Der Kotau der neuen Fed-Chefin Yellen vor Obama

In den Mainstream-Medien wird mal wieder versucht, die Lage schönzureden. Die Wahrheit ist: Die US-Zentralbank kuscht vor Obama, und die Chinese sitzen in der Klemme. Von Zuversicht keine Spur.

 

Es ist höchste Zeit, aus dem Schleppnetz unseres Nachrichten-Fischkutters die faulen Muscheln heraus zu picken und sie dorthin zu werfen, wohin sie gehören: In den Müll. Die Versuche in Mainstream-Medien, uns in die Irre zu führen, haben wieder einmal Erstaunliches zuwege gebracht.

Erectus Infinitus

Beispiel eins: Die Anleger aus aller Welt seien im Auge des amerikanischen Budget-Sturms „bemerkenswert zuversichtlich“ geblieben, meldet heute etwa MoneyNews. So ein Quatsch. Sie wussten erstens nicht, in welche Richtung sie fliehen sollten. Und zweitens verhalten sie sich dank der Fed wie die Zuschauer eines Pornofilms.

Die lustvolle Geldparade der Währungshüter hat sie alle so geil gemacht, dass sie die Kurse nicht mehr runterkriegen. Sie haben kaum Angst vor einer kräftigen Korrektur. Eine Art Erectus Infinitus. Sie fürchten vielmehr, die von der Fed angeschobene Rally nach der von der Fed klein gehaltenen Korrektur zu verpassen.

Beruhigungspillen

Beispiel zwei: Forbes verteilt wieder einmal Beruhigungspillen mit erheblichen Nebenwirkungen. Die Chinesen würden sich schon nicht in großem Stil von US-Staatsanleihen trennen, wenn das Budgetdrama so weitergeht. Die Volksrepublik habe bereits – ohne ein Beben am Markt zu erzeugen – einige Anleihen verkauft, schreibt China-Kenner Gordon Chang.

Das ist der, der uns seit Menschengedenken den „Coming Collapse“ of China prognostiziert. Und recht hat er diesmal auch nur rein mathematisch betrachtet und aufgrund einer willkürlichen zeitlichen Eingrenzung. China hat seit dem Hoch bei 1.290 Milliarden im April tatsächlich seinen Bestand an US-Anleihen um lediglich 1 Prozent auf jetzt 1,277 Billionen zurückgeführt.

China in der Klemme

In den vergangenen 15 Monaten – also gegenüber Juli 2012 – hat das Land den Bestand sogar noch um 10 Prozent ausgebaut. Das ist kein heimlicher, kleiner Rückzug, das ist ein ordentlicher Ausbau des Investments. Das gibt Chang auf den ersten Blick recht.

Doch die Chinesen können gar nicht so schnell andere Anlage-Vehikel identifizieren wie sie Devisenreserven aufbauen. Ihr wachsendes Misstrauen, das sich in dieser Woche in der Aufforderung entlud, es in Washington nicht bis zum Äußersten zu treiben, kann sich also gar nicht entladen.

Die Chinesen müssen die neu entstehenden Überschüsse im Außenhandel anders anlegen und damit ihre US-Anleihebestände relativ senken. Das ist auch der Grund, warum sie eine Infrastruktur- und Entwicklungsbank nach der anderen ins Spiel bringen, und sich von Europa bis Südafrika, wo es geht, in Firmen einkaufen.

Beispiel drei: Die neue Fed-Chefin Janet Yellen wird die Herausforderungen der Geldpolitik beherzt anpacken, schreibt MoneyNews. Mein Eindruck war ganz anders, als ich die kleine Dame mit der 3,7 Billionen Dollar großen Bilanz (so groß wie das BIP Deutschlands) gestern unterwürfig Obama danken sah, nachdem dieser sie nominiert und über den grünen Klee gelobt hatte.

In Minischritten von der Überholspur

Hier stand eine Karriere-Geldfrau, die enorm clever sein mag und auch mit ihren Prognosen glänzt. Aber der Kotau vor Obama in Verbindung mit der biederen Behörden-Aura – und den ungeduldigen Bullies der Wall Street im Rücken – signalisiert mir nicht den kernigen Aufmarsch einer unabhängigen geldpolitischen Macherin.

Yellen dürfte von meinem Eindruck her eher vor den Nebenwirkungen buckeln, die die Vollgas-Politik ihres Vorgängers über Jahre hinweg erzeugt hat. Die Fed kniff im September beim Tapern unter Bernanke. Sie wird unter Yellen in Minischritten – und erst nach einigem Zögern – aus der Überholspur nach rechts weichen und langsamer machen.

Aber nur so, dass man es zwar mathematisch erfassen kann, aber für die Wall Street trotzdem der herrliche Eindruck bleibt, dass die Volle-Pulle-Fed ihrem Stil treu bleibt.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel