Die Gesellschaft der indoktrinierten Konformisten
Die Gesellschaft der indoktrinierten Konformisten

Die Gesellschaft der indoktrinierten Konformisten

Wir sind zu willenlosen Mündeln von Konzernen, Finanzindustrie und Medien degeneriert. Darum glauben wir einer Kanzlerin, die uns sagt, dass es Deutschland gut geht.

Kleinkinder orientieren sich in ihrer Entwicklung an ihren Bezugspersonen, sie schauen sich von ihnen ab, ahmen nach, wie sie sich in einer noch unbekannten Welt am besten bewegen können. Für die Entwicklung von Kleinkindern ist diese Außenorientierung überlebenswichtig. Wenn sich jedoch eine ganze Gesellschaft ähnlich verhält, zeugt dies von einem nicht entwickelten Selbstbewusstsein.

Im Laufe seiner Entwicklung entdeckt das Kind seinen eigenen Willen, dem eigenen Willen folgt die Frage nach der Durchsetzbarkeit. Der eigene Wille gerät also in den Bezug zu einer von Außen geprägten Vernunft. Das Kind lernt, dass die Regeln einer Gesellschaft durchaus auch für das eigene Dasein sinnvoll sind. Wie das Kind den Bezugspersonen vertraut, so vertraut es nun darauf, dass in der Außenwelt ebenfalls die gleichen Regeln gelten. Diese Regeln zu missachten, wird als schlecht bewertet – als Bedrohung für die Ordnung in der Gesellschaft.

Die Welt will erobert werden

Der Kampf zwischen diesen zu eigen gemachten Ansprüchen und dem Drang, sich selbst im Ganzen zu erfahren, die von Außen gesetzten Grenzen zu übertreten, zumindest hinterfragen zu wollen, erreicht schließlich in der Pubertät seinen Höhepunkt.

Alle von Außen gelernten Grenzen und Systeme werden von dem zum Teenager entwickeltem Menschen neu überprüft, neu bewertet und neu abgesteckt. Das Selbst tariert für sich neu aus. Noch wird das frisch erlangte Selbstbewusstsein von einem übersteigerten Selbstvertrauen überlagert. Die Welt will erobert werden. Ob als Auszubildender, Student oder Künstler: Das Feld soll von hinten neu aufgerollt werden.

Der Überhöhung seines Selbst folgt unweigerlich das persönliche Scheitern. Die Realität ist hart. „Draußen“ herrscht ein gnadenloser Wettbewerb. Das Elternhaus ist nicht mehr die Welt, es ist nur noch eine Insel, ein Rückzugsort. Draußen ist der junge Mensch jedoch allein, allein unter Freunden, die ähnliche Erfahrungen machen. Das Selbstbewusstsein bekommt Risse.

Der Mensch sucht Vertrauen

An diesem Punkt der Erkenntnis, wenn sich eine Vertrauenslücke auftut, wäre es die Aufgabe der Gesellschaft, dem jungen Erwachsenen zu signalisieren, dass sein Werdegang, sein Scheitern, seine Unsicherheit und seine Ängste völlig normal sind. Es wäre Aufgabe der Gesellschaft dem jungen Menschen gerade jetzt Vertrauen zu signalisieren, ein gesundes Maß an Selbstvertrauen mitzugeben, sein Selbstbewusstsein aufzurichten. Das passiert aber nicht. Das Selbstbewusstsein bekommt tiefere Risse, zerfällt vielleicht.

Es muss zumindest gekittet werden. Und dieses plötzliche Alleingelassenwerden, dass nicht akzeptierte Bild der Gesellschaft vom eigenen Selbst(-Bewusstsein) ist schwer zu akzeptieren. Der Mensch braucht die Gemeinschaft, die Reibungspunkte, das Erfolgserlebnis, der Mensch ist gesellig und sucht nach einer ähnlichen Nähe wie er sie aus seiner Kindheit kennt. Er sucht Vertrauen.

Die alten Geschichtenerzähler

Genau hier setzt das alte Muster wieder ein. Abschauen. Wie machen es die anderen? So schaut der junge Mensch wie auch in seiner frühen Kindheit nicht in erster Linie auf sich selbst, sondern nach Außen, er sucht ein neues Erfolgsmodell. Er sucht in dem, was Außen jederzeit verfügbar, abzuschauen und vergleichbar ist, nach etwas, was für die Gesellschaft als Richtlinie anerkannt zu sein scheint.

Es sind schließlich die guten, alten und vertrauten Geschichtenerzähler, die diese Rolle erfüllen: Die Medien, also TV, Internet und Zeitschriften zeigen nun wo es langgeht. Oder als deren Stellvertreter die eigenen Freunde. Sie alle zeigen, was richtig und was falsch ist. Das eigene Selbst wird danach ausgerichtet, es scheint der sichere Weg zu sein, um zu bestehen. Sich zu behaupten in einer Gesellschaft, in der jeder nach demselben Muster zu bestehen versucht, nämlich in der völligen Ausrichtung nach Außen. So bildet sich eine Gesellschaft voller Spiegelbilder, aber ohne Selbstbewusstsein.

Dreiste Überwachung

Vielleicht ist so unser Gesellschaftsbild erklärbar. Eine Gesellschaft, in der selbst in den Vorstandsetagen von mittelständischen Unternehmen kein Selbstvertrauen mehr vorhanden zu sein scheint, weil ohne jede Hinterfragung Unternehmensstrategien von Außen übernommen werden, die die Identität eines Unternehmens hinfortfegen. Eine Gesellschaft, deren Arbeitnehmer akzeptieren, dass Ihre Arbeitsplätze zu standardisierten Fließbandabschnitten gestutzt werden, in der Arbeitsprozesse für jeden zerkleinert, vereinfacht und vor allem messbar und kontrollierbar werden, geistlos, unpersönlich, austauschbar, so wie das Unternehmen selbst auch. Weil das Selbstbewusstsein fehlt.

Politiker, die nicht in der Lage zu sein scheinen, sich gegen die dreiste Überwachung unserer Gesellschaft und ihrer „Individuen“ zu wehren und vor dem „großen Bruder“ in Ehrfurcht erstarren. Das ist nur ein Beispiel von vielen, das eine Politik ohne Selbstbewusstsein, ohne klare Identität zeigt.

Es ist eine Gesellschaft, deren Menschen sich von Konzernen darin leiten lässt, was erstrebenswert ist, was Glück bedeutet und ihre Befriedigung im Konsum erfahren, wenn auch nur kurz. Aber das nächste Angebot wartet ja schon. Völlig unfähig, um zu begreifen, dass ein Selbstbewusstsein das Letzte ist, was sich Konzerne für ihre Kunden wünschen. Menschen, die sich nur nach Außen orientieren und keine feste Bindung kennen, sind die konsumfreudigsten Kunden. Vertrauen bietet nicht die Familie, sondern die Marke. Konzerne gegen Selbstbewusstsein.

Bestätigung in den Medien

Und die Medien, die in großen Teilen nichts anderes tun als genau diese Rückentwicklung zu feiern. Weil die Medien selbst von Menschen produziert werden, die die Sinnhaftigkeit ihres Tuns von der Anzahl ihrer Nutzer abhängig machen, also von der Zahl derer, die ihren sinnentleerten Weg in den Medien bestätigt haben wollen. Spirale abwärts. Das Spiegelbild einer Gesellschaft groß und glitzernd aufzuziehen. Medien ohne Selbstbewusstsein.

So ist es kein Wunder, dass wir eine Kanzlerin haben wollen, die uns sagt, dass es Deutschland gut geht. Dass es UNS gut geht. Ihnen. Mir. Selbst mit zwei unterbezahlten Jobs, selbst mit Hartz-IV oder selbst als Abteilungsleiter, der immer mehr zum Teilungsleiter wird: Alle hören diesen Satz, dass es uns gut geht. Nun, dann wird es wohl so richtig sein, oder?

Weitere Texte von Björn Kügler finden Sie hier.

Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel