Gibt es eine Logik hinter den Wettbewerbstheorien?

Was ist eigentlich Wettbewerb, wie sollte er mit Blick auf die positiven Wirkungen der Marktwirtschaft sein? Eine hohe Entwicklungsqualität des Wettbewerbs bedeutet nicht zwangsläufig auch hohes Wirtschaftswachstum, schreibt STEFAN L. EICHNER im 3. Teil seines Essays.

Wir können nicht alle Lebensbereiche ökonomisieren. Es würde unser Gemeinwesen und den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerstören.

Tatsächlich versuchen wir heute aber genau das. Wir nutzen dafür eine Marktlogik, die prinzipiell der Wirtschaft den Vorrang gibt und die ökonomische Effizienz über alles stellt.

Wir können in der auf die Marktwirtschaft und Märkte gerichteten Politik auch nicht die Nachfrageseite einschließlich der Arbeitnehmer nahezu komplett ausblenden.

Doch genau das ist es, was die Marktlogik nahelegt, auf die sich praktisch alle Parteien – auf der rechten wie auf der linken Seite des politischen Spektrums – bis heute explizit oder implizit abstützen (siehe dazu Teil 2). Denn es ist, wie in Teil 1 der Aufsatzreihe erklärt wurde, eine rein angebotstheoretisch begründete Marktlogik, in der die Nachfrageseite für das Geschehen auf Märkten und für wirtschaftliche Prosperität von untergeordneter, nachrangiger Bedeutung ist. Entscheidend sind demnach die Anbieter von Gütern und Dienstleistungen, das heißt die Wirtschaft und natürlich auch die Banken.

Instabiles Finanzsystem

Aus dieser Marktlogik begründet sich schlüssig eine liberale Wirtschaftspolitik.

Zwar wird die liberale Wirtschaftspolitik infrage gestellt und die ihr zugrunde liegende Marklogik vor allem heute scharf kritisiert. Dafür gibt es aus theoretischer Sicht auch genügend Gründe, weil es eine unvollkommene, mit schweren Fehlern behaftete Marktlogik ist, die

  1. prinzipiell effiziente, selbstregulierende Märkte unterstellt,
  2. den Einfluss und die Bedeutung der Nachfrage für das Marktgeschehen weitgehend vernachlässigt,
  3. den ökonomischen Wandel oder genauer gesagt die Entwicklung von Märkten und Regionen in der Zeit komplett ausblendet

Genügend Gründe gibt es aber erst Recht auch mit Blick auf die wirtschaftliche Realität, denn wir haben heute

  • gesättigte und wachstumsschwache Märkte,
  • das „Too big to fail“-Problem als Konsequenz hoher Unternehmenskonzentration und vieler Märkte, die von nur wenigen, sehr großen Oligopolisten dominiert werden,
  • massive wirtschaftliche Ungleichgewichte,
  • eine hohe Einkommens- und Vermögenskonzentration

und wir haben deswegen heute insgesamt

  • eine hohe Instabilität und Krisenanfälligkeit unseres Wirtschafts- und Finanzsystems.

Keine konstruktive Debatte

All das dürfte es gemäß der Marktlogik, auf die sich die Politik bis heute stützt, eigentlich überhaupt nicht geben. Wir kommen von diesen gravierenden Problemen auch nicht los, sondern sie verschärfen sich im Gegenteil immer weiter.

Die angebotstheoretisch begründete Marktlogik, auf die sich direkt oder indirekt, explizit oder implizit im Prinzip alle Parteien bei ihrer auf die Wirtschaft und die Finanzmärkte gerichteten Politik abstützen, ist folglich höchst problematisch. Eine konstruktive Debatte gibt es dazu jedoch überhaupt nicht.

Stattdessen dreht sich der Streit zwischen „Rechts“ und „Links“ in der Politik lediglich darum, wer auf der Grundlage oder vor dem Hintergrund dieser mehr oder weniger fehlerhaften Marktlogik die bessere Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik macht. Die Auseinandersetzung ist deswegen nicht nur schlicht konfrontativ und führt damit in eine Sackgasse. Sie geht vor allem auch am Kernproblem völlig vorbei, mehr noch blockiert sie effektiv und nachhaltig jeden Weg zu einer besseren, realistischeren Marktlogik und damit letztlich zu einer besseren Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik.

Das Problem aller Parteien ist heute nicht, dass ökonomische Theorien ihnen sowieso keine oder nur bedingt geeignete Orientierungen bieten können und deswegen getrost zu vernachlässigen sind. Ihr Problem ist im Gegenteil, dass sie sich mit den Erklärungsmöglichkeiten bezüglich der Märkte und der Marktwirtschaft und den daraus resultierenden Orientierungen verschiedener Erklärungsansätze und Marktlogiken viel zu wenig befassen.

Orientierungsloses Experimentieren

Wenn wir von der orientierungslosen und ineffektiven Politik des Experimentierens wieder wegkommen wollen, die seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise weltweit praktiziert wird, dann kommen wir nicht darum herum, die Marktlogik wieder zur Grundlage zu machen, auf der die politische Auseinandersetzung bezüglich der Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik geführt wird. Und das bedingt zunächst einmal eine echte, fundierte und vor allem konstruktive politische Auseinandersetzung mit der Marktlogik.

Das bedeutet keineswegs, dass damit alle Unterschiede zwischen linker und rechter Politik verschwinden. Es geht hier schließlich nur um die Wirtschaft. Außerdem ist die Erklärung von Märkten und der Marktwirtschaft, die der Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik zugrunde gelegt wird, nicht zu verwechseln mit den darauf bezogenen Ansprüchen und Zielen linker und rechter Politik. Das ist von zentraler Bedeutung in einer Wirtschaft, die eben nicht – wie die heute bemühte liberale Marktlogik suggeriert – prinzipiell selbstregulierend ist.

Der Mensch als letzte Instanz

Das bedeutet, wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass wir in Bezug auf Märkte und Marktwirtschaft immer von allen Entscheidungsproblemen enthoben sind, weil es nur richtig und falsch gibt, da Märkte sich im Grunde immer selbst regulieren und wie eine Maschine immerfort Wohlfahrt produzieren.

So ist es aber nicht.

Wir müssen entscheiden, welche Bereiche wir ökonomisieren wollen und wir sind in letzter Instanz dafür verantwortlich, dass und wie gut Märkte und Wettbewerb funktionieren. Welches politische Handeln bezogen auf Märkte und die Marktwirtschaft richtig und falsch ist, lässt sich nicht immer eindeutig und schon gar nicht allgemeingültig entscheiden. Das ist aber keine Frage von „rechts“ oder „links“, sondern eine Frage der Marktlogik.

In der gegenwärtigen Rechts-Links-Logik hat „Rechts“ die Marktlogik okkupiert und damit wird jeder, der in Bezug auf Märkte und Marktwirtschaft nicht „rechts“ argumentiert, pointiert ausgedrückt zum Gegner der Marktwirtschaft. Die zu überwinden setzt voraus, sich erstens bewusst zu machen, dass es nicht nur eine Marktlogik gibt. Die zweite Voraussetzung ist, sich nicht nur die Schwächen dieser herrschenden Marktlogik zu vergegenwärtigen, sondern auch ihre Orientierungsleistung für die Politik im Vergleich mit anderen Marktlogiken bewerten zu können.

Vier Erklärungsansätze

Dafür soll im Folgenden eine Grundlage geschaffen werden. Das wird für die vier verschiedenen Erklärungsansätze geschehen, die im Wesentlichen unterschieden werden können und zwar in vier Schritten: Marktlogik, Wettbewerbslogik, Wachstumslogik und Orientierungsleistung.

Markt und Wettbewerb müssen immer im Zusammenhang gesehen werden. Unterschieden wird nachfolgend gemäß der Wettbewerbsbezeichnung, die für die jeweils spezifische Erklärung von Märkten mit „effektiven“ bzw. „wirksamen“ Wettbewerb steht und damit auch für die jeweils definierten Voraussetzungen, unter denen die Marktwirtschaft letztlich ihre positiven Wirkungen entfaltet. Zu unterscheiden sind:

  1. „Freier Wettbewerb“,
    wobei es sich um die wirtschaftsliberale Perspektive handelt, die auf die klassische ökonomische Theorie von Adam Smith zurückgeht;
  2. „Vollkommene Konkurrenz“,
    wobei es sich eigentlich um ein Modell der neoklassischen ökonomischen Theorie handelt, das jedoch in vielerlei Varianten existiert, zum Beispiel als „vollständige Konkurrenz“ (Walter Eucken) und als Orientierung für die Wirtschaftspolitik Bedeutung erlangte; es setzt unter anderem als Bedingung polypolitische Märkte (viele Anbieter und Nachfrager) voraus, aber auch vollkommene Markttransparenz und Information aller Marktteilnehmer, absolute Gleichartigkeit aller Sachen, aller Personen, des Raums sowie auch in zeitlicher Hinsicht (Homogenität) und striktes Rationalverhalten (Homo Oeconomicus);
  3. „Funktionsfähiger Wettbewerb“,
    wobei es sich im Kern um eine an die wirtschaftliche Realität angepasste Abwandlung des Modells der „vollkommenen Konkurrenz“ der neoklassischen Theorie handelt; je nach Variante werden unterschiedliche, aus der empirischen Forschung abgeleitete Bedingungen definiert (z.B. unterschiedliche Grade der Produktheterogenität und Marktransparenz, Markteintrittsschranken, Wettbewerbsintensität); die zentrale Bedingung sind hierbei oligopolistische Märkte;
  4. „Evolutorischer Wettbewerb“,
    dabei handelt es sich um einen am Konzept der dynamischen Entwicklung von Märkten (Lebenszyklus-konzept) orientierten Erklärungsansatz, bei dem das Anbieter- und Nachfrageverhalten und Innovationen ausschlaggebend dafür ist, wie sich Wettbewerb und Märkte im Zeitablauf wandeln und entwickeln.

Die Marklogik als Grundlage für Politik in der Marktwirtschaft

Welche Marktlogik liegt diesen Erklärungsansätzen zugrunde. Sie erinnern sich noch daran, dass ich in Teil 2 schrieb, wer eine Liste von Bedingungen oder ein Erfolgsrezept als Antwort auf die Frage erwarte, unter welchen Voraussetzungen die Marktwirtschaft ihre positiven, ordnenden und Wohlfahrt bringenden Wirkungen entfaltet, der sehe die Marktwirtschaft im Grunde wie ein Fahrrad, das heißt wie etwas, das sich mechanisch bewegt, aber nie verändert?

Gut. Im gegebenen Zusammenhang bedeutet das: Sie würden erwarten, dass es ein Marktideal gibt. Damit sind wir beim zentralen Unterscheidungsmerkmal der vier Erklärungsansätze in Bezug auf die Marktlogik, nämlich der schlichten Frage, ob ein Marktideal definiert wird oder nicht, oder anders ausgedrückt, ob es sich um eine mechanistische Marktlogik handelt oder nicht.

Schauen Sie sich dazu die Abbildung zur Marktlogik an.

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Die „Vollkommene Konkurrenz“ und der „Funktionsfähige Wettbewerb“ definieren ein Marktideal, was damit zusammenhängt, dass in beiden Fällen die entsprechende Logik auf dem Fundament der neoklassischen ökonomischen Theorie steht.

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied. Die „Vollkommene Konkurrenz“ definiert exakte Bedingungen. Das wird in der kleinen Zeichnung in der Abbildung symbolisiert durch das kleine schwarze Quadrat. Beim Ansatz „Funktionsfähiger Wettbewerb“ gibt es indes ein relativ großes, horizontal schraffiertes Feld, weil dort keine exakten Bedingungen definiert, sondern für alle als relevanten erachteten Bedingungen lediglich bestimmte Spannen oder Schwellenwerte festgelegt werden (z.B. für Unternehmenskonzentration, Marktransparenz, Wettbewerbsintensität usw.). Man könnte also sagen, dass in diesem Fall das Marktideal nur vage definiert ist.

Feiner Unterschied

So betrachtet, ist es in der Praxis vergleichsweise einfach, „Funktionsfähigen Wettbewerb“ zu diagnostizieren und zu erreichen, während die Realisierung der „Vollkommenen Konkurrenz“ aufgrund der praktischen Nicht-Erfüllbarkeit aller Bedingungen unmöglich ist. Wie sollte man z.B. vollkommene Markttransparenz oder vollkommene Information aller Marktteilnehmer sicherstellen können? Bei einigen Varianten der vollkommenen Konkurrenz ist das anders. Die „Vollständige Konkurrenz“ von Walter Eucken, dem Vordenker der „Sozialen Marktwirtschaft“, kommt mit nur einer der ursprünglichen Bedingungen aus: polypolistische Märkte.

„Freier Wettbewerb“ und „Evolutorischer Wettbewerb“ definieren hingegen kein Marktideal, und ihnen liegt folglich auch kein mechanistisches und die Entwicklung ausblendendes Marktverständnis zugrunde. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied. Beim Ansatz „Freier Wettbewerb“ ist im Prinzip jede denkbare Marktsituation akzeptabel und positiv zu bewerten, so lange die Markteilnehmer bzw. die Märkte frei von staatlicher Beeinflussung agieren können. Die unendliche Vielfalt möglicher Marktsituationen symbolisieren die vielen gleichgroßen schwarzen Punkte in der zugehörigen kleinen Zeichnung in der Abbildung zur Marktlogik.

Die Logik des Wettbewerbs

Beim Ansatz „Evolutorischer Wettbewerb“ sieht man hingegen in der kleinen Zeichnung vier unterschiedlich schraffierte Quadrate, wobei eines identisch ist mit dem, das man beim Ansatz „Funktionsfähiger Wettbewerb“ sieht. Das ist kein Zufall. Denn was bei letztgenanntem Ansatz als Marktideal definiert ist, ist letztlich eine aus der empirischen Forschung herausgefilterte, spezifische Marktsituation, die – aus Sicht des Ansatzes „Evolutorischer Wettbewerb“ – in der Entwicklung von Märkten vorkommen kann. Aber es ist eben nur eine einzige denkbare Marktsituation.

Gemäß dem „Evolutorischen Wettbewerb“ bedeutet Entwicklung von Märkten, dass sich unterschiedliche Marktsituationen im Zeitablauf ergeben bzw. einander ablösen. Das heißt z.B. auch, dass sich die Marktform verändert – vom Unternehmen, das einen neuen Markt schafft und dort zunächst gegebenenfalls Monopolist ist, über die Polypolisierung des Marktes durch den Zustrom von neuen Anbietern bis zum später, im Zuge der Reifung des Marktes einsetzenden Verdrängungswettbewerb und Unternehmenskonzentrationsprozess (Oligopolisierung).

Es gibt also beim Ansatz „Evolutorischer Wettbewerb“ im Unterschied zum Ansatz „Freier Wettbewerb“ klar unterscheidbare Marktsituationen, die jeweils auch eine andere Form von Wettbewerb begründen. Das heißt, im Zuge der Entwicklung von Märkten verändert sich auch der Wettbewerb.

Damit sind wir auf der nächsten Vergleichsebene angelangt, nämlich der Wettbewerbslogik.

Fehlendes Wettbewerbsideal

Was ist Wettbewerb eigentlich, wie arbeitet er und wie sollte er mit Blick auf die positiven Wirkungen der Marktwirtschaft sein?

Auch in dieser Hinsicht kann man zwecks schneller und grundsätzlicher Unterscheidung der verschiedenen Erklärungsansätze wieder danach fragen, ob sie ein Wettbewerbsideal definieren.

Einfache Antwort: Nur beim Ansatz „Freier Wettbewerb“ gibt es explizit kein Wettbewerbsideal.

Ebenfalls einfach fällt die Antwort bei den neoklassischen Ansätzen „Vollkommene Konkurrenz“ und „Funktionsfähiger Wettbewerb“ aus, wie aus der Abbildung zur Wettbewerbslogik ersichtlich ist. Es ist in beiden Fällen identisch mit dem Marktideal oder anders ausgedrückt, wenn die jeweiligen Bedingungen des Marktideals erfüllt sind, dann liegt auch das Wettbewerbsideal vor, das heißt, es herrscht effektiver Wettbewerb.

Was bedeutet das praktisch?

Es bedeutet verkürzt ausgedrückt, dass gemäß der Marktlogik der „Vollkommenen Konkurrenz“ wünschenswerter effektiver Wettbewerb vorliegt, sobald u.a. auf einem Markt ein Polypol vorliegt. Gemäß der Logik des „Funktions-fähigen Wettbewerbs“ ist das gegeben, sobald Märkte u. a. oligopolistisch strukturiert sind, wobei es einen gewissen Interpretationsspielraum gibt wie eng oder weit das Oligopol sein darf.

Praktisch bedeutet das im Falle des „Funktionsfähigen Wettbewerbs“ aber nicht nur, dass effektiver Wettbewerb vorliegt sobald Märkte oder ganze Volkswirtschaften oligopolisiert sind. Es bedeutet auch, dass effektiver, sich selbst regulierender Wettbewerb herrscht bzw. das Wettbewerbsideal vorliegt, so lange sie oligopolisiert bleiben.

Die Kraft des Wettbewerbs

Daraus ergibt sich eine nicht unwesentliche Frage, nämlich: Wie sollen sich Märkte entwickeln, wenn wir dafür Sorge tragen, dass sie immer oligopolisiert bleiben?

Falls Sie noch nicht genau sehen, worin das Problem eigentlich bestehen soll, dann stellen Sie sich einfach einmal vor, als ideal soll ein Oligopol mit vier Anbietern gelten. Sagen wir noch dazu auf dem (imaginär betrachteten) globalen Markt.

Gemäß des Erklärungsansatzes „Evolutorischer Wettbewerb“ und der oben gegebenen Erklärung der Marktlogik würde damit die Entwicklung von Märkten nicht gefördert, sondern behindert und im Extrem unmöglich gemacht. Denn entsprechend der oben dargelegten Marktlogik gibt es beim „Evolutorischen Wettbewerb“ ein prozessuales Wettbewerbsideal, das unabhängig von der jeweiligen Marktsituation ist. Es ist erfüllt, wenn sich die Marktsituation im Zeitablauf (bzw. im „Lebenszyklus“) immer wieder signifikant verändert. Denn die Entwicklung von Märkten wird in diesem Erklärungsansatz nur dadurch möglich, dass sich der Wettbewerb wandelt bzw. die vorherrschende Form des Wettbewerbs sich verändert. Der Wettbewerb trägt demnach die Entwicklung und das kann er unterschiedlich effektiv tun, was mit der Erklärung der Arbeitsweise und des Wesens des Wettbewerbs zusammenhängt. Schauen Sie dazu nochmals auf die Abbildung zur Wettbewerbslogik.

Bildschirmfoto 2013-10-06 um 10.39.48

Beim Ansatz „Vollkommene Konkurrenz“ wird Wettbewerb statisch aufgefasst. Das heißt, entweder die exakt definierten Bedingungen für das Marktideal sind erfüllt – dann herrscht Wettbewerb. Oder sie sind nicht alle erfüllt und dann herrscht kein Wettbewerb. Dazwischen gibt es nichts. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Lichtschalter: Licht an, Licht aus, Wettbewerb an, Wettbewerb aus.

Nicht steuerbarer Prozess

Das ist keine realistische Vorstellung. In allen anderen Erklärungsansätzen wird Wettbewerb als dynamisch, nämlich als ein von Innovationen angetriebener Prozess verstanden, das heißt als – zumindest theoretisch – ewige Abfolge von innovativen Vorstoßhandlungen einzelner Wettbewerber, die dadurch eine temporäre Monopol-stellung auf dem Markt einnehmen, und den imitativen (oder wiederum innovativen) Handlungen der Konkurrenten, die damit wieder zum Innovator aufschließen, ihn einholen oder sogar überholen.

Diesen vor- und nachstoßenden Prozess veranschaulicht die Zickzack-Linie in den kleinen Zeichnungen bei den drei Erklärungsansätzen, die Wettbewerb dynamisch auffassen. Die Obere Line kennzeichnet das temporäre Monopol, die untere ausgeglichene Verhältnisse, in denen niemand über einen signifikanten, innovativen Wettbewerbsvorsprung verfügt.

Die Unterschiede sind schnell erklärt.

Im Falle des „Freien Wettbewerbs“ und des „Funktionsfähigen Wettbewerbs“ wird die Arbeitsweise zwar identisch erklärt und es wird auch angenommen, dass der Wettbewerbsprozess seinem Wesen nach selbst-regulierend bzw. selbsttätig ist. Aufgrund des abweichenden theoretischen Fundaments geht der Ansatz „Freier Wettbewerb“ (klassische Theorie von Smith) jedoch davon aus, dass der Prozess nicht steuerbar oder gezielt beeinflussbar ist, ganz besonders auch nicht bezüglich seiner volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.

Feinsteuerung des Marktes

Beim „Funktionsfähigen Wettbewerb“ (abgeleitet aus der neoklassischen Theorie) sieht man jedoch grundsätzlich solche Beeinflussungsmöglichkeiten (mechanistische Sicht) und darauf sind auch die Bedingungen des zugehörigen Marktideals angelegt. Das heißt, es gibt hier die Möglichkeit einer Art Feinsteuerung, mit der die Leistungsfähigkeit des Wettbewerbsprozesses beeinflusst werden kann und damit letztlich auch das Wirtschafts-wachstum. Praktisch geschieht dies beispielsweise dadurch, dass Fusionen und Übernahmen bzw. eine höhere Unternehmenskonzentration zugelassen oder eben nicht zugelassen werden.

Gemäß des Ansatzes „Evolutorischer Wettbewerb“ ist der Wettbewerbsprozess weder prinzipiell selbsttätig (oder selbstregulierend) noch wird die Möglichkeit einer wachstumsbezogenen Feinsteuerung gesehen. Vielmehr werden hier verschiedene Formen des Wettbewerbs differenziert, die sich im Hinblick auf ihre Beiträge zur Entwicklung von Märkten unterscheiden. Ausschlaggebend dafür sind die Innovationen, die je nach Wettbewerbsform unterschiedlich weitreichende ökonomische Wirkungen auf Märkten oder der Wirtschaft insgesamt haben und damit den Takt und die Richtung der Entwicklung von Märkten vorgeben.

Das heißt, über die Beeinflussung der Marktbedingungen lässt sich demnach letztlich die Prozess- und Entwicklungsqualität des Wettbewerbs beeinflussen, aber das gilt nicht für seine Ergebnisse. Eine hohe Entwicklungsqualität des Wettbewerbs bedeutet nicht zwangsläufig auch hohes Wirtschaftswachstum.

Damit unterscheidet sich die Markt- und Wettbewerbslogik des Erklärungsansatzes „Evolutorischer Wettbewerb“ wesentlich sowohl von der Logik des „Freien Wettbewerbs“ als auch von der des „Funktionsfähigen Wettbewerbs“.

 

In Teil 3.2 werden die vier verschiedenen Erklärungsansätze in Bezug auf die Wachstumslogik und ihre Orientierungsleistung für die Wirtschafts‑ und Finanzmarktpolitik vergleichend analysiert und abschließend zusammenfassend bewertet.

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Über Stefan L. Eichner

Als Ökonom beschäftigt sich Stefan L. Eichner seit 1990 mit den Themen: Europäische Integration, Wirtschafts- und Industriepolitik, Industrieökonomik und Wettbewerbstheorie. 2002 stellte er in einer Publikation eine neue Wettbewerbstheorie vort, die er "evolutorischer Wettbewerb" nennt. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel