu erkennen gibt, ist er schlimmer als die Stasi in der DDR. Was ist nur los in dieser Gesellschaft, dass sie eine Form von Selbstjustiz gebiert, die den Mitmenschen zutiefst verachtet und den Rechtsstaat aushöhlt? So etwas kann, nein, es muss einem Angst machen.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel