Die verschwiegene Wahrheit über Deutschland und Europa

Die Not kehrt in die kapitalistischen Gesellschaften zurück. Auch Deutschland wird sich in den kommenden Jahren radikal verändern. Die Politik schweigt darüber – nicht nur im Wahlkampf. Darum hat sie allen Grund die Zukunft zu fürchten...

 

Vor zwei Jahren schrieb ich, die Europäer seien auf dem Weg in die Knechtschaft. Sie würden Knechte einer Schuldendiktatur. Damals galt eine solche Aussage noch als Ungeheuerlichkeit. Inzwischen hat sich das geändert, denn Europas Schulden sind höher als je zuvor. Griechenland braucht dringend einen zweiten Schuldenerlass, Portugal ebenfalls. Seit Beginn der angeblichen Rettungsaktionen hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage in beiden Ländern dramatisch verschlechtert.

Als ich 2011 den Satz von der drohenden Schuldenknechtschaft schrieb, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gerade in einem Videopodcast ihre Griechenland-Politik verteidigt und mitgeteilt, sie wolle einfach keinen „unkontrollierten Bankrott eines Landes zulassen“. Was sie meinte, aber nicht offen aussprechen wollte, war: Sie wolle nicht zulassen, dass all die Banken in Frankreich und Deutschland, die Griechenland in verantwortungsloser Art und Weise Milliardenkredite verkauft hatten, für diese Verantwortungslosigkeit bestraft würden. Sie wollte die Banken retten und die Täter schützen, die für ihr Tun mit Millionen schweren Bonuszahlungen auch noch fürstlich belohnt wurden.

Sklaven politischer Schulden

Für diese Politik gewannen Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble die SPD-Troika Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, die Grünen-Spitze um  Jürgen Trittin, Claudia Roth und Cem Özdemir und natürlich die FDP-Führung von Rainer Brüderle bis hin zu Guido Westerwelle. Gemeinsam gaben sie im Namen des deutschen Steuerzahlers und zu seinen Lasten bereitwillig Garantien in Milliardenhöhe. Sie taten dies, obwohl sie wussten, dass diese Zusagen im Garantiefall nur mit der Aufnahme neuer Schulden geleistet werden können.

Sie verpfändeten die volkswirtschaftliche Leistung zukünftiger Generationen. So leichtsinnig, wie zuvor die deutschen und französischen Banker die Einlagen ihrer Kunden aufs Spiel gesetzt hatten, so unseriös nahmen die Politiker nun die Steuerzahler für dieses ruinöse Verhalten in die Pflicht. Sie degradierten sie auf Jahrzehnte hinaus zu Sklaven ihrer Schuldenpolitik.

Keinen Cent zurückgelegt

Gleichzeitig trafen sie weder in Deutschland noch in den bereits überschuldeten Ländern Südeuropas Vorsorge für die soziale und wirtschaftliche Lage der Menschen. In Absprache mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) diktierten sie den Griechen, Portugiesen und Spaniern drakonische Sparprogramme, unter denen die Wirtschaft und die Sozialsysteme kollabierten und einer ganzen Generation junger Leute die Existenzgrundlage entzog. Ein Viertel der Menschen im erwerbsfähigen Alter sind ohne Arbeit, bei den jungen Leuten sind es mehr als die Hälfte. Die medizinische Versorgung ist eingeschränkt, die Einkommen derjenigen, die noch Arbeit haben, sinken bei steigender Steuer- und Abgabenlast. Mit der unter der Führung Deutschlands betriebenen Krisenpolitik ist die Not in die kapitalistischen Gesellschaften zurückgekehrt.

Bankenplatz Frankfurt am Main / Quelle: Wikipedia/Wolfgang Pehlemann

Bankenplatz Frankfurt am Main / Quelle: Wikipedia/Wolfgang Pehlemann

Vorerst ist sie nur in Südeuropa spürbar, doch bald schon dürfte sie ihren Weg nach Deutschland finden. Denn dieselben Politiker, die leichtfertig deutsche Garantien für eine katastrophale Krisenstrategie gaben, liefern ihrer Bürger schutzlos den Folgen dieser Politik aus. Obwohl die deutsche Wirtschaft in den vergangen Jahren gut verdiente und der Staat mehr Steuern einnahm als jemals zuvor, haben diese Politiker keinen Cent für die drohenden schweren Zeiten zurückgelegt.

Alter in Armut

Übrigens wäre das auch ohne zusätzliche Lasten durch die Krise nötig gewesen. Denn die deutsche Gesellschaft überaltert. In wenigen Jahren wird die Zahl der chronisch Kranken und Pflegebedürftigen doppelt so hoch sein wie heute. Immer weniger Arbeitnehmer müssen dann die steigenden Sozialabgaben finanzieren. Gleichzeitig sollen sie das Milliarden-Loch stopfen, das durch rapide steigende Pensionsleistungen entsteht, für die es keinerlei Rücklagen gibt. Schon das scheint unmöglich, doch jetzt kommen noch die hohen Schulden der Krise hinzu.

Was heißt das für die Zukunft? Deutschland wird sich radikal verändern. Das heutige Niveau in der medizinischen Versorgung und in der Pflege könnte  es für breite Schichten der Gesellschaft nicht mehr geben. Bei der Rente dürften den Deutschen schmerzhafte Kürzungen in Größenordnungen drohen, wie sie die Bürger Südeuropas bereits erfahren. Folglich werden auch zukünftige Rentner, die heute noch gut verdienen, ihr Alter in Armut verbringen, wenn es ihnen nicht gelingt, die Rente aufzubessern. Vieles spricht dafür, dass die Beamten, die in zehn Jahren aus dem Dienst ausscheiden, nicht mehr die Pension bekommen werden, die ihnen einst zugesichert wurde.

Griechische Verhältnisse in Deutschland

Gleichzeitig werden Steuern und Abgaben sprunghaft steigen, damit der Staat die Schulden der Krise tilgen kann. Insgesamt also sinken die Einkommen und der Lebensstandard spürbar. Unter diesen Bedingungen wird auch die Wirtschaft leiden und so die Situation insgesamt noch einmal verschärfen. Mittelfristig drohen den Deutschen folglich Verhältnisse, unter denen die Menschen in Griechenland und Portugal schon seit zwei Jahren leiden.

Bis heute hat die Politik die Bundesbürger darauf nicht vorbereitet. Im Wahlkampf spielt die Thematik keine Rolle. Die Bundesregierung und mit ihr die Spitzen von SPD und Grünen verweigern die Verantwortung für das, was sie getan und für das, was sie durch ihr Handeln ausgelöst haben. Sie liefern die Bürger Veränderungen aus, die eine Mehrheit zu Verlierern machen dürfte und deshalb unkalkulierbare Reaktionen hervorrufen können. In ganz Europa drohen Wohlstandsverlust und eine Zunahme von sozialem Leid.

Ende im Chaos

Eine Politik, die sich dieser Entwicklung heute nicht stellt und den Bürgern die Wahrheit verweigert, hat allen Grund die Zukunft zu fürchten. Denn sollte der Euro als Gemeinschfswährung kollabieren, also unkontrolliert zusammenbrechen, wird es noch schlimmer kommen. Dann dürfte dieses Europa wohl sogar im Chaos enden, das nicht nur die Finanzarchitektur, sondern auch die politschen Strukturen hinwegfegt und Millionen  Menschen unvorbereitet in eine Existenz bedrohende Lage stürzt. So etwas kann  Kontrollverluste nach sich ziehen, die  in einem nicht mehr steuerbaren Konflikt münden. Jahre dürften vergehen, bis eine neue tragfähige Ordnung hergestellt ist.

 

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel