Die Schuld der Schule am Verfall

Schulwegweiser in Lüneburg / Quelle: Wikipedia / Joachim Müllerchen. Original uploader was Jom at de.wikipedia Schulwegweiser in Lüneburg / Quelle: Wikipedia / Joachim Müllerchen. Original uploader was Jom at de.wikipedia
Unterricht fällt aus, Zensurenschlüssel werden  runtergeschraubt, damit Abiturnoten mit einer 1 vor dem Komma die Regel sind. Mit Bildung hat das nichts mehr zu tun.

 

Mit jedem Jahrgang verbessern sich die Noten unserer Schüler. Ein Durchschnitt mit einer 1 vor dem Komma ist inzwischen beim Abitur eher die Regel als die Ausnahme. In Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl der Abiturienten mit Bestnote 1,0 von 2007-2011 von 455 auf 1000 mehr als verdoppelt. Die schlechteste Abitur-Durchschnittsnote unter den Berliner Gymnasien war zuletzt 2,4. Und da rede ich immerzu vom Niedergang, wo doch statistisch alles besser zu werden scheint.

Demgegenüber stehen immer neue Meldungen und Erfahrungen von unglaublichen Unvermögen moderner Schüler. Ein beispielhafter Dialog: „Was ist eigentlich Infrarot?“ „Das is doch das, wo man in den Arm reingucken kann mit!“ Nein, liebe Schülerin, das wäre wohl Röntgen gewesen. Und wie man hört, sieht die Realität so aus, dass Handwerker selbst Abiturienten nur notgedrungen als Lehrlinge akzeptieren, weil weder deren Können noch ihre Kenntnisse für viele Jobs ausreichen. Trauen wir also eher unserer Wahrnehmung als den Zahlen, hinter diesen Wundernoten steht ein komplexes System der Selbst- und Fremdtäuschung, sprich „Chaos mit System“.

„Gestiegene Leistungsbereitschaft“

Aus der Abitur-Notengebung kann man gewiss bedenkenlos hochrechnen, wie es mit den Noten an sich gehandhabt wird, nämlich lax. Nordrhein-Westfalens grüne Schulministerin verteidigt die wunderbare Zensurenwelt damit, dass das Bundesland damit bundesweit immernoch nur Mittelmaß sei es – was nur ein bezeichnendes Licht auf die Praxis im ganzen Land wirft. Noch bezeichnender allerdings ist die Reaktion der Ministerin auf den Vorwurf der CDU-Opposition, es handele sich um einen inflationären Umgang mit den Schulnoten. Für sie sind diese nur ein Ergebnis „einer gestiegenen Leistungsbereitschaft“. Darf man als Ministerin so naiv sein und dies auch noch öffentlich zur Schau stellen?

Zwischen den Zeilen gibt sie dann aber doch noch einen Hinweis, der hilft, das Phänomen ansatzweise zu verstehen. Es habe sich die „Rolle der Lehrkräfte gewandelt, die ihre Schüler nun gezielter auf die Standards vorbereiteten“. Im Klartext heißt das, die Lehrer bereiteten die Schüler nicht mehr auf das Leben, sondern auf die Prüfung vor.

Notenschlüssel angepasst

Das Schönen von Schulzensuren hat indes eine lange Tradition. Schon vor Jahrzehnten wurden die Punkteschlüssel gesenkt und Leistungskurse höher bewertet. Wohl weil wenigstens einigermaßen objektive Leistungsmessungen nur durch standardisierte schriftliche Arbeiten möglich ist, wurde die Bedeutung des Mündlichen in der Prüfung gestärkt, was dazu führt, dass Prüfer beliebig die Notenquoten verbessern und schlechte Schüler sich aus der Leistungsfalle quasseln können. Vor allem aber wurden kontinuierlich Prüfungen und Klausurfragen vereinfacht. Gerade erst wurde in der Berliner schulischen Berufsausbildung der Notenschlüssel angepasst, wonach es für 85% der erreichbaren Punktzahl eine 1 und für 70% eine 2 gibt. Interessanterweise gilt in der vom Handwerk statt der Schulverwaltung bestimmten Gesellenprüfung jedoch weiter der alte Notenschlüssel mit 91% und 81%.

Weil nichts von ungefähr geschieht, gibt es für diese Praxis natürlich Gründe. Zum einen soll über den desolaten Stand der Ausbildung und des Bildungsniveaus des Nachwuchses hinweggetäuscht werden. Zum anderen können Lehrer und Prüfer eigenes Versagen oder zumindest die Problematik ihres Jobs menschenfreundlich reinwaschen. Es gibt auch Ausnahmen, beispielsweise weigerte sich das Berliner Thomas-Mann-Gymnasium, „durch eine Zensierung, die nicht den Leistungen unserer Schüler entspricht, ein gefälligeres, aber falsches Bild unserer Schule zu vermitteln“. Der Direktor verweist mittels seiner Schul-Homepage auf den Druck, der auf Schulen durch Veröffentlichung sogenannter „Rankings“ ausgeübt wird.

Eine Million Unterrichtsstunden fallen aus

Es handelt sich offensichtlich um ein ökonomisches und ein ideologisches Problem gleichermaßen. Der Philologenverband glaubt, dass wegen des Lehrermangels pro Schuljahr in Deutschland eine Million Unterrichtsstunden ausfallen. Eine Abhilfe erforderte Milliardenausgaben. Die öffentlichen Arbeitgeber rechnen deshalb gerne spitzfindig und offensichtlich falsch vor, dass dem nicht so sei, obwohl jeder weiß, dass bei der Personalausstattung und der Pflege von Schulgebäuden und -materialien vieles im Argen liegt. Aber da die staatlichen Mittel in diesem System anders fließen, als sie vernunftgegeben sollten, verschließen sie die Augen und konstruieren potemkinsche Dörfer.

Oder sie wälzen die Last auf die ab, die sich nicht wehren können: die Schüler sowieso, aber auch die Lehrer. In Berlin mussten die Lehrer seit 2003 zwei Schulstunden in der Woche mehr arbeiten, wobei diese Zeit einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben wurde. Nun wird dieses Arbeitszeitkonto wieder abgeschafft, nicht aber die Mehrarbeit. Das Ganze vor dem Hintergrund, dass angesichts einer besonders schwierigen Schülerschaft in der Hauptstadt Lehrer in vielen Fächern und an vielen Schulen ohnehin am Rande ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten, was sich in häufigen und immer häufiger werdenden körperlichen und psychischen Zusammenbrüchen äußert. Aber auch dafür hatte der Senat ein virtuelles Mittel parat: Er reduzierte eben nicht die Belastung, sondern richtete zusätzlich psychologische Fortbildungskurse ein, bei denen die Betroffenen lernen, wie sie mit ihrem Stress umzugehen haben.

Lehrer als Hampelmann

In Vorniedergangszeiten war der Lehrer eine Autoritätsperson, und er hatte Mittel zur Disziplinierung von lernunwilligen und destruktiven Zöglingen. Dass diese Autorität oft auch missbraucht wurde, ist bei vielen Reformpädagogen und Politikern heute eine Motivation das System humaner zu gestalten. Dank diverser menschenfreundlicher Reformen ist der Lehrer heute aber in schlimmeren Fällen der Hampelmann eines weitgehend enthemmten Mobs sich nach Führung sehnenden, aber zu kleinen Persönlichkeiten hochgeredeten Minderjährigen, die über die ihnen zugesprochenen Rechte und Reife noch gar nicht verfügen können – erst recht nicht, wenn ihre Erziehung durch verirrte Humanisten gehemmt wird.

Viele Lehrer verzweifeln an ihren Arbeitsbedingungen, andere stürzen sich in der Hoffnung auf Erlösung in Reformprojekte, und wieder andere mogeln sich mit Dienst nach Vorschrift in den Ruhestand. Alle gemeinsam sind aber Hauptleidtragende eines sogenannten Bildungssystems, und dies lässt sich nicht mehr mit platten Vorurteilen von langen Ferien und frühem Dienstschluss wegmobben. Sie erleben täglich die Probleme einer kollabierenden Zivilisation, ohne an den Ursachen etwas ändern zu können.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel