Wie Politik zur Gefahr für eine prosperierende Wirtschaft wird

Wir leben in Zeiten einer fundamentalen Krise. Ökonomische Leitbilder geraten ins Wanken. Um expansive Fiskal- und Sparpolitik wird ein harter Glaubenskampf geführt, der zweitweise den Blick auf große Irrtümer verstellt, schreibt JANINE HÄBEL* für GEOLITICO.

 

Die Finanzkrise 2007 hat nicht nur ein Erdbeben in den nationalen Wirtschaften ausgelöst, sondern auch manchen Ökonom zum Nachdenken gebracht. Rückblickend wird man diese Zeit vielleicht einmal als Umbruch in der Wissenschaft bezeichnen, denn Theorien zur Geldmarkt- und Fiskalpolitik stehen unter starkem Beschuss. Im Frühling 2013 führte das etwa zum Reinhart-Rogoff-Skandal. Nun erschien ein Essay des ehemaligen Chefökonomen der BIZ, William White, der erneut vor einer weltweiten Finanzkrise warnt.

Rund sechs Jahre ist es nun her, dass die US-Immobilienkrise das Zünglein an der Waage war und die Finanzkrise auslöste. Als 2008 dann der Höhepunkt mit der Lehman Brothers Pleite erreicht war, befand sich die (ökonomische) Welt in Schockstarre, als hätte es niemand kommen sehen. Unter anderen hatte aber bereits 2003 der damalige BIZ-Chefökonom William White vor einer Finanzkrise gewarnt. Im Kern seiner Kritik stand die Greenspan-Methode mit niedrigen Leitzinsen auf drohende Finanzkrisen zu reagieren. White war vielmehr der Meinung, die Fed müsse Leitzinsen anheben, wenn Kredite zu schnell anstiegen und damit Banken zwingen sich „in fetten“ Jahren selbst gegen schlechtere Zeiten abzusichern.

Ökonomische Leitbilder schwanken

In einem Interview gab White nun zu bedenken, dass die Staatsverschuldung vieler Länder in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. Zusätzlich habe sich auch der Geldfluss in sogenannte Schwellenländer beschleunigt, ohne dass es zu einer Aufwertung der entsprechenden Schwellenländerwährungen gekommen sei, da die Länder oftmals lieber weiteres Geld gedruckt hätten. White sieht in den Schwellenländern nun entsprechende Anzeichen für das Ende eines Boom-And-Bust-Zyklus, der unter anderem durch übermäßige Liquiditätsausstattung verbunden mit niedrigen Zinsen hervorgerufen werden kann.

Ökonomische Leitbilder der vergangen Jahre geraten derzeit stark ins Schwanken. Freilich kann niemand die Zukunft vorhersagen, dennoch versucht die Ökonomie Vorsagen darüber zu treffen, welche Variablen die Wirtschaft beeinflussen. Politische Instrumente wie Fiskal- und Geldpolitik spielten dabei immer eine zentrale Rolle, und ausgehend von der Philipps-Kurve wurden entsprechende Theorien abgeleitet. So wird der Leitzins heute meist durch eine unabhängige Zentralbank bestimmt, damit Politiker weniger Einfluss auf die Konjunkturzyklen nehmen können. Gleichbedeutend war aber auch immer die Frage, welche Wechselwirkung zwischen Wachstumsraten und Staatsschulden besteht.

Rogoffs Schulden-Irrtum

Seit 2010 die Studie  „Growth in a Time of Debt“ von Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff veröffentlich wurde, glaubte man an einen Schwellenpunkt für Staatsschulden: Übersteigen sie 90 Prozent des BIP, dann fällt die Wachstumsrate stark ab. Zeitgleich geriet Griechenland in eine schwere Krise, und angefeuert durch die Reinhart-Rogoff-Theorie waren viele Ökonomen gegen eine stimulierende Fiskalpolitik und stattdessen für eine strenge Austerität. Die 90-Prozent-Marke wurde in der medialen Rezeption zu einem unumstößlichen ökonomischen Faktum. Wissenschaftler hingegen waren von Anfang an skeptisch ob dieser 90-Prozent-Marke und versuchten fortdauernd die Ergebnisse der beiden Wissenschaftler zu reproduzieren. Doch das wollte nicht gelingen. Und  2013 war dann schlüssig bewiesen, dass Reinhard und Rogoff die Zahlen falsch interpretiert hatten.

Der erste essentielle Fehler, den Reinhart-Rogoff machten, war die grundlegende Annahme, dass eine negative Korrelation zwischen Schulden und Wirtschaftsleistung darauf hindeute, dass hohe Staatsschulden eine niedrige Wachstumsrate verursachten. Denn die negative Korrelation könnte auch auf den umgekehrten Zusammenhang verweisen: Dass eine niedrige Wachstumsrate zu hohen Staatsschulden führt.

Zweifel an der Zentralbank-Politik

In weiteren Untersuchungen konnten Forscher außerdem die 90-Prozent-Marke nicht nachweisen und schlussendlich stellte sich nun heraus, dass Reinhart und Rogoff einen Kodierungsfehler übersahen. Drei Jahre lang hatte man angenommen, dass Austeritätspolitik ein notwendiges „Übel“ sei, um Staatsverschuldung abzuwehren. Doch die zugrundeliegende Theorie war schlichtweg wissenschaftlich falsch.

William White geht in seiner Studie sogar noch einen Schritt weiter und stellt in Frage, in wie weit die Geldpolitik, gesteuert von Zentralbanken, die richtige Lösung sei, um nationale Rahmenstrukturen für den Geldmarkt zu schaffen. Zumindest gebe  es dafür keinen wissenschaftlichen Beleg (evidence based beliefs). Außerdem postuliert er, dass Geldpolitik gegenwärtig zu stark abhängig sei vom Streben nach einem starken, ausbalancierten und kontinuierlichem Wachstum.

Fest steht, dass derzeit ein harter Glaubenskampf um expansive Fiskal- und Sparpolitik geführt wird. Das zugrundeliegende Problem ist aber nicht fehlende hellseherische Fähigkeit, sondern die Frage nach kurzfristigen und langfristigen Effekten. Politik wird durch erstere bestimmt, denn in vergleichsweise kurzen Regierungszyklen muss der Politiker die Ökonomie kurzfristig beeinflussen. In Hinblick auf langfristige Prosperität ist das freilich gefährlich.

*Janine Häbel ist Redakteurin beim Finanzwirtschafter

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