Zu deutsch für Verfassungsschützer

Der Rockmusikser Sacha Korn wehrte sich erfolgreich gegen Versuche, ihn als rechtsextremistisch einzustufen / Foto: Sacha Korn Der Rockmusikser Sacha Korn wehrte sich erfolgreich gegen Versuche, ihn als rechtsextremistisch einzustufen / Foto: Sacha Korn
Wann ist Rockmusik patriotisch, wann bereits rechtsextrem? Sacha Korn wurde vom Verfassungsschutz beobachtet und der Antifa verfolgt. Eine zutiefst deutsche Geschichte.

 

Joe Bramante ist schuld. Der Italo-Kanadier mit dem klangvollen Namen hat Sacha Korns Lieder an die NPD verscherbelt. „Die haben gefragt, und ich habe sie ihnen verkauft“, sagt er und macht auch gleich klar, dass ihm die Neonazis völlig wurscht sind: „Scheiß auf die NPD.“ Joe Bramante ist ein bunter Vogel, der nicht nur im Musik-Business Geld verdient, sondern schon Paris Hilton, Carmen Elektra und Pamela Anderson gemanagt hat.

Doch damit war es vorerst vorbei, als italienische Sicherheitsbehörden bei ihm in Mailand eine Panzer-Abwehrrakete sicherstellten und ihm den Prozess wegen Waffenschmuggels machten. Schließlich schoben sie ihn nach Kanada ab, wo er das Ding mit der NPD drehte, das Sacha Korn einen Eintrag als „rechtsextremistischer Liedermacher“ im Brandenburger Verfassungsschutzbericht einbrachte. „Ich hatte keine Ahnung von dem NPD-Deal“, sagt Korn. „Ehrlich.“

Veranstalter sagen Konzerte ab

Es wäre besser gewesen, wenn er Wind davon bekommen und die Sache verhindert hätte. Denn seit er im Verfassungsschutzbericht stand, sagen Veranstalter in Deutschland seine Konzerte ab, weil sie Ärger mit linken Gruppen oder gar den Sicherheitsbehörden fürchten. Aus Angst vor Repressionen verweigert der Handel den Vertrieb seiner CD’s. Seither ist er für’s erste ausrangiert.

Und künstlerisch steht er im Zwielicht. An keinem anderen Musiker entzündet sich die Frage, wann ein Liedtext patriotisch, nationalistisch oder bereits rechtsextremistisch ist so sehr wie an Sacha Korn. Antifaschistische Foren im Internet erregen sich in einer Weise, als spiele er den Soundtrack für eine Bewegung ein, die den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) hervorbrachte.

Frage nach der Identität

Woher kommen diese Vorbehalte? Sind sie berechtigt, oder ist Umgang mit ihm exemplarisch für eine übersteigerte Furcht vor dem Rückfall in dunkelste Zeiten deutscher Geschichte? Oder könnte es sein, dass Sacha Korn für eine ganze Generation Ostdeutscher eine lange verdrängte und längst überfällige Frage nach der Identität stellt?

Für die ausführliche Klarstellung, die er am 12. Mai 2011 auf seiner Webseite veröffentlicht und in der er sich von der NPD distanziert, interessiert sich niemand. Darin heißt es: „Ich stehe keiner Partei in der Bundesrepublik Deutschland oder sonst irgendwo nahe (…) Ich schreibe sozialkritische Texte mit einem positiven Bezug zu meinem Land (…) Wer in meinen Texten tatsächlich rassistische Passagen finden sollte, dem spendiere ich VIP-Karten für die kommende AC7DC-Tour.“

Netz-Gegen-Nazis

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Solche Passagen seien auch nur schwer zu verifizieren, behaupten seine Kritiker. Er vermittle seine Einstellungen „durch die Blume als Subtext zu Sagbarem“, wirft ihm das „Netz-Gegen-Nazis.de“ vor. Weder „sein Auftreten im Web 2.0 noch seine Aussagen n Interviews“ ließen „Zweifel an seiner rechtsextremen Gesinnung zu“.

Indymedia.org schreibt, Korn poste auf Facebook „immer wieder rechte Parolen und hat in seiner Freundesliste bekannte Nazigrößen wie Udo Voigt, Holger Apfel, Jörg Hähnel, Matthias Polt, Matthias Faust sowie noch weitere“. Überprüfbar ist das heute nicht mehr, denn die Facebook-Adresse, auf die Indymedia.org verlinkt, ist heute nicht mehr erreichbar. In der Zwischenzeit hat sich Korn eine andere zugelegt, auf der seine Freunde verborgen bleiben.

„Ich habe nichts gegen Ausländer“

Zweifellos provoziert er. „Kunst muss provozieren“, sagt Korn. Sie dürfe nicht nur anecken, sondern müsse es sogar. „Sonst erreichst Du die Leute nicht.“ Er sitzt in einem kleinen chinesischen Lokal im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Die Kellner hier kennen ihn. Darum war es ihm wichtig, hierher zu gehen. „Ich habe nichts gegen Ausländer. Das ist alles Unsinn“, sagt er. Und: „Übrigens hatte Joe Bramante das Recht, die Lieder an die NPD zu verkaufen.“ Er sei nur seiner Vertragspflicht nachgekommen. „Es ist sein Job, meine Lieder zu verbreiten. Das ist die Faktenlage.“ Allerdings habe er Bramante zwischenzeitlich angewiesen, politischen Parteien und Organisationen keine weiteren Rechte an seinen Liedern abzutreten.

Die beiden lernten sich in L. A. kennen, wo Korn nach dem Abbruch eines Betriebswirtschaftsstudiums in Potsdam Ende der 1990er Jahre an der Los Angeles Music Academy Jazz-Gitarre studierte. Einer seiner Lehrer war der frühere Gitarrist der Pointer Sisters, Bill Fowler. Weil er mit ihm nicht zurechtkam, wechselte Korn zu Scott Henderson auf das Guitar Institute of Technology in Hollywood. Nebenher besuchte er Kurse für Music-Business beim früheren Produzenten der US-Band Kiss, Kenny Kerner. Und was er dort lernte, brachte er bald schon in ein gemeinsames Geschäft mit Bramante ein, der das Management für Korns Produktionen übernahm. Gemeinsam gründeten sie eine Firma, die Musiklizenzen nach Osteuropa verkauft.

Suche nach Heimat und Vaterland

Seither ist Sacha Korn ein Wanderer zwischen den Welten. Seine Geschäftspartner sitzen in Moskau und London. Die einen sind zumeist russische Juden, die anderen Vertreter der US-Musikindustrie. Er mag diesen Job. „Ich hatte schon immer ein positives Verhältnis zum Geldverdienen“, sagt er.

Einige Jahre lebte er in Mailand und Lodz. Er tourte mit seinen Musikern erfolgreich durch Russland und Japan. Er spielte als Vorband von Rammstein in Frankreich und Tschechien und landete einige Male unter den Top 10 internationaler Charts. Aber ihn ließ diese Sehnsucht nie los, die ihn schließlich zurücktrieb an den Ort, an dem er aufgewachsen war: Teltow, das Örtchen an der Mauer, das einem Kanal seinen Namen gab. Korn glaubt, dass Teltow der Punkt ist, von dem aus er, wie Archimedes sagt, die Welt aus den Angeln heben kann. Hier sind ihm jeder Stein und jeder Strauch vertraut. „Teltow ist meine Heimat“ sagt er. „Und Deutschland mein Vaterland.“

Ohne Heimat sein, heißt Leiden

Das ist so ein Satz, bei dem Antifa und Verfassungsschutz aufhorchen. Vaterland – das sagt heute kaum noch jemand. Unsere Großväter und Großmütter sprachen so. Wer heute den Begriff Vaterland wählt, läuft schnell Gefahr, Blut-und-Boden-Assoziationen zu wecken. Nicht ohne Grund taucht das Wort sogar bei der Bundeswehr kaum auf. „Wir dienen Deutschland“, ist ihr Slogan. Die Deutschen sind Bundesbürger, noch lieber Europäer. Aber Söhne und Töchter eines Vaterlandes?

Klar, jeder hat irgendeinen Ort, den er Heimat nennt. Heimat- und Vaterland können identisch sein, sie sind es aber nicht zwingend. Dostojewski schrieb, ohne Heimat sein, heißt Leiden. Insofern hätte Sacha Korns Rückkehr nach Teltow das Ende seines Leidens sein können. War es aber nicht. Denn sein alter Konflikt mit dem Vaterland brach wieder auf, der es ihm damals so leicht gemacht hatte, Deutschland zu verlassen. Möglicherweise kehrte er auch nur zurück, um diesen Konflikt zu lösen, endlich reinen  Tisch zu machen, damit er mit sich und dem, was er Heimat nennt und so sehr begehrt, im Gleichgewicht ist. Jedenfalls dreht sich sein ganzes künstlerisches Schaffen seit Jahren vor allem um dieses Thema.

Mahnmale deutscher Verbrechen

Er schreibt elegische Lieder wie „Mein Land“ mit Zeilen wie: „Zwölf Jahre deiner Geschichte sind tausend Jahre Fluch.“ Da weiß jeder, was gemeint ist. Prompt landete das Stück vor der Prüfstelle für jugendgefährdende Medien. Auf seiner Facebook-Seite postet er: „Während Denkmäler in anderen Ländern auf Personen oder Taten hinweisen, auf die man dort stolz ist, stehen an exponierten Stellen wie Parks, Zentren von Städten in der BRD, Mahnmale, die die Deutschen an Verbrechen ihrer Vorfahren erinnern sollen.“

Er sagt immer noch BRD, wie damals, als Teltow noch die gesamte DDR mit VEB-Elektrotechnik versorgte. Im Jahr 2013 kommen T-Shirts aus Teltow, produziert von einem Mode-Label , das sich „Fourth Time“ nennt, was in der linken Antifa-Szene als Hinweis auf ein zu errichtendes „4. Reich“ interpretiert wird. Warum ist bei einem Blick auf die Kollektion nur schwer verständlich. Das Unternehmen selbst leitet seinen Namen von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde sowie den vier Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsensein und alter ab. Trotzdem wird es in der Antifa-Szene in einem Atemzug mit der Marke „Thor Steinar“ genannt, die seit Jahren nicht nur deutsche Neonazis einkleidet. Und Sacha Korn ist das Gesicht von „Fourth Time“, in deren T-Shirts vor ihm allerdings auch schon in Teltow stadtbekannte Neonazis Werbeaufnahmen machten.

Er ist gern der harte Kerl

Korn wirft sich für Fourth Time in martialische Pose. Die Hände sind für den Boxkampf bandagiert und halten die Gitarre, mit der er seinen Kampf ums Vaterland führt. Er gehört zu den Jungs, die immer gern den harten Kerl rauskehren – auch mit 38 noch. Nicht ohne Grund hat er die Faust zu seinem Logo gemacht, auf dem die Buchstaben K und O in seinem Nachname jeweils durch einen Punkt getrennt sind.

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Er macht nicht viele Worte darüber, wie oft er als Mensch schon k.o. ging, wie ihn Gefühle schneller als die Fäuste des härtesten Gegners von den Füßen holten. Eine langjährige Beziehung mit der Sängerin Viola Kollmorgen, mit der er auch musikalisch zusammengearbeitet hat, zerbrach. Seit einen halben Jahr gibt es eine neue Freundin. Sein Leben kennt viele Variablen, damit sie ihn nicht aus dem Gleichgewicht bringen, braucht es Konstanten. Neben seinen Eltern und der Musik ist es für ihn der Sport.

Die Welt als Brummkreisel

Sport hat ihm immer Spaß gemacht, vor allem Kampfsport. Das war schon in der Schule so. Sport gab ihm Halt, Sicherheit. „Das macht dich ruhig“, sagt er, dessen Augen immerzu umherwandern und sich dann blitzschnell in einen Gesprächspartner bohren, wenn der Dialog eine persönliche Ebene erreicht.

Sacha Korn war 14 Jahre alt, als die Mauer fiel und seine Welt, oder jedenfalls die Vorstellung, die er damals von ihr hatte, unter sich begrub. Mit der Wende drehte sich das Leben in Teltow plötzlich wie im Brummkreisel, so dass einem ganz schwindlig werden konnte. All die Jahre hatten sie in der Schule das hohe Lied auf den Sozialismus gesungen. Im Wehrkunde-Unterricht konnten Sacha und seine Freunde auf die Pappkameraden des Klassenfeindes schießen, anschließend rasten sie mit dem Motorrad durch den märkischen Sand. Das fand er richtig „geil“. Abends spielte er sich auf seiner ersten Gitarre die noch weichen Fingerkuppen wund.

 Schlachtfeld der Ideologie

Doch dann verschwanden draußen die Pappkameraden. Es gab keinen Klassenfeind und auch keinen Sozialismus mehr. Morgens standen die wenigen nicht aus dem Schuldienst entfernten Lehrer magensauer und sprachlos vor der Klasse. So wie Verlierer auf dem Schlachtfeld der Ideologie halt dastehen. Sie hatten genug damit zu tun, ihre Angst vor dem zu verbergen, was nun kommen sollte. Wie sollten sie ihren Schülern da Zutrauen vermitteln zu dem neuen Gesellschaftssystem, in dem sie nun leben würden und das ihnen noch kaum etwas zu bieten hatte, weil es im Osten erst einmal ankommen musste.

All das ist mehr als zwanzig Jahre her. Vergessen aber ist es nicht, weil sich die Bilder und Erfahrungen des Zerfalls und der Auflösung einer bestehenden Ordnung damals tief in das emotionale Gedächtnis des jungen Mannes eingruben, der mit 14 Jahren auf der Suche nach so vielem war, vor allem aber auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz im Leben. Aber wie sollte er sich finden, wenn der gesellschaftliche Orientierungsrahmen zerstört und die Autoritäten gestürzt waren? An wem sollte er sich reiben, mit wem messen?

Zerfall und fehlende Perspektiven

Immer öfter schwänzte er die Schule. „Frau Koch, die früher die Karten im Kino abriss, war plötzlich Geschichtslehrerin“, erinnert er sich. Er vermisste den Wehrkunde-Unterricht. Nachmittags trieb er sich nun in den vom den russischen Soldaten zurückgelassenen Unterkünften herum. Dort fanden er und seine Freunde nicht nur Munition. Noch heute hängt eine an diesen Nachmittagen „eroberte“ Kalaschnikow über einem Wildschwein-Fell an der Wand seines Proben-Raumes.

Damals hörte er unter anderem Van Halen und westdeutsche Politiker, die als Propheten auftraten und blühende Landschaften predigten. Eddie van Halen zählt bis heute zu seinen musikalischen Vorbildern, von den Politikern aber fühlt er sich betrogen. Ihre Prophezeiungen traten nicht ein. Stattdessen sah er, dass Nachbarn ihre Sachen packten und in den Westen gingen. Er sah, wie ehemals angesehene Angehörige des ehemaligen DDR-Establishments ihre Arbeit verloren und an ihre Stelle nun Leute aus dem Westen traten. Alle sprachen von Freiheit, doch er und seine Freunde nahmen diese Freiheit vor allem als den Zerfall einer Gesellschaft wahr. Woran sollten sie sich halten, wenn alles möglich sein sollte, aber doch kaum etwas machbar war, weil die wirtschaftlichen und strukturellen Voraussetzungen fehlten?

Die DDR war national

Also hielten sie sich an dem fest, was ihnen niemand nehmen konnte: Sie bewahrten sich den Stolz darauf, Deutscher zu sein, den ihnen die SED-Ideologie anerzogen hatte, und suchten seine Berechtigung nun im wiedervereinten Deutschland. So zog mit der DDR ein Nationalbewusstsein ein, das die alte Bundesrepublik nicht mehr kannte.

Die in Leipzig geborene Autorin und eher links verortete Journalistin Jana Hensel schrieb einmal über sich selbst:

„Käme ich vom Land und nicht aus der Stadt, wäre nicht nur mein Vater, sondern auch meine Mutter nach der Wende abgestürzt, hätten die harten Jungs in meiner Schule ihre Springerstiefel mit weißen statt mit roten Schnürsenkeln zugebunden, hätten ihre großen Geschwister, statt in Leipzig-Connewitz Häuser zu besetzen und Galerien zu eröffnen, Ausländer an Bushaltestellen zusammengeschlagen – vielleicht wäre ich auch auf jene schiefe Bahn gelangt, die in den meisten Fällen harmlos beginnt und dennoch in der Katastrophe enden kann.“

Freunde auf beiden Seiten

Sacha Korn war damals mit dem ersten Punk an seiner Schule befreundet. Kurz nach der Wende hatte der mit ein paar anderen ein Haus in der Potsdamer Gutenbergstraße besetzt. Da feierten sie manchmal Partys. Irgendwann hatte er dann auch so ein T-Shirt wie die anderen an. „Punks not dead“, stand darauf. „Ich war nie auf einer politischen Seite: Punk oder Skin. Ich hatte immer auf beiden Seiten Freunde“, sagt Korn.

Einer von ihnen ist Oliver Wegener, ein inzwischen ergrauender Musik-Promoter aus Hamburg. Mit seiner Firma Public Propaganda, die er gemeinsam mit seinem Bruder führte,  war er einst große rausgekommen, hatte Kampagnen für Pop-Stars wie Björk, The Prodigy, Die Fantastischen Vier, Morrissey, The Strokes, Linkin Park oder auch 2Raumwohnungten gemacht. Als sein Bruder ausstieg, gründete er inmitten der vielen Striplokale auf St. Pauli die Public Musik & Media, mit der er auch Sacha Korn betreut.

Eher Punk als Massenverführer

Politisch sei er immer links gewesen, sagt Wegener, der aus Essen stammt und der zumindest äußerlich den Anschein erweckt, dass seine Geschäfte noch immer gut laufen. „Bevor ich ins Musikgeschäft ging, habe ich in Bremen den Lokalteil der taz mit aufgebaut“, sagt er.  Das war 1984. Musikalisch sei er hingegen nicht so festgelegt. „Wir machen immer das, was an der Grenze zum Mainstream ist.“ In diese Kategorie ordnet er Sacha Korn ein, die Böhsen Onkelz hingegen nicht. Darum habe er die bewusst nicht promoted. „Da passte das Menschenbild einfach nicht“, sagt Wegener. Korn jedoch sei völlig unverdächtig. „Was ich an ihm mag, ist: Er hat eine eigene Meinung, ohne Ideologe zu sein.“ Außerdem sei Korn eher Punk als ein Massenverführer, wie die Antifa im unterstellen wolle.

Aber auch Wegener spürt die Vorbehalte und daraus resultierenden Abwehrreaktionen, wenn er Korn als Künstler empfiehlt. Inzwischen sei es schwer, ihn zu vermarkten. Veranstalter und Medien seien von den „Angriffen aus dem Hinterhalt“ beeinflusst. Mit dem Hinterhalt meint er das Internet. „Was da abgeht, hat mich wirklich bestürzt. So eine Kampagne im Netz ist doppelt gefährlich“, sagt Wegener, der Korn helfen will, da wieder rauszukommen. Schließlich habe sich seine letzte EP über 13.000 Mal verkauft.

Vorwurf des Rechtsextremismus

Helfen will ihm auch seiner alter Schulfreund Björn Gottschalkson. Die beiden sind auf dieselbe Schule gegangen. Wie Korn trieb sich auch Gottschalkson nach der Wende in den besetzten Häusern der Potsdamer Innenstadt herum. Dort fand er schnell Anschluss an linke Gruppen. Später studierte er Jura und residiert heute mit seinen Kollegen Schmidt und Wetzel in einem aufwendig sanierten Gründerzeitbau mit Blick auf Sanssouci.

Gottschalkson erzählt unter anderem von seinen Erfahrungen mit der Amadeu Antonia Stiftung gegen Rechtsextremismus. Die hätten bei Korns Geschäftspartnern in Polen angerufen und ihn dort des Rechtsextremismus bezichtigt. Daraufhin habe Korn die Vorstands-Vorsitzende des Vereins, Anetta Kahane, angerufen und ihr ein Konzert gegen Extremismus vorgeschlagen. Weil sie dies ablehnte, habe er ihr noch einmal einen Brief geschrieben, sagt Gottschalkson. „Ich habe aber nie eine Antwort bekommen.“ Auch die Anfrage von GEOLITICO bei der Stiftung zu den Vorwürfen blieb unbeantwortet.

Klage gegen den Verfassungsschutz

Im Mai 2012 ging Gottschalkson juristisch gegen den Brandenburger Verfassungsschutz vor und verlangte, Korns Namen und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe aus dem Verfassungsschutzbericht zu tilgen. Korn sei weder ein Rechtsextremist, noch unterhalte er Kontakte zur NPD oder vertrete rechtsextremistische Ansichten. Zwei Monate später antwortete das Landesinnenministerium, sein Mandant sei nicht nur mit der rechtsextremistischen Musikszene verbunden, sondern „unterstützte mit der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) die größte rechtsextremistische Partei in Deutschland, indem drei seiner Lieder auf der Schulhof-CD veröffentlicht wurden“. Damit sei er der die CD am meisten prägende Interpret. Auf dieser CD seien die rassistischen Inhalte „jugendgerecht aufgearbeitet und nicht auf den ersten Blick als rechtsextremistisch zu erkennen“ gewesen.

Auf der Schulhof-CD sind Korns Lieder „Nie wieder“, „Lass mich gehen“ und „Mein Land“. In „Nie wieder“ beklage Korn, dass Deutschland im Namen der Freiheit und gegen rechte Gewalt von der Landkarte gestrichen werden solle. Wörtlich heißt im Liedtext mit dem Refrain „und ich bin nie wieder Schuld“: „Polen soll bis Holland reichen und Deutschland von der Karte streichen.“ Dies werde in der rechtsextremistischen Szene „als Landraub der Polen nach 45, begünstigt durch die Bundesregierung“ verstanden, schreiben die Verfassungsschützer. Dass diese Textpassage auf den aus der linken Szene stammenden  Ausspruch „Deutschland von der Karte streichen – Frankreich muss bis Polen reichen“ reflektiert, bemerken sie nicht.

Offener Streit mit dem Staat

In „Mein Land“ kritisieren sie die „zwölf Jahre deiner Geschichte sind 1000 Jahre Fluch“. Im dritten Lied findet der Geheimdienst offenbar keine verfassungsfeindlichen Anhaltspunkte. Und seine Kritik an der Europa- und Europolitik werten sie schlicht als Bestandteil rechtsextremistischen Gedankengutes. Ausgiebig beschäftigt sich die Behörde mit der Darstellung durch die NPD und rechtsextremistische Interseiten. So bewerbe die NPD Korn in einem ihrer Wochenbriefe als „Nationaldemokratie in den Charts“. Außerdem lägen „Hinweise auf Konzertauftritte im rechtsextremistischen Kontext“ vor.

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Für Sacha Korn ist der Punkt erreicht, wo sein Konflikt mit seinem Verständnis von Vaterland und Nation, im offenen Streit mit dem Staat mündet. Er gibt rechtsextremistischen Medien Interviews, in denen er sagt: „Als mir vor einigen Jahren ein befreundeter Musiker sagte, dass der gesamte ,Kampf gegen Rechts’ gegen den Patriotismus, also gegen die Identifikation mit dem Land geführt wird, habe ich das nicht geglaubt.“ Und: „Die Herrschenden in der BRD sind volksfeindlicher als ich das aus der DDR noch kenne.“

„Es war naiv, jedem ein Interview zu geben“

Tenor seiner Aussagen ist, die DDR habe immerhin noch deutsch sein dürfen, die Bundesrepublik dürfe es nicht. Und zum Fall eines 20jährigen Opfers massiver Gewalt, die ihm ein Mann türkischer Herkunft zugefügt haben soll, sagt Korn: „Hier werden, wie in Kirchweyhe, Deutsche von Türken totgeschlagen, und der SPD-Bürgermeister des Ortes beruft einen Runden Tisch gegen Rechts ein.“ Er nimmt das Deutschlandlied mit allen drei Strophen auf und ruft dazu auf, es in die Charts zu bringen.

Heute sieht er die Interviews kritisch. Es sei naiv gewesen, jedem ein Interview zu geben. Aber er hätte auch mit der taz oder dem Neuen Deutschland gesprochen, wenn die ihn denn gefragt hätten. „Aber ich verstehe nach wie vor nicht, dass der Song der linken Punkband Slime ,Deutschland verrecke’ bei iTunes verkauft wird, meine Lieder aber nicht“, sagt er. „Würden Slime singen, die BRD müsse verrecken, damit wir frei sein können, würde die Band ganz schnell verboten.“

Lieder nicht jugendgefährdend

Gut ein Jahr zieht sich das Verfahren vor dem Potsdamer Verwaltungsgericht hin, und die Sicherheitsbehörden geraten zunehmend in Argumentationsnöte. Zum einen hatte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien keinerlei Beanstandungen gegen Sacha Korns Texte. Nicht einmal die Schulhof-CD der NPD „Gegen den Strom“, auf der drei seiner Titel veröffentlicht worden waren, kam auf den Index. Zu Korns Texten schrieb die Bundesprüfstelle, aus ihnen könne „keine Verherrlichung des NS-Regimes gefolgert werden“. Sämtliche Textpassagen seien „in einem solchen Maße auslegungsbedürftig, dass eine eindeutige Zuordnung zu einer NS-verherrlichenden Ideologie insoweit nicht erfolgen kann“.

Nun knickte der Verfassungsschutz vor Gericht ein. Beide Seiten schlossen einen vorläufigen Vergleich, in dem der Geheimdienst gerichtlich aufgefordert wurde, seine Berichte über Sacha Korn bis zu einer endgültigen Entscheidung von seiner Internetseite zu entfernen.

Blamierter Geheimienst

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Sacha Korn: Aufnahmen zu seinem neuen Album / Foto: Sacha Korn

Doch die Verfassungsschützer hielten sich nicht daran. Stattdessen schrieben sie Gottschalkson in einem Brief, sie sähen „keinen Anlass, die Veröffentlichung zu dem geschlossenen Vergleich vorzeitig aus dem Netz zu nehmen“. Und weiter: „Die Öffentlichkeit hat gerade in der jetzigen Zeit ein berechtigtes Interesse, über die Aktivitäten der NPD, insbesondere wenn es die Distanzierung möglicher Unterstützer betrifft, informiert zu werden.“ Erst nachdem Gottschalk noch einmal nachsetzte und das Gericht die Verfassungsschützer erneut in die Schranken wies, verschwand die entsprechende Passage. Die Geheimen waren blamiert und mussten zudem noch die Kosten des Verfahrens tragen.

Sacha Korn allerdings ist alles andere als ein Sieger aus der Sache herausgekommen. Sein Ruf wird durch einen Richterspruch allein nicht wieder hergestellt. Vielleicht wäre vieles anders verlaufen, wenn er bei der Plattenfirma Universal geblieben wäre. Da flog er raus, weil er seine Texte nicht ändern wollte. „Wenn Du mich jetzt rauswirfst, dann kriminalisierst Du meine Fans“, hatte er dem Platten-Boss gesagt. Doch der grinste nur. Und dann ließ sich Joe Bramante auch noch mit den falschen Leuten ein.

Weiterführende Links:

Sacha Korn auf Youtube, auf Facebook, auf seiner offiziellen Website und auf Wikipedia

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel