Darum wollen wir Portugiesen den Escudo nicht zurück!

Eine Rückkehr zum Escudo könnte ganz Europa in den Abgrund reißen. Weil die Portugiesen dann ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen könnten, und Banken das in ganz Europa geliehene Geld nie wiedersähen, schreibt LUIS NAVES*.

Ein alter 100-Escudo-Schein aus Portugal / Quelle: Wikipedia Ein alter 100-Escudo-Schein aus Portugal / Quelle: Wikipedia

Einige Leser haben auf diese Kolumne „Briefe aus Lissabon“ mit Kommentaren reagiert,  in denen sie Portugal den Austritt aus der Eurozone nahe legen. Ich kann mir vorstellen, dass deutsche Politiker genauso denken. Ein solcher Schritt scheint eine einfache Lösung des Europroblems zu sein: Portugal könnte den Escudo zurückholen und die neue Währung abwerten, wettbewerbsfähig werden, seine Exporte steigern, Arbeitsplätze schaffen und genug Wirtschaftswachstum erreichen, dass es seine Schulden begleichen kann.

Ich will hier nicht die rechtlichen Probleme einer Zerschlagung  der Eurozone diskutieren. Das ist unbekanntes Terrain, und daher wollen wir einfach mal so tun,  als wäre das kein Problem. Mit einem Austritt aber müsste Portugal plötzlich durch flaches Gewässer navigieren. Und die Gefahr besteht darin, das wir nicht sehen können, was von unten lauert. Wenn wir uns vom Euro trennten, würde es einen Teil der Wirtschaft sicherlich wettbewerbsfähiger machen, andererseits aber würde dieser Schritt die portugiesische Gesellschaft zerstören. Der Austritt Portugals wäre übrignes auch  ein großes Risiko für andere Ländern, auch für Deutschland.

 Das Wohnungsproblem

Vor einem halben Jahrzehnt hat eine unbeliebte Regierung in Portugal ein Gesetz aufgesetzt, dass Mieten einfror und die Mieter schützte. Dann gab es eine Revolution, und die Mieter waren noch sicherer. Deren Nachkommen hatten nämlich das Recht, die Mietverträge der von ihren Eltern gemieteten Häuser  zu verlängern. Es ist unglaubich, aber der Hausbesitzer hatte keine Möglichkeit, einen Mieter, der die Miete nicht mehr zahlen konnte, loszuwerden. Das Ergebnis war, dass der Mietmarkt zusammenbrach. Eine typische Mittelklassen Familie musste also einen Kredit aufnehmen, um ein Haus zu kaufen.

Fast jeder aus der Mittelklasse im Alter zwischen 30 und 55 besitzt nun ein Haus und einen Berg von Schulden. Das geht nun seit  zwei Generation so. Es ist eine politische Bombe, und nicht eine einzige  Regierung hatte den Mut, das Problem des toten Mietmarkes anzupacken – zumindest nicht bis die Troika kam.

Leben in Ruinen

Die sozialen Konsequenzen dieser Wohnungspolitik sind brutal. Scheidungen beispielsweise sind sehr kompliziert, und das nicht nur wegen der Kinder und des angeknacksten Egos, sondern wegen der Häuser. Die Innenstädte sind leer. Alte Menschen leben in baufälligen Gebäuden mit niedrigen Mieten, weil die Inhaber, ebenfalls alt, kein Geld für Renovierungen haben. Mehr als 4000 Gebäude in Lissabon sind baufällig  (eine ernste Gefahr im Falle eines Erdbebens).

Die Leute der Mittelklasse, so wie ich, besitzen  nicht genug Geld, um sich eine Wohnung zu kaufen. Also müssen sie die Bank um  Kredit bitten; und so kam es, dass das finanzielle Hauptgeschäft der Banken das Wohnungswesen wurde. Wer in eine andere Stadt ziehen möchte,  muss die Wohnung verkaufen  und einen neuen Kredit für die neue Wohnung aufnehmen. Man muss nicht erwähnen, wie wichtig ein niedriger Zinssatz dabei ist. Wenn du einen Kredit abzahlen muss, ist er das Wichtigste. Da müssen Ausgben für Bildung, ja sogar für Gesundheit, nachstehen.

Der Traum des billigen Kredits

Für die portugiesische Mittelklasse war der Übergang vom Escudo zum Euro ein wunderschöner Traum. Die Gebäudepreise stiegen, während die Finanzierung der Hypotheken leichter und stabiler wurde. Die Nachfrage stieg, die Mittelklasse wuchs. Also liehen sich auch die Banken immer mehr Geld, und so stiegen unsere Auslandsschulden auf einen der höchsten Stände weltweit in Relation zum Inlandsprodukt.

Verfallene Immobilie in Portugal / Foto: GEOLITICO

Verfallene Immobilie in Portugal / Foto: GEOLITICO

So ist alles miteinander verbunden. Eigentlich gehört mein Haus einer portugiesischen Bank, aber wenn man dem Geld folgt, dann kommt man bestimmt bei einer deutschen oder amerikanischen Bank an. Man stelle sich vor, wir würden vom Euro zurück zum Escudo wechseln. Wenn Portugal die Eurozone verließe, führte die neue Währung laut Experten zu einer Abwertung zwischen 30 und 50 Prozent. Niemand kann das genaue Ausmaß der Abwertung und der unausweichlichen Inflation voraussagen, aber es ist anzunehmen, dass Ersparnisse zerstört und der Staatsverschuldung innerhalb weniger Wochen reduziert würden. Gleichzeitig würden die Zinssätze sich verdreifachen. Viele Mittelklassefamilien könnten sich ihre Häuser nicht mehr leisten. Ich könnte es wahrscheinlich nicht mehr. Und die Banken würden zusammenbrechen, weil die Immobilien-Hypotheken ihr Hauptgeschäft sind.

Das Banken-Kartenhaus

Portugiesische Banken sind eng mit deutschen, spanischen und französischen Banken verbunden. Das Bankensystem ist ein Kartenhaus. Der finanzielle Zusammenbruch könnte sich auf ganz europa ausbreiten. Portugal würde in kürzester Zeit ein Drittel seines Vermögens verlieren, und hunderttausende Familien würden ihre Häuser nicht mehr abzahlen können. Sie würden alles verlieren. Sie wären auf den Straßen, und das ziemlich wütend.

Ich kann die Politiker jetzt schon sagen hören, dass die Experten falsch liegen, dass der Wertverlust des Escudo bei wesentlich weniger als 30 Prozent liegen würde. Keine Sorgen, 10 Prozent wären schon in Ordnung. Aber woher wollen die das wissen? Niemand kann es wissen. Wie würden die Märkte reagieren? Käme es zu einer Panik?

Es dauert drei Monate,  das neue Geld eines kleinen Landes zu produzieren, genug Zeit also  für Spekulanten, darauf zu reagieren. Könnte der Staat das Geld heimlich drucken? Und dann sollten wir den Euro verlassen, nach drei Jahren Rezession? Das ist unvorstellbar und jenseit jeder politischen Erklärbarkeit. Es würde nämlich bedeuten, dass alle Opfer nutzlos waren, besonders dann, wenn ein Ende der Rezession in Sicht ist.

Wertverfall von Immobilien

Die Rückkehr zum Escudo wäre nur mit einer kontrollierten, ausgeglichenen Abwertung der neuen Währung möglich (aber wer soll das kontrollieren, und mit welchem Geld?). Die portugiesische Mittelklasse hat allen Grund sauer zu sein. Der Wert der Häuser fiel um mehr als ein Drittel (in guten Gebieten). Die Hypotheken aber sind geblieben, das heißt, dass die Menschen Schulden abzahlen, die proportional zum Wert des Hauses wachsen.

Wenn sich die Zinssätze verdreifachen, dann verringert sich der Wert des Hauses mehr als die Schulden. Alle Ersparnisse würden für das Haus ausgegeben und die wäre verloren. Es gibt eine politische Debatte über die Zukunft Europas, und die nächsten europäischen Wahlen werden vielleicht Protestwahlen gegen die Europäische Union und die Eurozone. Aber in dieser Debatte übersehen manche Parteien den Grad an Integrationen, der bereits erreicht wurde. Ein Bruch der Eurozone könnte ein großes Risiko für alle sein. Solch eine Trennung könnte einen Schock auslösen, der jeden treffen wird. So einfach ist das. Und im Mittelpunkt dieses seismischen Ereignisses wären viele unschuldige Opfer.

Übersetzung: Anne Lachmann

Luis Naves*Luis Naves ist Journalist und Schriftsteller. Mehr Texte von Luís Naves gibt es hier!

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