Europa fürchtet die Rückkehr seiner Dschihadisten aus Syrien

Aus den europäischen Brutstätten des Terrorismus strömen extremistische junge Muslime in den Kampf nach Syrien. Die Polizei fürchtet, dass sie das, was sie auf dem Schlachtfeld in Syrien lernen, bald in Europa praktizieren werden, schreibt SEBASTIAN ROTELLA*.

Rachid Wahbi aus einem spanischen Slum nach Syrien und hetzte auf seinen Tod zu.
Und er hatte nicht vor, allein zu sterben.
Stunden vor dem Ende stellte sich der bärtige 33-jährige Taxifahrer vor die Kamera. Er trug eine schwarze Kopfbedeckung, eine schwarze kugelsichere Weste und ein AK-47-Gewehr. Er sprach zögerlich in klassischem Arabisch mit einem nördlich-marokkanischen Akzent. Er sagte, er habe sein Ziel studiert und, so Gott will, würde sein Vorgehen im Triumph enden. Er wünschte seinen Mitstreitern in der al-Nusrah Front, dem syrischen Zweig von al-Qaida, „die Herrlichkeit des Martyriums“.
Als der Kameramann nach seiner Mutter fragte, wurde der Spanier emotional. „Ich möchte meiner Mutter danken, weil sie mich inspiriert“, sagte Wahbi laut einer Übersetzung der spanischen nationalen Polizei. „Mutter, du musst glücklich sein, denn Gott wird Dich belohnen.“
Das al-Nusrah Propaganda-Video zeigt Wahbi, wie er in der Uniform eines syrischen Soldaten verkleidet einen Kameraden umarmt und in einen Lastwagen voller  Sprengstoff klettert. Der LKW rast auf einen Außenposten der Armee zu. Es kommt zu einer donnernden Explosion. Dann steigt eine Rauchsäule gen Himmel, die aus mehreren Kameraperspektiven zu sehen ist.

Polizei stürmte Ghetto
Spanische Behörden sagen, Wahbi tötete mit diesem Selbstmordanschlag auf die al-Nairab Militärbasis im Norden Syriens am 1. Juni des vergangenen Jahres 130 Menschen. Und die Zahl der Selbstmordattentäter nimmt zu. Fünf weitere spanische Gotteskrieger haben in Syrien mit drei Bombenanschlägen weitere 100 Menschen getötet, sagt die Polizei.

Im vergangenen Monat stürmten spanische Polizisten das Ghetto in Ceuta, einem spanischen Territorium in Nordafrika, , wo Wahbi einst lebte. Die Beamten verhafteten einen Ring von Extremisten, die nicht weniger als 50 Kämpfer nach Syrien schickten. Ihr Anführer war nach einer Anzeige wegen der Planung von Anschlägen auf Ziele in Spanien gemeinsam mit einer al-Qaida nahe stehenden Gruppe und einen ehemaligen Guantanamo-Häftling freigesprochen worden.
„Der globale Dschihad hat den syrischen Konflikt zu seinem wichtigsten Schlachtfeld erklärt“, sagt ein Top-Agent des spanischen Geheimdienstes. „Und er hat seine Gruppierungen angewiesen, Kombattanten in die Zone zu schicken. Was uns Sorgen macht, ist, dass diese Erfahrung ihnen als Ausbildung und Vorbereitung für Anschläge dienen könnte, die sie nach ihrer Rückkehr in ihre europäischen Ländern zu Hause verüben.“

Terror-Migranten stören Washingtons Pläne

Hunderte von Europäern und Tausende von anderen sunnitischen Kämpfern aus dem Ausland haben Syrien zum neuen Land des Dschihad gemacht. Diese Migration erschwert das Kalkül der Regierungen in Washington und in den europäischen Hauptstädten, die Rebellen der zerstrittenen Koalition in Syrien zu unterstützen. Europäische Sicherheits-Chefs sehen den Extremisten-Fluss von und aus Syrien als ihre Top-terroristische Bedrohung an. Sie haben zudem Bedenken, dass die europäischen Kämpfer radikalisiert aus dem syrischen Konflikt zurückkehren und amerikanische Ziele in Übersee ins Visier nehmen könnten.
„Stellen Sie sich vor: Zwischen 2001 und 2010 haben 50 Dschihadisten identifiziert, die von Frankreich nach Afghanistan gingen,“ sagt ein hochrangiger französischer Antie-Terror-Experte. „Es waren sicherlich mehr, aber wir identifizierte 50. Im Zusammenhang mit Syrien haben wir in einem Jahr bereits 135 identifiziert.“

Die Zahlen im benachbarten Belgien, das nur ein Sechstel der Größe Frankreichs misst, sind noch höher. Zwischen 100 und 300 Dschihadisten sind naxh Angaben eines erfahrenen belgischen Anti-Terror-Spezialisten aus den Enklaven belgischer Extremisten nach Syrien gezogen. Andere bedeutende Kämpferkontingente stellen Großbritannien, Dänemark, die Niederlande, Kanada, Zentral-Asien, Libyen, Tunesien und Saudi-Arabien. Der französische Terror-Experte schätzt die Gesamtzahl der in Syrien kämpfenden Europäer auf mindestens 400. Andere sagen, es könnte auch doppelt so viele sein. Genaue Zahlen seien schwer zu ermitteln.

Der Phänomen ausländischer Kämpfer in Syrien „ist eines der Dinge, die europäischen Behörden die größten Sorgen bereiten,“ sagt Italiens Verteidigungsminister Mario Mauro in einem Interview.

Konvoi der Märtyrer

Die Gesamtzahl der Rebellen – Syrer und Ausländer, ständige und gelegentliche Kämpfer – geht in die Zehntausende. Schätzungen, die auf Interviews mit amerikanischen und europäischen Beamten und Experten basieren, reichen von 60.000 bis über 100.000 Eine kürzlich bekannt gewordener privater Bericht untersucht die Rolle der sunnitischen ausländischen Kämpfer, die aus der ganzen muslimischen Welt gekommen sind, um gegen das Regime von Bashir Assad und seine mächtigen schiitischen Verbündeten, Hisbollah und Iran, zu kämpfen. Demnach stellen ausländische Kämpfer bis zu zehn Prozent der Rebellen. Die Studie mit dem Titel „Konvoi von Märtyrern in die Levante“ stützt sich unter anderem auf Online-Todesanzeigen von Militanten und wertet die sozialen Netzwerke aus.

Erschienen ist der Bericht im vergangenen Monat bei Flashpoint Partners, einer New Yorker Sicherheits-Firma, und dem Washington Institute für Nahost-Politik, einer Denkfabrik, die israelischen Ansichten teilt. Der Bericht zieht einen Vergleich mit früheren Konfliktherden, die Extremisten angezogen: Afghanistan, Pakistan, Irak, Jemen.

„Letztlich kann der Konflikt in Syrien als die drittgrößte Mobilisierung ausländischer Mudschaheddin seit den frühen 1980er Jahren gewertet werden, knapp hinter Afghanistan in den 1980er Jahren und Irak während des letzten Jahrzehnts“, schlussfolgert die Studie. „Die Mobilisierung vollzog sich atemberaubend schnell. Was in Irak auf dem Höhepunkt der US-Besatzung sechs Jahre dauerte, gelang in Syrien in der Hälfte der Zeit.“

Rolle der Türkei

Syrien ist ein vertrauter Boden, der einst als Drehscheibe für Kämpfer auf dem Weg in den Irak diente. Es ist näher und besser zugänglich zu Europa als andere Dschihad-Ziele: Militante reisen auf dem Luft-oder Landweg in die Türkei, wo Schmuggler sie über die Grenze schleusen. Sie werden kaum durch Behörden der Türkei gestört, die ein wichtiger Sponsor der syrischen Rebellen ist.

Trotz der Heftigkeit des Bürgerkrieges, bieten syrische Städte den ausländischen Freiwillige bessere Lebensbedingungen als die al-Qaida-Lager in Pakistan, Somalia und Mali. Die sich immer weiter verbessernde Internet- und Handy-Technologie ermöglicht es Kombattanten, ihre Taten herauszuposaunen und in engem Kontakt mit Kameraden zu Hause zu bleiben.

„Es gibt Leute, die ihre Facebook-Seiten von Syrien aus regelmäßig aktualisieren „, sagt Claudio Galzerano, der Chef der internationalen Terror-Einheit der italienischen Polizei in Rom. Im Übrigen sei der Kampf in Syrien sehr populär. Viele Sunniten und Nicht-Muslime betrachteten ihn als Kreuzzug gegen einen brutalen Diktator, der chemische Waffen benutzte, um sein Volk abzuschlachten. Die Obama-Regierung und die europäischen Regierungen unterstützen die syrische Opposition und die Oberste Heeresleitung, die die Freie Syrische Armee und andere relativ moderate Gruppen befehligt. Die Studie „Der Konvoi der Märtyrer“ schreibt, der „arabische Frühling motiviert pro-demokratischen revolutionären Eifer“ und führe dazu, dass sich die ausländischen Freiwilligen lieber der Freien Syrischen Armee anschlössen anstatt sich den extremistische Rebellen-Einheiten zuzuwenden.

Die Opfer des Krieges / Foto: GEOLITICODie Opfer des Krieges / Foto: GEOLITICO

Die Opfer des Krieges / Foto: GEOLITICO

Dennoch sagen europäische Anti-Terror-Beame, säkulare Idealisten seien eine Minderheit unter den ausländischen Kämpfern. Die altbekannten anti-westlichen al-Qaida-Netzwerke in Europa und der muslimischen Welt seien nun in Syrien. Und manchmal würden sie von denselben Chefs wie in vergangenen Konflikten geführt. Viele ausländische Rekruten gehen zu al-Nusrah oder in den  Irak, also zu al-Qaida-Verbündeten, die einige der härtesten Kämpfer stellen. Zwischen diesen sunnitischen islamistischen Gruppen komme es Konflikt mit anderen Rebellengruppen über die Frage, ob sie den Dschihad über die Grenzen Syriens hinweg ausweiten sollten.

Gewaltiges Risiko

Europäische Polizei befürchten, dass gut ausgebildete, kampferprobten Veteranen aus Syrien zurückzukehren und dann auf eigene Faust oder auf Befehl terroristischer Anführer beschließen, den Krieg fortzusetzen. Westliche Politiker wollen die Stärkung der Extremisten auf jeden Fall verhindern. Als die Europäische Union im Mai ein Waffenembargo gegen die Rebellen beendete führte sie ihre Bedenken an, dass die Waffen am Ende in die falschen Hände fallen könnten.

„Es besteht ein gewaltiges Risiko“, sagt Stefano Dambruoso, ein italienischer Abgeordneter und ehemaliger Top-Anti-Terror-Staatsanwalt. „Eine Situation wie in syrien, die außer Kontrolle geraten ist, ist wirklich sehr gefährlich. Italien unterstützt die Aufrechterhaltung des Embargos, weil wir wirklich nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben. Die Rebellen sind noch nicht eindeutig erkennbar. „

Dambruoso kennt sich aus. Von Mailand aus leitete er in den frühen 2000er Jahren die Ermittlungsverfahren gegen führende al-Qaida-Mitglieder, die in Anschlagspläne in Europa und nur zwei Tage vor 9/11 in die Ermordung von Ahmed Shah Massoud in New York verwickelt waren. Er war ein legendärer Anti-Taliban-Kommandeur in Afghanistan.

In mehreren Fällen war die tunesische Dschihad-Gruppe in Italien beteiligt, die Teil der Terror-Koalition von al-Qaida ist. Einige italienische Zellen schickten Rekruten über Syrien in den Irak. Schlüssel-Aktivisten wurden von der italienischen Polizei verhaftet und landeten in tunesischen Gefängnissen, nachdem sie bereits einen Teil ihrer Strafe in Italien verbüßt hatten.

Nachschub aus Tunesien

Nach der tunesische Revolution im Jahr 2011 erlaubte die neue Regierung den verurteilten Terroristen die Gründung der radikal-islamischen Partei, Ansar al-Sharia. Sie wird von Seifallah Ben Hassine geführt, der einer der Gründer der tunesischen Kampfgruppe und ehemaliger Verbündeter von Osama bin Laden ist geführt. Das geht aus Dokumenten von europäischen Antiterror-Beamten und der UN hervor. Europäische Ermittler sagen, seine Partei rekrutiere Gotteskrieger und schicke sie aus den Lagern im Süden Tunesiens an die syrische Front. Tunesier stellen 16 Prozent der ausländischen Kämpfer in Syrien. Sie sind die zweitgrößte Gruppe.

„Das ist eines unserer wichtigsten Anliegen“, sagt Galzerano, der italienische Polizei- Chef. „Sie schicken eine Menge Tunesier nach Syrien. Jeder ist bei den  Rebellen willkommen. Auch diejenigen, die wenig Kenntnisse oder Erfahrung haben.“

Syrien ist auch aus einem anderen Grund für angehende Gotteskrieger attraktiv: Es dient als Zuflucht vor Strafverfolgung. Einige Europäer, die sich in Syrien aufhalten, gelten in ihren Heimatländern als echte Bedrohung. Ein anschaulicher Fall aus Frankreich: Im vergangenen September warf jemand eine Handgranate auf ein koscheres Lebensmittelgeschäft in einem Vorort nördlich von Paris und verletzte eine Person. DNA-Spuren auf der Granate führten die französischen Ermittler zu einem bekannten islamischen Radikalen und enttarnte ein gefährliches Netzwerk in drei Städten.

Tod im Kugelhagel

Als ein Team der  Polizei Strasbourg in die Wohnung des mutmaßlichen Anführer eindrang, einem zum Islam konvertierten Mann französisch-karibischer Abstammung, eröffnete er das Feuer und starb in der anschließenden Schießerei, so die Behörden. Bei ein Dutzend Verhaftungen entdeckte die Polizei einen Vorrat an Sprengstoff, darunter Schnellkochtopf-Bomben wie sie beim Attentat auf den Boston-Marathon eingesetzt worden waren.
„Wir fanden heraus, dass eine Serie von Angriffen planten, unter anderem mit Autobomben“, sagt der französische Anti-Terror-Beamte. „Nach den Angriffen wollten sie nach Syrien fliehen und dort kämpfen. Drei von ihnen gelang es, nach Syrien zu entkommen.“

Die drei Flüchtigen seien zur al-Nusrah gegangen. Einer sei im Kampf gegen das syrische Militär schwer verwundet worden.

Westliche Ermittler verfolgen die Kommunikation und Reisen von ausländischen Kämpfern, die den Westen genau so hassen wie sie Assad hassen und deren Gewaltbereitschaft und ihr Kontakt zu al-Qaida erweisen scheint, sehr genau.

Foto: GEOLITICO

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„Wir hören die drohende Rhetorik in den aufgefangenen Nachrichten“, sagt ein Polizei-Chef. Die Anwesenheit einer Minderheit von islamistischen Terroristen im syrischen Aufstand stellt die Sicherheitskräfte vor ein große Probleme. Ein Denkschule fordert Zurückhaltung, um die Schaffung eines Monsters zu vermeiden, das mit den US-gestützten Islamisten vergleichbar ist, die die Sowjets in den 1980er Jahren in Afghanistan bekämpften und sich dann in al Qaida verwandelten. Andere hingegen glauben, der Westen könnte die syrische Rebellenbewegung stärker beeinflussen, wenn er sich stärker engagiere.

Ein ehemaliger CIA-Antiterror-Chef argumentiert in die zweite Richtung. Autor Charles (Sam) Faddis diente in Südasien und im Nahen Osten, wo er geheime CIA-Operationen im Irak plante, welche der US-Invasion im Jahr 2003 vorangingen. Er kommuniziert regelmäßig mit den Führern der Freien Syrischen Armee und denkt, dass die Unterstützung des Westens „zu gering“ ist und „zu spät“ kommt.

Der Mann der CIA

„Ich bin der erste Mann, der mit den Neocons (neo-konservativen Republikaner in Washington) einig war, das wir uns überall engagieren sollten,“ sagt Faddis. „Ich bin gegen die Entsendung amerikanischen Truppen dorthin, und ich bin gegen eine Flugverbotszone. Aber unser Ansatz war kurzsichtig. „

Es besteht die reale Gefahr eines Rückstoßes gegen den Westen, sogar von einer relativ kleinen Anzahl von ausgebildeten  Kampf-Veteranen, sagt Faddis. Aber er kritisiert die Obama-Administration dafür, dass er der Freien Syrischen Armee nicht schnell genug geholfen habe.
„Wir haben es zugelassen, dass Extremisten von überall her dort einschwärmten“, sagt er. „Jetzt haben sie großen Einfluss, weil wir uns nicht entsprechend beteiligt haben. Wir müssen dorthin, das Gelände sondieren und herauszufinden, wie wir arbeiten können.“

Im vergangenen Monat genehmigte Präsident Obama die Bereitstellung von Kleinwaffen und die Ausbildung der syrischen Rebellen. Die US-Regierung ist bemüht, die Pro-demokratischen-Kräfte zu unterstützen und al-Nusrah zu verhindern, die die USA als terroristische Gruppe eingestuft haben.

„Wir bleiben zutiefst besorgt über den gewalttätigen Extremismus dort besorgt“, sagt ein Beamter des US-Außenministeriums, der ungenannt bleiben will, weil er nicht berechtigt ist, öffentlich zu sprechen. „Wir unterscheiden zwischen denen, die in der Opposition ein moderates, demokratisches Syrien anstreben und denjenigen, die versuchen, es zu entführen. Wir machen den bewaffneten Oppositionsführern, die sich nicht zu diesen extremistischen Idealen bekennen, klar, wie wichtig die Isolierung der Extremisten ist, damit diese Ideale in dem Syrien, für das sie kämpfen, keine Wurzeln schlagen können.“

Die USA haben 250 Millionen Dollar Unterstützung für die Rebellen und 815.000.000 $ an humanitärer Hilfe für die vom Konflikt Betroffenen bereitgestellt, teilte das State Department mit. In den von Rebellen kontrollierten Gebieten versuchen die USA der demokratischen Opposition zu helfen, indem sie die lokalen Regierungen sichern und Material wie Lkws, Kommunikationstechnik und Computer bereitstellen. US-Beamte überprüfen die Empfänger, damit die Hilfe nicht in die Hände von Extremisten gelang, sagt der Vertreter des Außenministeriums.

Hilfloses Europa

„Die Sicherheitsüberprüfung an Ort und Stelle ist wichtig, weil Gruppen wie al-Nusrah versuchen, die Dinge abzufangen“, sagt der Beamte. „Darum dauert es manchmal etwas länger.“
In Europa ist es für die Behörden schwierig, die mutmaßlichen Dschihadisten zu verfolgen und zu identifizieren, wenn sie aus Syrien zurückkehren. Einige bekannte Extremisten beharren darauf, dass sie in der Freien Syrischen Armee kämpften, und weisen empört darauf hin, dass diese schließlich die Unterstützung von Präsident Obama, Präsident François Hollande und anderen habe. Bei der Strafverfolgung gingen die Richter mit Angeklagten skeptischer um als einst mit den Rückkehrn aus Afghanistan oder dem Irak, sagen Antiterror-Beamte.
Gerichte in Europa haben es oft schwer, genügend Beweise gegen islamische  Extremisten zu finden, wenn ihre angeblichen Verbrechen auf ideologischer Tätigkeit oder im Kampf im Ausland beruhen.

Foto: GEOLITICO

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Raphael Gendron ist ein Beispiel. Ende 2008 verhaftete die italienische Polizei Gendron, einen Franzosen mit Wohnsitz in Belgien, und Bassam Ayachi, einen syrisch-belgischen Imam, in einem Camping-Fahrzeug, das von einer Fähre aus Griechenland in Bari kam. Die Polizei entdeckte fünf illegale Einwanderer und eine Fundgrube von Dschihad-Propaganda im Fahrzeug.

Im Jahr 2006 war Gendron wegen Anstiftung zu Hass und Gewalt gegen Juden durch Internet-Propaganda in Belgien verurteilt worden. Ayachi hatte in Brüssel die Ehe des tunesischen Selbstmordattentäters geschlossen, der später in Afghanistan Massoud tötete, sagen Ermittler. Beide hatten langjährige Verbindungen zu Netzwerken, die in Terror-Plots verwickelt waren und Dschihadisten nach Bosnien, Afghanistan, Pakistan und den Irak geschickt hatten, sagen Ermittler und italienische Gerichts-Dokumente.

Ein italienisches Gericht verurteilte den Duo als Mitglieder von al-Qaida, aber ein Berufungsgericht hob das Urteil im letzten Jahr auf. Gendron ging nach Syrien und schloss sich der Rebellengruppe Bataillon von Ayachi’s Sohn, einem Veteran des belgischen Militärs, anzuschießen, sagen belgische Ermittler. Im April starb der 37-jährige Gendron im Kampf in der Nähe von Homs, Syrien.

In der Vergangenheit reisten die meisten, die al-Qaida-ähnlichen terroristische Anschläge gegen den Westen verdächtig wurden, in dschihadistische Ausbildungslager. Und viele waren Europäer oder verbrachten Zeit in Europa. Die Kampfzonen und Trainingsstätten von Pakistan und Afghanistan erzeugt einen Strom von Militanten, die den Westen angreifen wollten – von den Attentätern des 11. September bis hin zum gescheiterten Times-Square-Bomber im Jahr 2010.

Auch wenn sich aus dem Irak keine konkrete Gefahr für den Westen ergab, so trug er sicher zur Radikalisierung bei. Aber einige europäische Dschihadisten, die aus dem Irak zurückkehrten, erzählte den Ermittlern, dass trotz ihres Eifers, in einem Kriegsgebiet zu kämpfen, niemals Gewalt gegen Zivilisten zu Hause verüben würden.

Die Festung des Extremismus

Der Hintergrund der ausländischen Freiwilligen bestimmt darüber, wie sie von den syrischen extremistischen Gruppen aufgenommen werden, sagen Ermittler.

„Wir sehen ein bisschen von allem in dem Profil der Rekruten,“ sagt der spanischen Top-Geheimdienstmitarbeiter. „Es gibt Leute, die eindeutig mit al-Qaida oder deren Tochtergesellschaften verbunden sind. Dann gibt es Menschen, die keinen Zusammenhang mit irgendetwas haben. Das sind Akteure, die sich für den Kampf in Syrien inspiriert fühlen.“
Militante mit nützlichen Fähigkeiten, etwa Mediziner oder Computer-Experten, werden au s den Kämpfen herausgehalten, sie bekommen Unterstützer-Aufgaben. Männer mit militärischer Erfahrung kommen in die Einheiten an der Front.

Diejenigen, die wenig zu bieten haben, enden schnell als menschliche Bomben.
Wahbi, der spanische Selbstmordattentäter, starb bald nach seiner Ankunft in Syrien. Er hatte keine Vorstrafen. Der Mann, der auch als Rachid Mohamed bekannt war, ernährte Frau und Kinder mit seinem weißen Mercedes-Taxi in Ceuta, einer der beiden spanischen Städte an der marokkanischen Küste. Seine überwiegend muslimische Nachbarschaft, als El Principe bekannt, ähnelt einer brasilianischen Favela oder einer nordafrikanische Kasbah: Der Slum erstreckt sich über eine Schlucht in der Nähe der marokkanischen Grenze und dient als eine Festung für die organisierte Kriminalität und den islamischen Extremismus.

Im Jahr 2006 durchsuchten 300 Polizisten das spanische El Principe, es sollte eine Machtdemonstration der Strafverfolgungsbehörden gegenüber der rauen Topographie und Feindseligkeit sein. Die Polizei brachte 11 Verdächtige auf, die, der Zugehörigkeit zu einer Al-Qaida-Gruppe beschuldigt wurden, die angeblich einen Angriff auf eine Militärbasis und einen Festplatz in Ceuta plante am Dschihad in Irak oder Afghanistan teilnehmen wollte. Unter den Verdächtigen waren einer angeklagte Ideologe namens „Marquitos“ und zwei Brüder eines Spaniers, der einmal in der US-Basis Guantánamo Bay inhaftiert war.

Route über Istanbul

Allerdings bekam die Staatsanwaltschaft Probleme, als aus den Ermittlungen Beweise vorlegen sollte und dann die Aussagen von zwei geschützten Zeugen präsentierte. Der Prozess endete im vergangenen Jahr mit Freisprüchen. Es gab Klagen in den Medien und muslimischen Gemeinschaften, dass unschuldige Männer vorverurteilt worden seien.

Spanisch Staatsanwälte haben jetzt eine Anklage eingereicht, in der sie behaupten, der Angeklagte habe seine ideologische Führungsrolle in der islamischen Unterwelt Ceutas nie aufgegeben. Nach Ausbruch des Krieges in Syrien im Jahr 2011 soll Marquitos angeblich  Männer aus Ceuta und dem benachbarten Marokko für den Dschihad rekrutiert haben, sagen spanische Geheimdienstler.

Der Taxifahrer und zwei Freunde waren demnach unter den ersten Rekruten. Sie reisten im April des vergangenen Jahres; sie flogen Malaga und Madrid nach Istanbul, wo Schmuggler ihnen über die Syrien halfen und zu al-Nusrah brachten.

„Sie waren nur sehr wenige Tage in Syrien“, sagte Wahbis Witwe, Sanaa, der Zeitung El País. „Vielleicht nicht einmal eine Woche. Während der Fahrt, die anderthalb Monate dauerte, kommunizierte er mit uns per Messenger (Internet-Chat). Sie waren eine ganze Weile in der Türkei, weil Damaskus scheinbar nicht erreichen konnten. Als sie in Syrien angekommen waren, rief er uns an. Aber er nannte uns keine Details von dem, was er tat. „

Der Dschihadi / Foto: GEOLITICO

Der Dschihadi / Foto: GEOLITICO

Wahbis Angriff war einer der tödlichsten in diesem Krieg. Die Polizei sagt, der Ring in Ceuta habe mindestens 20 bis 50 Rekruten auf dem gleichen Weg oder über Marokko nach Syrien geschleust. Die anspruchsvolle Operation enthielt die Kosten für die Reise Mittel für Witwen und Kinder der gefallenen Kämpfer. Polizei versuchen immer noch zu ermitteln, ob Geld aus kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel stammt.

Am 21. Juni startete Behörden eine weitere Razzia auf El Principe. Vierhundert Beamte der Polizei und der Guardia Civil nahmen daran teil, unterstützt von einem Hubschrauber, der über der dicht besiedelten Schlucht schwebte. Die Polizei nahm erneut Marquitos, der jetzt 39 Jahre alt ist, und sieben Komplizen fest. Sie warten auf ihren Prozess.

Die Polizei glaubt, dass der heimliche Strom aus europäischen Brutstätten des Terrorismus nach Syrien weiter anhält.

„Es gibt zwei Kategorien“, sagt ein spanischer Geheimdienstmitarbeiter, der wegen der laufenden Untersuchung ungenannt bleiben will. „Diejenigen, die beabsichtigen, schnell bei einem Selbstmordanschlag zu sterben. Und es gibt diejenigen, die am Akt des Dschihad teilhaben wollen, ein großes Risiko eingehen, um Kontakte, Ausbildung und Erfahrung zu erwerben. Sie wollen kämpfen, um zu überleben und zurückzukehren. Das sind diejenigen, die uns am meisten Sorgen. „

 

*Hier geht`s zur Autorenseiten von Sebastian Rotella

 

GEOLITICO übernimmt diesen Text von der Internetseite ProPublica.