Sie werden das Währungssystem unter sich begraben
Sie werden das Währungssystem unter sich begraben

Sie werden das Währungssystem unter sich begraben

Die Gelddrucker und Staatsschuldenmacher haben dafür gesorgt, dass ein in diesem Ausmaß nie zuvor gekannter Tanz auf dem Vulkan begonnen hat. Wenn sie den Tanz beenden, wird sofort eine Wirtschafts- und Finanzkrise beginnen, die noch verheerender ausfallen wird als die Krise des Jahres 2008, schreibt CLAUS VOGT*.

Wer es mit einem 30-Tonner über eine Brücke schafft, die nur für 7,5 Tonnen ausgelegt ist, der hat Glück gehabt. Er ist weder ein Genie, noch hat er das Richtige getan – es sei denn, dass ihn diesseits der Brücke ein schlimmeres Schicksal erwartet hätte als bei ihrem Zusammenbruch. Denn der Einsturz der Brücke war ja nicht garantiert, sondern unter den gegebenen Voraussetzungen lediglich wahrscheinlich.

Mit diesem Bild wird mein den Finanzmärkten angemessenes Denken in Chance-Risiko-Verhältnissen sehr gut zum Ausdruck gebracht. Den meisten Menschen ist dieses Denken allerdings fremd. Solange die Kurse steigen, glauben sie, dass die Bullen das Richtige getan haben.

Aber so einfach ist die Sache eben gerade nicht: Wenn einem Kursanstieg ein unverhältnismäßig hohes Risiko gegenüberstand, dann hatten die Bullen einfach nur Glück, dass in diesem konkreten Fall nicht das Wahrscheinliche eingetreten ist. Und wenn sie dauerhaft unattraktive Chance-Risiko-Verhältnisse ignorieren, dann müssen sie den Gesetzen der Statistik folgend entweder – wie Indiana Jones in seinen Abenteuern – das Glück gepachtet haben, oder sie werden früher oder später heftig unter die Räder kommen.

Das Finanzgedächtnis der meisten Menschen ist kurz

Diese Erfahrung durften viele unbedarfte Anleger an den Aktienmärkten von 2000 bis 2002 und dann noch einmal von 2007 bis 2009 machen. Inzwischen ist die Erinnerung daran längst wieder verblasst, denn das Finanzgedächtnis der meisten Menschen reicht erstaunlicherweise selten über zwei bis drei Jahre hinaus. Und nichts scheint verlockender zu sein als die Sirenengesänge der Bullen in der Endphase eines zyklischen Aufwärtstrends – mit Ausnahme der Sirenengesänge der Bullen in der Endphase eines langfristigen Aufwärtstrends.

Aber kann man Chance-Risiko-Verhältnisse an den Aktienmärkten überhaupt messen? Die vor allen bei Universitäts-Professoren weit verbreiteten Anhänger der Random-Walk-Hypothese verneinen diese Frage. Sie vertreten die Meinung, dass Aktienkurse einer statistischen Zufallsverteilung folgen und deshalb nicht prognostizierbar sind.

Große Teile der Finanzindustrie haben diese These mit offenen Armen aufgenommen. Sie nutzen sie als Argument, um ihren Kunden immer den Kauf von Aktien zu empfehlen. So schwer es mir fällt, das einzugestehen, aber diese weit verbreitete Vorgehensweise begründet tatsächlich ein tragfähiges Geschäftsmodell: es funktioniert! Denn die meisten Anleger sind nicht dazu bereit, einen Fondsmanager oder Vermögensverwalter zu bezahlen, wenn dieser die ihm anvertrauten Gelder nicht umgehend investiert, sondern – auf Chance-Risiko-Verhältnisse achtend – zum Abwarten rät.

Tanzen, solange die Musik spielt

Viel kundenfreundlicher in diesem zugegebenermaßen etwas kuriosen Sinne – und obendrein auch sehr viel einfacher – ist es stattdessen, immer bullish zu bleiben, immer Aktien zu kaufen, immer voll investiert zu sein und nicht auf Chance-Risiko-Verhältnisse zu achten. Charles Prince, der ehemalige Vorstandsvorsitzende der damals größten Bank der Welt, der Citibank, hat es kurz vor Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 auf den Punkt gebracht, indem er sagte:

Wenn die Musik aufhört zu spielen – im Sinne von Liquidität -, dann werden die Dinge kompliziert. Aber solange die Musik spielt, musst du aufstehen und tanzen. Wir tanzen noch.

Wie dieser Tanz endete und wie kompliziert es tatsächlich wurde, das wissen Sie wahrscheinlich noch. Die Citibank-Aktie notierte damals bei 51,60 Dollar. Bis Ende Februar 2009 war sie auf 1,40 Dollar gefallen, und die Bank wurde schließlich auf Kosten des Steuerzahlers vor dem Bankrott gerettet. Mit anderen Worten: Der zwischenzeitlich geschasste wilde Tänzer Prince hatte die größte Bank der Welt ruiniert.

Wie alle anderen Dauerbullen der Welt tröstete er sich, seine Aktionäre und seine Kunden mit der lächerlichen Behauptung, niemand habe auch nur im Entferntesten ahnen können, wie schlimm es kommen werde. Dabei gab es durchaus Analysten, die nachweislich frühzeitig und sehr konkret auf die damals vorhandenen Risiken hingewiesen hatten. Gegen die süßen Sirenengesänge der Berufsoptimisten konnten sie sich aber nicht behaupten. Und nachdem das Kind dann in den Brunnen gefallen war, wollte das Heer der Bullen natürlich auch nicht an die Existenz dieser weitsichtigen Mahner erinnert werden.

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Sie tanzen schon wieder auf dem Vulkan

Nachdem dieser wilde Tanz ein so unerfreuliches Ende genommen hatte, tat die Zentralbanknomenklatura ab Ende 2008 alles in ihrer geldpolitischen Macht Stehende, um möglichst umgehend eine neue Tanzveranstaltung auszurichten. Und tatsächlich tanzen sie seither wieder.

Die Gelddrucker und Staatsschuldenmacher haben dafür gesorgt, dass ein in diesem Ausmaß nie zuvor gekannter Tanz auf dem Vulkan begonnen hat. Allerdings haben sie damit ein sehr unangenehmes Dilemma geschaffen. Wenn sie den Tanz beenden, wird sofort eine Wirtschafts- und Finanzkrise beginnen, die noch verheerender ausfallen wird als die Krise des Jahres 2008. Und wenn sie stattdessen weitertanzen lassen, wird früher oder später der Vulkan ausbrechen und das Weltwährungssystem unter sich begraben – mit allen unangenehmen Folgen, die das mit sich bringen wird. So, liebe Leser, stellt sich die Situation aus meiner analytischen Perspektive dar.

Natürlich stimmt es, dass der Vulkan bisher noch nicht ausgebrochen ist. Aber diese Tatsache spricht nicht gegen die warnenden Stimmen. Denn das Risiko des Mittanzens ist in dieser Lage einfach viel zu hoch, die Crash-Wahrscheinlichkeit zu groß und die Ausgangstür so klein, dass nur ganz wenige Partygäste hindurch passen werden, sobald der Vulkanausbruch beginnt.

Aktienmärkte deutlich überbewertet

Das Shiller-KGV des Weltleitindex‘ S&P 500 ist eine – allerdings recht grobe – Möglichkeit, das Chance-Risiko-Verhältnis der Aktienmärkte zu messen. Ist diese Kennzahl hoch, dann ist das Chance-Risiko-Verhältnis unattraktiv, ist sie hingegen niedrig, dann ist es entsprechend attraktiv. Mit derzeit 24,25 Punkten ist das Shiller-KGV historisch gesehen sehr hoch. Gleichzeitig befindet sich die Gewinnmarge des Unternehmenssektors zurzeit auf einem Rekordniveau. Bereinigt man das Shiller-KGV um die Gewinnmarge, dann steigt es sogar auf extrem hohe 30 Punkte.

Den langfristigen Verlauf dieser Kennzahl sehen Sie auf dem folgenden Chart. In der Vergangenheit war es keine gute Idee, in Zeiten hoher Shiller-KGVs Aktionär zu sein – auch wenn man manchmal recht lange warten musste, bis die unvermeidbare Baisse begann.

Nächste Woche werde ich an dieser Stelle darauf zu sprechen kommen, woran attraktive Chance-Risiko-Verhältnisse und damit gute Einstiegszeitpunkte an den Aktienmärkten zu erkennen sind. Nur so viel sei schon jetzt verraten: Nach dem Platzen der aktuellen Blase rechne ich nicht nur mit einer attraktiven zyklischen Kaufgelegenheit wie in 2009, als ich letztmals zum Einstieg blies, sondern mit einer langfristigen, strategischen Kaufgelegenheit. Die kommenden Jahre versprechen auf jeden Fall überaus spannend zu werden.

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Schlimmste humanitäre Krise seit sechs Jahrzehnten

Pressemeldungen zufolge ist gerade ein Bericht des Roten Kreuzes erschienen, in dem berichtet werde, dass sich 43 Millionen Europäer kein Essen mehr leisten könnten und auf Suppenküchen und Spenden angewiesen seien. Laut Rotes Kreuz handele es sich um die schlimmste humanitäre Krise in Europa seit sechs Jahrzehnten.

In meinem gemeinsam mit Roland Leuschel verfassten und 2004 erschienen Buch „Das Greenspan Dossier“ sprach ich davon, dass mit dem Platzen der Aktienblase eine Zeitenwende begonnen habe. Seit dem Platzen der Immobilienblase und der dadurch ausgelösten Wirtschafts- und Finanzkrise des Jahres 2008 habe ich mehrmals die These aufgestellt, dass wir uns inmitten einer verheerenden Wirtschaftskrise befinden, die dereinst als Depression beziehungsweise zweite Weltwirtschaftskrise in die Geschichte eingehen wird. Dass Europa jetzt nach Einschätzung der Roten Kreuzes die schlimmste humanitäre Krise seit sechs Jahrzehnten erlebt, überrascht mich also nicht. Aber dass gleichzeitig der DAX in der Nähe seines Allzeithochs notiert, das hätte ich tatsächlich nicht für möglich gehalten. Das ist das Schöne, Spannende und Aufregende, aber gleichzeitig auch Frustrierende am Beruf eines Analysten: Er erlebt immer wieder Überraschungen und lernt nie aus.

Jogi Löw und die Kritik

Natürlich muss gerade ein kritischer Analyst auch selbst Kritik ertragen können – sowohl konstruktive als auch destruktive, angebrachte und unangebrachte, sachliche und unsachliche, kurz: jede nur erdenkliche Form und Qualität. Auch das gehört zu seinem Job. Und zwar ohne Wenn und Aber.

Ganz anders scheint das bei Fußballbundestrainern zu sein. Hören wir, was Jogi Löw gerade erst zum Thema Kritik zu sagen hatte:

Dass man keine Kritik äußern darf, ist mir neu“, so Löw. „Es geht aber um die Form und Qualität der Kritik, ob sie konstruktiv ist. Und wenn dem so ist, kann man Kritik äußern“.

Und ob dem so ist, das bestimmt wahrscheinlich der allseits beliebte Bundestrainer, oder?

*Claus Vogt ist Gründer der Vermögensverwaltung Aequitas Capital Partners GmbH, einer auf vermögende Privatanleger und institutionelle Investoren spezialisierten Vermögensverwaltung. 2004 schrieb er zusammen mit Roland Leuschel das Buch „Das Greenspan Dossier“. Mehr zu Claus Vogt finden Sie hier