Schützt Patienten vor solchen Ärzten

Das deutsche Gesundheitssystem offenbart eine abscheuliche moralische Entartung, wenn offen nicht mehr darauf hingearbeitet wird, Krankheiten heilbar zu machen.

 

Nachdem die Schulmedizin nachhaltig ihre Unfähigkeit bewiesen hat, Probleme, die sich gängiger medikamentöser oder operativer Methoden entziehen, auch nur einigermaßen hinreichend zu bewältigen, wächst und wächst ein Schattenreich der Pseudomedizin. Alle möglichen Präparate und Methoden von völlig unglaubwürdig bis nicht beweisbar, von Esoterik bis hin zu überstrapazierter Naturheilkunde machen Milliardenumsätze. Schlimmer noch: Unser guter alter Halbgott in Weiß, der moralisch unantastbare und scheinbar unfehlbare Arzt, wird mit seinem bunten Angebot nicht seriöserer individueller Gesundheitsleistungen immer mehr zum medizinischen Äquivalent des Staubsaugervertreters.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK schätzt den so direkt aus menschlichem Leid generierten jährlichen Umsatz der Ärzteschaft auf 1,5 Milliarden Euro. Jeder vierte Patient bekommt inzwischen beim Arztbesuch eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) angeboten – je wohlhabender desto Nepp-affiner. Nun gibt es glücklicherweise eine IGeLliste der gesetzlichen Krankenkassen – bei aller angebrachten Skepsis hinsichtlich deren Lauterkeit – und damit eine Orientierungshilfe für den völlig überforderten Patienten.

Der Patient muss selbst zahlen

Rund 350 zweifelhafte Zusatzleistungen soll es bereits geben, die in den Arztpraxen mit teils aggressiven Methoden angeboten werden. Im Unterschied zu vielen anderen wirkungslosen Arztbehandlungen ist hier das Besondere, dass der Patient die Kosten selber tragen muss – und in seiner kranken Abhängigkeit auch oft trägt. Die Palette reicht von Glaukom-Früherkennung über Akupunktur und Migränevorbeugung bis zu Thrombose-Checks – allesamt Methoden strittigen Charakters.

Der Arzt verliert so seinen Status als Heiler und wird zum Verkäufer. Die Patienten in den Praxen wissen oft gar nicht, dass es sich um eine IGeLleistung, also eine mit unbewiesener Wirksamkeit handelt. Der Arzt missbraucht damit ihr Vertrauen, besonders, weil diese Leistungen häufig auch belastend oder schädlich sind. Selbst der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung appellierte wohl aus gutem Grund an seine Kollegen, mit dem Thema „sensibel“ umzugehen. Deswegen ist auch die Forderung der Krankenkassen an den Gesetzgeber richtig, wie bei jedem Haustürgeschäft als Überrumpelungsschutz eine Einspruchsfrist für Patienten zu verankern, wenn ihnen der Arzt eine IGeLleistung verkauft.

Viele Scharlatane

Natürlich wollen die Krankenkassen vor allem Geld sparen, doch ist das auch ihr gutes Recht, wenn sie im Interesse von uns Beitragszahlern Kosten für wirkungslose Behandlungen einzusparen trachten. Und überhaupt bedeutet die diktatorische Macht der Krankenkassen, wenn es um die Genehmigung einer Behandlung geht, nicht automatisch, dass sie unrecht hätten. Zu viele Scharlatane tummeln sich inzwischen auf diesem Gebiet.

Man denke nur an die „rein-natürlich“-Gesundheitsindustrie, die selbst schwerste Krankheiten mit Kräutertee und Moorbädern heilen will. Oder die Esoteriker, die mit ihren Inkubatoren, kosmischer Strahlung oder Handauflegen den Körper wieder zum Funktionieren bringen wollen. Oder an die Alchimisten, die Naturstoffe billiardenfach verdünnen, und vorgeben, dass sich dabei durch Schütteln die nicht vorhandene Wirksamkeit erhöht: also die Homöopathen, die Bachblüten-Sammler und die Salz-Schüssler.

Behauptungen zu Fakten stilisiert

Von gläubigen Nutzern und verantwortungslosen Medien werden die Irrlehren kopfverdrehender Pillendreher im Volk verankert. Besonders tun sich dabei sogenannte Gesundheitsreports und Seniorenzeitungen hervor, die unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit beliebige Behauptungen zu Fakten hochstilisieren. Was sie schreiben, hat dann meist den Wahrheitsgehalt der Anzeige gleich daneben.

Eine ganze Seite in der Zeitung erhielt ein Reiki-Meister zum unhinterfragten „Beweisen“ seiner Erfolge bei der Schmerztherapie, die aus einer Kombination von vorsichtigem Handauflegen mit anschließendem resoluten Handaufhalten besteht. Neben seinen Behauptungen hatte der Heiler auch noch schriftliche Belege vorzuweisen, schließlich füllen seine Patienten immer alle einen Fragebogen aus, dessen Auswertung eine Erfolgsquote von sage und schreibe 85 Prozent ergab (sicher nur bei den Patienten, die dumm genug waren, bis zum Ende dabeizubleiben).

Reiki und Qi Gong in der Unfalklinik

Dass Menschen dem nachgehen, von dem sie glauben, dass es sinnvoll ist, soll hier nicht kritisiert werden – selbst nicht bei einem so offensichtlichen Hokuspokus, aber der gefeierte Meister, bei dem „die Hände prickeln, heiß werden und pulsieren“, wenn er sie den Patienten auflegt, arbeitet im quasi-öffentlichen Unfallkrankenhaus Berlin (die Klinik wird von den Berufsgenossenschaften getragen), und berichtet zudem stolz, dass an seiner Arbeitsstelle bereits sechs Therapeuten mit solchen alternativen Verfahren tätig sind. Tatsächlich werden diese Maßnahmen von Ärzten auch noch offiziell verordnet, neben Reiki gibt es hier noch Akupunktur und Qi Gong. Das ist schlimm, weil die Patienten, in der Regel sowieso gesundheitlich und seelisch angeschlagen, sich meist dagegen weder körperlich noch intellektuell zur Wehr setzen können.

Dass Naturheilverfahren im Trend sind, ist im Prinzip gut so, denn es ist die Rückwendung zu den Erfahrungswissenschaften, die die Medizin im Zuge des Himmelssturms der Wissenschaften zu Unrecht als Altlast ad acta gelegt hatte. Problematisch ist es nur, wenn die natur-gemäße Beschränktheit der Naturheilverfahren ignoriert wird. Oder wenn sogar die Schulmedizin diese kritiklos vereinnahmt, um irgendwie das Image eigener Unfehlbarkeit zu retten. Bachblüten, Homöopathie und gemahlene Tigerzähne wie in der chinesischen Medizin – alles scheint möglich, ohne dass Erfolge jemals seriös nachgewiesen werden konnten.

Die Angst des Mini-Mediziners

Heilpraktiker – nutzen wir dies einfach mal als Oberbegriff, ohne die sicher irgendwo existierenden seriösen Vertreter ihres Berufs in die Kritik einzubeziehen – umgeben sich jenseits ihrer zweifellos vorhandenen Möglichkeiten mit einem arztähnlichen Image der Unfehlbarkeit, dass schon bei studierten Ärzten problematisch genug ist. Mit der Augendiagnose wollen sie unfehlbar den Fußpilz erkennen.

Vielleicht sind es auch gar nicht immer ökonomische Interessen, die solche letztlich betrügerischen Verhaltensweisen entstehen lassen, sondern einfach die Angst des Mini-Mediziners, sich einzugestehen, wie wenig er den Menschen mit seiner Kunst angesichts der Unbezähmbarkeit der Natur helfen kann.

Moderner Aberglaube

Die Krankenkassen als gewinnorientierte Unternehmen haben den Zug der Zeit jedenfalls schon lange vor ihrer IGeLliste erkannt und nutzen wirkstofffreie, aber kostengünstige ‚Medikamente‘ wie Phytopharmaka skrupellos zur Etatgesundung. Ein moderner Aberglaube wie die Homöopathie ist inzwischen von ihnen anerkannt, obwohl es bisher selbst nach Aussage eines führenden deutschen Homöopathen und gleichlautend des Weltkongresses der Homöopathen 2005 in Berlin keine wissenschaftlich (was bekanntlich auch noch kein Beweis wäre) haltbare Untersuchung dazu gibt.

Die Verordnung von Placebos, also ganz offiziell wirkstofffreien Scheinmedikamenten wird offen als nächster Schritt diskutiert. Man begründet das mit Statistiken, wonach sich deren Wirksamkeit kaum von ‚echten‘ Medikamenten unterscheide. Da heilt sich der Patient also durch die Kraft der Einbildung kostengünstig, aber leider nur angeblich selbst. Welch eine moralische Entartung zeigt sich darin, wenn offen nicht mehr darauf hingearbeitet wird, Krankheiten heilbar zu machen, sondern lediglich auf die Selbstheilkräfte des Patienten spekuliert wird. Und wie bezeichnend ist es, wenn damit in der Medizinerszene so offen an der eigenen Kunst gezweifelt wird.

Moralische Integrität?

Die Krankenkassen wollen sparen und schaffen diesmal durch die IGeLliste tatsächlich etwas mehrheitlich Sinnvolles: Sie schützen die Patienten damit vor Alchimisten und Halsabschneidern im weißen Kittel. Sie schützen aber auch eine immer hysterischere Patientenschar, die glaubt, dass man Gesundheit kaufen kann, selbst dann, wenn man eigentlich gesund ist.

Die IGeLliste ist ein erster, wenn auch nur die gängigsten Produkte und Methoden umfassend, wichtiger Schritt. Eine kritische Öffentlichkeit muss die Krankenkassen kontrollieren, für die die Versuchung natürlich groß ist, so selbst begründete Leistungen zu verweigern. Bedenklich ist in dem Zusammenhang, dass letztere schon die Gelegenheit genutzt haben, auch Sportuntersuchungen und Reiseimpfungen aus der Leistung zu nehmen. Letztlich  kommt es sowieso darauf an, wie viel moralische Integrität in diesen Institutionen noch vorhanden ist, einen seriösen Job zu machen.

Print Friendly, PDF & Email
Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel