Die Öko-Gesellschaft braucht die Grünen nicht mehr

Jürgen Trittin hat nach seinem Karriere-Aus „keinen Plan B“, sagt er. Sieht aus, als hätten die Grünen insgesamt keinen Plan B. Sie haben die Öko-Gesellschaft geschaffen und sich selbst überflüssig gemacht.

 

Grün war mal eine aufsehenerregende politische Kategorie. Sie charakterisierte ein ganz bestimmtes politisches Denken und stand für die Überzeugung, Ökonomie und Gesellschaft ökologisch erneuern zu können. Und die Grünen bildeten als Partei den politischen Arm der von dieser Überzeugung durchdrungenen Bewegung, die so ganz anders sein wollte und auch tatsächlich anders war als die Anhänger von Union, SPD oder FDP. Die Grünen waren das Ergebnis einer Graswurzelbewegung, in der sich Umweltschützer, Anti-Atom-Demonstranten und Friedensbewegte zusammenfanden und die Partei von den späten 1970er-Jahren bis in die rot-grüne Koalition zur Jahrtausendwende trugen.

Anfangs waren sie die Schmuddelkinder der deutschen Politik. Sie wollten Opposition pur sein, dachten anarchistisch und irgendwie sozialistisch. Grün war ihre Kampfansage an das System. Als sie 1983 erstmals in den Bundestag einzogen, stellten sie Blumen auf die Oppositionsbänke, trennten Parteiämter und Mandate und brachten das Rotationsprinzip in die deutsche Demokratie mit dem Ziel, dass sich kein Grünen-Politiker bequem in den öffentlichen Ämtern einrichten sollte. Sie wollten die Anti-Staatspartei sein.

Zur Kriegspartei

Gelungen ist es ihnen nicht. Am Ende erlagen auch sie den Verlockungen der Pfründen, mit denen der Parlamentarismus und die Parteipolitik hierzulande gesegnet sind. Sie warfen alle guten Vorsätze über Bord, näherten sich Schritt für Schritt den Gepflogenheiten der anderen an und mutierten darüber langsam, aber stetig von Nato-Gegnern zu jener Partei, die schließlich 1999 gemeinsam mit der SPD erstmals seit 1945 wieder deutsche Soldaten in den Krieg schickte.

Ihre Spitzenpolitiker legten Turnschuhe und Schnauzbärte ab und trugen nun teure Anzüge und Kleider. Auch äußerlich waren sie also von der bürgerlichen Konkurrenz in Form der CDU/CSU nicht mehr zu unterscheiden. Und ihr Übervater, der einst systemkritische Steinewerfer Joschka Fischer, verdingt sich heute in jenen Kreisen, die er in seiner Jugend verachtete. Dabei übt er also einen Beruf aus, für den er einst kaum mehr als Verachtung übrighatte: Er ist Lobbyist. Wer hätte das damals gedacht?

Dosenpfand und Ökosteuer

Mit Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth sind nun auch die letzten noch verbliebenen Mitstreiter der frühen Jahre ins zweite Glied zurückgetreten. Sie überlassen die Partei neuen Gesichtern und Namen, die kaum einer kennt und die nun vor der großen Herausforderung stehen, den Wählern klarzumachen, warum es die Grünen überhaupt noch gibt und aus welchem Grund es sie auch in Zukunft noch geben sollte.

Als die Grünen anfingen, Politik zu machen, thematisierten sie Multikulti, den biologischen Anbau von Nahrungsmitteln und die artgerechte Tierzucht. Sie brachten Dinkel- und Vollkornbrot auf den Tisch, etablierten das Müsli in allerlei Variationen, führten ein Dosenpfand und die Ökosteuer ein und besiegten schließlich zusammen mit der SPD auch noch die Atomindustrie. Sie forcierten den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen und die gesellschaftliche Gleichstellung der Homo-Ehe. Letztere ist nun sogar in der christlichen Union Konsens. Und der Rest sowieso.

Öko-Gesellschaft

Heute gibt es an jeder Ecke Bio-Märkte. Ihre Kunden sind zum einen die längst verbürgerlichten und wohlhabenden Aktivisten von damals, die heute als Anwälte oder Ärzte in noblen Stadtvierteln jene Altbauwohnungen besitzen, die sie als Studenten in den 1970er-Jahren besetzt hielten. Zum anderen zählen inzwischen aber auch FDPler, Unternehmensberater und Börsenbroker aus dem Frankfurter Bankenviertel zur Stammklientel der ökologischen Nahrungsmittelindustrie, deren Toleranz für den grünen Lifestyle der mit Jutesäcken vollgestopften Hinterhofläden einst gegen null ging. Auch heute ist bei ihnen wohl immer noch weniger das ökologische Gewissen die Motivation für den Einkauf, sondern die Furcht vor Pestiziden und jeder Menge Antibiotika in herkömmlichen Gemüse- und Fleischwaren. Sie treibt die Sorge um die eigene Gesundheit, und neben den vielen Bio-Siegeln sind es vor allem die Preise der Bio-Märkte, die sie beruhigen.

Zweifellos haben die Grünen wie keine andere Partei den Zeitgeist beeinflusst. Sie prägten das Weltbild einer ganzen Generation und schufen so letztlich gar ein soziologisches Phänomen: die Öko-Gesellschaft. Öko ist längst zum Sinnbild für Wohlstand und guten Geschmack geworden. Das Wort selbst erlebte einen unvergleichlichen Aufstieg vom politischen Kampfbegriff und Schimpfwort zum Gütesiegel und Label, mit dem sich Geld verdienen lässt.

Hilfsloser Nachwuchs

Doch die Idee der Bewegung, ihr basisdemokratischer, gesellschaftspolitischer Veränderungsdrang sind auf der Strecke geblieben. Bio ist zwar zum Lebensgefühl einer vom Luxus verwöhnten Hedonisten-Kaste avanciert. Als politische Botschaft oder gar als politisches Alleinstellungsmerkmal aber hat sie sich gänzlich verbraucht.

Die neuen Spitzen-Grünen wie Fraktionschef Alfons Hofreiter sind also keineswegs zu beneiden. Kein Wunder, dass sie irgendwie hilflos und scheinbar überflüssig dastehen in einer politisch und ideologisch veränderten Welt. Es mag komisch klingen, aber ein bisschen ist ihre Lage vielleicht vergleichbar mit den sozialistischen Parteien nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Deren Mission schien damals gescheitert. Die Niederlage des Sozialismus nahm ihnen ihren ideologischen Kompass, weshalb sie bis heute mehr oder weniger ziellos nach ihrer verlorenen Identität suchen.

Ohne Projekt

Die Grünen hingegen stellen heute fest, dass ihre Mission erfüllt ist. Die Gesellschaft ist vom ökologischen Geist durchdrungen. Doch wo ist das neue Projekt, das den Grünen jene politische Exklusivität garantiert, die einst ihren Aufstieg ermöglichte?

Als Jürgen Trittin dieser Tage das jähe Ende seiner Karriere realisierte, räumte er ein: „Einen Plan B habe ich nicht.“ Trittin hätte diesen Satz stellvertretend für die gesamte Partei sagen können, die sich ihrer selbst nicht mehr sicher scheint. Denn sie hat ihre Konkurrenten inhaltlich so sehr bereichert, dass ihr selbst nichts mehr geblieben ist. Und nun stellt sie betroffen fest, dass die Öko-Gesellschaft von heute die Grünen von gestern nicht mehr braucht.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel