Wem nutzt die Demografie-Debatte?

Geht es nach den Wissenschaftlern, wird Deutschland bald so leer sein wie die Antarktis. Aber lässt sich die Bevölkerungsentwicklung überhaupt so genau vorhersagen?

 

Das Jahr 2013 nähert sich dem Ende, und das ist in vielerlei Hinsicht gut so. Beispielsweise war es das „Wissenschaftsjahr zum demographischen Wandel“, eine Kopfgeburt, die viel über die Wissenschaft selbst, aber auch viel über ihre Auftraggeber aussagt. Deutschland stirbt nach deren Erkenntnissen aus. Die Frauen wollen, so heißt es, partout nicht so viele Kinder in die Welt setzen, wie es die Demographen als erforderlich ausgerechnet haben. Es drohten demnach Folgen für die Rente, die Arbeitskräfte der Unternehmen und natürlich, aber weniger offen formuliert, den Soldatennachwuchs.

Schon bald wird das Land also leer sein wie die Antarktis. Im Jahr 2050 beispielsweise werden, so sagen es jedenfalls die bestenfalls nur überforderten Demographen, hier nur noch 70 Millionen Menschen leben. 70 Millionen Köpfe? Sollte das für ein kleines Land nicht genug sein? Und reicht nicht allein diese Zahl aus, das ganze Gerede vom schrumpfenden Deutschland als das zu erkennen, was es ist, nämlich Propaganda interessierter Kreise?
Kritisches Denken

Solches Gegendenken fällt uns deshalb so schwer, weil der Schulterschluss der Propagandisten in diesem Fall fast lückenlos ist. Menschen sind unglücklicherweise gewohnt, Behauptungen eher nach ihrer Quantität denn ihrer Qualität zu bewerten. Das hindert unser kritisches Denken, gezielten Fehlinformation schnell auf die Schliche zu kommen. Deshalb wenigstens an dieser Stelle schnell noch ein paar Gegeninformationen.

Eine längerfristige Prognose der Bevölkerungsentwicklung ist, wie die Vergangenheit gezeigt hat, kaum möglich und daher schon ihr Versuch problematisch. Hätte man beispielsweise 1950 die Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2000 geschätzt, wäre die Antibabypille genauso wenig berücksichtigt worden wie die Anwerbung und der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften, der Trend zur Kleinfamilie, zum Singledasein oder die Öffnung der Grenzen im Osten. Noch weiter zurück, im Jahr 1900, hätte man sogar locker über zwei Weltkriege hinweggerechnet. Selbstverständlich waren in den jüngsten Berechnungen auch die durch die europäische Wirtschaftskrise hervorgerufenen Wanderungsbewegungen nicht enthalten.

Braucht Deutschland mehr Menschen?

Erst kürzlich wurde über die peinliche Panne bei der Schätzung der deutschen Gesamtbevölkerung berichtet, bei der eben mal anderthalb Millionen Menschen rechnerisch verlorengegangen waren. Bei einer Bestandszählung wohlgemerkt, nicht bei einer noch viel wackligeren Zukunftsspekulation.

Viel entscheidender ist aber die Frage, ob überhaupt die grundsätzliche Unterstellung, Deutschland brauche eine stabile oder gar wachsende Bevölkerung, zutrifft. Vor jeder Auseinandersetzung mit dem Thema wird einfach behauptet, das Land brauche Wirtschaftswachstum und dieses sei nur mit einer bestimmten Zahl von Arbeitern und Konsumenten zu erreichen. Es wird dabei verschwiegen, dass die Grenzen des Wachstums längst erreicht und überschritten sind, und nur eine stabile Wirtschaftsordnung noch Zukunftschancen haben könnte.

Gehirnwäsche interessierter Kreise

Es wird behauptet, nur mit zusätzlichen Menschen könne die Rente stabil sein, wobei verschwiegen wird, dass ein mögliches Rentenproblem überhaupt nur aus Adenauers unsäglichem Generationenvertrag erwächst und nicht aus der Produktivität des Landes, die bisher seit Jahrhunderten dafür gesorgt hat, dass die Gesellschaft ihre Alten alimentieren konnte. Es wird behauptet, wir brauchten zusätzliche Arbeitskräfte, dabei sind die Arbeitsämter voll von Menschen, die nach Arbeit suchen, und mir sei diesmal die Prognose erlaubt, dass sich daran nicht viel ändern wird.

Weil aber die interessierten Kreise, die diese Gehirnwäsche betreiben, ihr Vertrauen in eine ausreichende Gebärfreudigkeit der deutschen Frau wohl verloren haben, betreiben sie nun eine rücksichtslose Einwanderungspolitik. Beim kürzlichen Integrationsgipfel in Berlin jubelte Sozialministerin Ursula von der Leyen: „Jeder gewinnt, die jungen Leute, weil sie im Beruf durchstarten können, unsere Wirtschaft, weil Fachkräfte auf die vielen offenen Stellen nachströmen.“ Zudem sinke in den Herkunftsländern der Druck der Arbeitslosen.

Interessen der Konzernkapitalisten

Während also in den Herkunftsländern die Fachkräfte abgeworben werden und hierzulande junge Deutsche vergeblich nach qualifizierten, echten und fairen Lehrstellen suchen, mehren sich die Integrationsprobleme. Auf jeden Fall wächst die Bevölkerungszahl, wenn auch am wenigsten durch die versprochenen Fachkräfte. Die Wirtschaftskrise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland im vergangenen Jahr mehr als eine Million Zuwanderer gebracht – so viele wie seit 17 Jahren nicht mehr.  Noch 2012 hatten Bevölkerungsforscher behauptet, die Zuwanderung stoppe bald. Soviel zur Seriosität der Demographie.

Doch nun zurück zur Kernfrage, wer diesen Schulterschluss des Irrtums und der Lüge befördert, und welches Interesse er daran hat. Natürlich dieselben, die schon vor Jahrhunderten die Kindersterblichkeit bekämpften, damit bald darauf mehr arbeitslose Erwachsene die Löhne drücken halfen. Heute würden wir sie Konzernkapitalisten nennen, wenn sich nicht in diesem Falle mancher aus dem Mittelstand unrühmlich in dasselbe Boot setzte. Die gleichen Motive lenken solche „Integrationsgipfel“, die von Menschenfreundlichkeit reden und brutale Strukturpolitik betreiben.

Fragwürdige UN-Statistiken

Von der hohen Qualifikation der neuen Zuwanderer ist die Rede, was mit nackten, scheinbar unbestechlichen Zahlen unterlegt wird und in Wirklichkeit komplexe Verhältnisse verschleiern soll. Schon die Erfahrung, die Logik und der Augenschein zeigen, dass in der Regel nicht die Eliten nach Deutschland kommen. Anders als bei den frühen Gastarbeitern, bei denen hauptsächlich Muskelkraft gefragt war, sind ja nun angeblich Fachkräfte mit guter Ausbildung angesagt.

Selbst bei wirklichen Fachkräften, so sie denn kämen, wären hinsichtlich ihrer Ausbildung Zweifel angebracht, da die Ausbildungsgänge und Titelvergaben international kein bisschen vergleichbar sind. In den meisten Ländern gibt es nicht einmal eine Lehrlingsausbildung, wie wir sie kennen. Der Wert vieler dieser Abschlüsse zeigt sich auch in der Fragwürdigkeit von UN-Statistiken, nach denen selbst manches Entwicklungsland einen höheren Ausbildungsstand als Deutschland haben soll.

Billige Inder?

Unbesehen davon kann, unbeachtet von den Zahlenjongleuren des Niedergangs, auch die Mentalität der Job-Einwanderer zu Problemen im Betrieb führen. Nicht weniger als drei Führungskräfte in verschiedenen Ländern erzählten mir beispielsweise verzweifelt von ihren Erfahrungen mit Indern. Sie seien teamunfähig, Meister der Intrige, uninspiriert und verweigerten jede Verantwortungsübernahme. Aber die obersten Manager halten sie für Innovationsgaranten – und billig, wenn auch nicht preiswert, sind sie obendrein.

Hinzu kommt allgemein die Kommunikationsproblematik. Wie soll man qualifizierte Arbeiten ausführen, ohne ein höher entwickeltes Verständnis für die hier gesprochene Sprache? Und schließlich, wenn die Einwanderer tatsächlich mehrheitlich eine höhere und hier nutzbare Qualifikation als die Deutschen hätten, sollte man dann nicht mehr für die Qualifizierung der Alteingesessenen tun, deren Arbeitsplätze sonst noch mehr in Gefahr geraten als ohnehin?

 

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel