Gegen Banker versagen die gesellschaftlichen Kräfte
Gegen Banker versagen die gesellschaftlichen Kräfte

Gegen Banker versagen die gesellschaftlichen Kräfte

Es ist heute wie vor hundert Jahren: Banker brauchen kein Vaterland, verachten das Volk und ihre Politiker und verschanzen sich hinter zaunbewehrten, privat gesicherter „Colonias“, wenn das Chaos explodiert. Wer kann sie stoppen?

 

Eine notwendige Vormerkung ist am Anfang dieses Beitrags angebracht: Es gibt eine Menge von Menschen im Bankgewerbe, die nicht in den obersten Etagen von Investmentbanken arbeiten, die weiter unten redlich ihren Job tun, Kreditanträge gewissenhaft prüfen, damit sich ihre Kunden nicht in ein unkalkulierbares Abenteuer stürzen, die den Leuten keine fragwürdigen Finanz-Produkte aufschwatzen und die auch nicht davon überzeugt sind, dass sie Gottes Werk verrichten.

Diese Leute sind nicht mit Boni überhäuft und haben auch noch klare Grundsätze darüber, was geht und was nicht. Das sollte vorab gesagt sein, denn die Leute, von denen jetzt die Rede ist, nämlich einem Teil der Manager und ihrer Handlungsgehilfen in den oberen Etagen der Banken, sind in der Tat unerträglich.

Aggressive Kreditvergabe

Aufregung gab es um einen bezeichnenden Vorgang. Ende 2008 musste die irische Bank Anglo Irish Bank, von irgendwelcher staatlichen Aufsicht bislang wohl nicht groß behelligt, vom irischen Staat gerettet werden. Durch diese Rettung und die Rettung weiterer Banken geriet auch Irland, das selbst bis dahin nicht zu hoch verschuldet war,  in finanzielle Schieflage, so dass Irland über ein Hilfspaket der Eurozonen-Länder seinerseits gerettet werden musste. Der Umfang des Hilfspakets betrug 17,7 Milliarden Euro (deutscher Anteil davon 5,1 Milliarden). Im Zuge der alternativlosen Rettungsschirmpolitik wurde das Geschäftsgebaren völlig unverantwortlicher und unfähiger Banker gestützt, damit es nicht – so die Dauerbegründung – zu einem unheilvollen Dominoeffekt im Weltfinanzsystem kommen möge.

Die Anglo Irish Bank war die Bank, die am aggressivsten Kredite vergeben hatte und die deshalb bis zur Halskrause im Schuldenmorast steckte. Deren Topmanager, so enthüllen nun Telefonmitschnitte, hatten für die Retter, insbesondere die Deutschen, nur Verachtung übrig. Der Chef der Bank, David Drumm, gab im Verlauf der Rettung einen dummdreisten Aphorismus von sich: „Neuer Tag, neue Milliarde“. Die deutschen Anleger werden als „Scheißdeutsche“ beschimpft.

Politiker sind die Blamierten

Weil die Bank mit der Garantie des irischen Staates für die Banken im Oktober versuchen wollte, Geld deutscher Anleger in die Pleitebank zu bekommen, war Deutschland offenbar im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Unter Lachen des Bankchefs Drumm wird z. B. in einem Telefongespräch vom Leiter des Kapitalmarktgeschäfts der Bank John Bowe die erste Strophe des Deutschlandlieds gegrölt. Dumm nur, dass es aufgezeichnet wurde, die Mitschnitte auch an eine Zeitung gelangten und somit die ganze Sache aufflog.

Werbung eines Hypothekenmaklers für Kreditnehmer mit geringer Bonität / Quelle: Wikipedia/Meisterkoch

Der deutsche Finanzminister Schäuble bezeichnete die Pleitebanker als „abgehobene Übermenschen“, denen man das Handwerk legen müsse. Die Bundeskanzlerin hatte nur Verachtung für sie übrig und sprach von einer Schädigung der Demokratie. Was sollen sie auch sonst sagen, letztendlich sind sie ja die Geldspender und damit die Blamierten.

Relativierung im Mainstream

Interessant ist, dass in manchen Berichten und Kommentaren des Mainstreams die Sache trotz geäußerter Empörung heruntergespielt wird. Im Manager-Magazin Online hieß es dazu:

„Das Gespräch der dusseligen Banker war aufgezeichnet worden, nachdem der irische Staat eine Soforthilfe für die Bank in Höhe von sieben Milliarden Euro bewilligt hatte.“

Diese Banker sind „dusselig“, so versucht uns das Manager-Magazin einzureden, sie sind nicht liebenswert blöd, sondern unerträglich dämlich, aber eigentlich sind sie ja Ausnahmen von der (sonst positiven) Regel. Und da sie so dusselig sind, sind sie auch nicht davor geschützt, zusätzlich noch kriminell zu werden, was den nicht so dusseligen Bankern ja nie passiert:

„Der ehemalige Bankchef David Drumm floh im Jahr 2010 in die USA, erklärte seinen persönlichen Bankrott und weigerte sich so, seine privaten Schulden bei der Anglo-Irish-Bank in Höhe von 8,5 Millionen Euro zurückzuzahlen.“

Meines Erachtens ist klar, wie die Argumentationslinie des Manager-Magazins läuft. Die Anglo Irish Bank ist so etwas wie die Achse des Bösen im Banksystem, man darf sie mit anderen Banken nicht vergleichen.

Kriminelle Schattengewächse

Auch ein Kommentar des Journalisten Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ Online versucht eilfertig, das Verhalten der irischen Banker einzugrenzen, wenn er fragt, wie die Leute auf die beleidigende Herablassung und unverschämte Selbstgefälligkeit irischer Banker reagieren sollen. Es bleibe doch nur Zynismus. Und weiter:

„Man ist doch überrascht, wie sehr sich einige Banker darum bemühen, dem Bild zu entsprechen, das sich die Öffentlichkeit seit Ausbruch der Finanzkrise von ihnen macht. (…).Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die goldenen Jahre der Finanzwirtschaft Schattengewächse hervorgebracht haben, die dem Klischee voll und ganz entsprechen; die sich auch noch lustig machen über diejenigen, die für ihr Versagen und ihre Machenschaften aufkommen müssen und die den Schaden haben.“

Was ist denn, wenn eine Verallgemeinerung des Bankerverhaltens, was die Oberschicht des Investmentbankings angeht, absolut gerechtfertigt wäre? Wenn es sich nicht um „einige“, sondern viele handelt? Geht es wirklich nur um Tölpel, „Schattengewächse“ und kriminelle Ausnahmen? Sollte Herr Frankenberger schon wieder vergessen haben, wie der Chef von Goldmann Sachs Blankfein seine eigene Arbeit einschätzt? Er verrichte Gottes Arbeit. Darin kommt Überheblichkeit und Größenwahn zum Ausdruck und das spiegelt sich auch in den Telefonmitschnitten der Anglo Irish Bank.

Raffkes in Nadelstreifen

Am deutlichsten spricht es der Journalist Müller-Vogg in der Bild Online aus, dass es sich hier nicht um Einzelfälle, sondern um ein Systemproblem handelt:

„Viele dieser Bank-Manager fühlen sich als ‚Masters of the Universe‘, als Herren der Welt. Ihre Institute betrachten sie als Instrument zur eigenen Bereicherung. Gern brüsten sie sich damit, wertlose Wertpapiere den Kunden anzudrehen.

Diese Raffkes in Nadelstreifen sehen in den Regierenden lediglich Hilfspersonal – zuständig für genehme Gesetze und die Drecksarbeit bei einer Bankenrettung.“

Viele sind nicht alle, aber es handelt sich auch nicht um Ausnahmen. Dieser Eindruck drängt sich auf und wird im Verlauf der Weltfinanzkrise immer stärker. Es geht um transnationale Strukturen, die sich gebildet haben. Hier ist die Rede von einer Gruppe von Menschen, die sich „global“ definiert und die deshalb im Grunde heimatlos ist. Diese Menschen bleiben lieber unter sich, sie haben keine feste Bindung mehr an die Bevölkerung der jeweiligen Herkunftsländer und haben Moralvorstellungen, die vom Eigennutz geprägt und allenfalls an der zur Zeit gültigen political correctness orientiert sind.

Banker brauchen kein Vaterland

Sollten in den Ländern in denen die Elite-Banker mit ihren Familien wohnen die sozialen Verhältnisse aufgrund eines immer größeren politischen und finanzwirtschaftlichen Chaos explodieren, dann verschanzen sie sich, wenn sie es nicht schon getan haben, hinter neuen zaunbewehrten und privat gesicherter „Colonias“ oder sie wechseln einfach in ein Land, in dem das Chaos noch nicht herrscht. Wem die Welt gehört, der kann sich überall niederlassen.

Bankenplatz Frankfurt am Main / Quelle: Wikipedia/Wolfgang Pehlemann

Karl Marx hat einst geschrieben, die Arbeiter hätten kein Vaterland, welches man ihnen nehmen könne. Wie auch immer. In unserer „Globalen Welt“ sind es die Finanz-Magnaten, der neue Hochadel oder die neue Nomenklatura des Planeten, die ein Vaterland gar nicht mehr brauchen. Da die Finanz-Magnaten in ihrer globalen Sicht für die gewählten Vertreter der Nationen und erst recht für die Bevölkerungen in diesen Nationen nur Verachtung übrig haben, glauben sie auch, sich nur noch gegenüber denjenigen verantworten zu müssen, die die Aktien ihrer Bank halten und die über die Vergabe von Boni entscheiden.

Globale Raubtiere

Es sind globale Raubtiere, die, um ein Wort Schopenhauers zu verwenden, nur solange unschädlich wie grasfressende Tiere sind, wie man ihnen einen Maulkorb umbindet, und genau in dieser Funktion hat die Politik versagt. Ein Hinweis auf die Richtigkeit solcher Überlegungen könnte sein, dass aus dem oberen Personalpool der Investmentbanken immer wieder „Königsboten“ ausgeschickt und in Positionen gesetzt werden, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken oder gefährlichen Entwicklungen in der Politik Herr zu werden. In Europa konnte man das in letzter Zeit bei den ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeitern bzw. -Beratern Draghi und Monti beobachten.

Es gibt einige Bücher, die das Thema „Banker und Bankenmacht“ intensiv beackert haben. Mögen Kompetentere als ich das Thema in den Blogs noch weiter vertiefen: Wie zum Beispiel eine bestimmte Schicht von Bankern zu einem moralisch verkommenen Haufen von Egomanen und Zynikern wurde, der außerdem offenbar über den Gesetzen steht bzw. sie gleich selbst formuliert? Warum die gesellschaftlichen Kräfte nicht ausgereicht haben, sich dagegen zu wehren? Warum die Politik bei der Bändigung der Banken generell nicht durchgegriffen hat? Warum die Prognosen über eine wirkliche Regulierung und Zähmung der globalen Bankelite im Grunde so schlecht sind?

Wie zu Weimarer Zeiten

An dieser Stelle soll hier nur noch ein thematisch passendes Gedicht eines überragenden Schriftstellers und Journalisten der Weimarer Republik angeführt werden: Erich Kästner.

Er ist vielen nur noch als Kinderbuchgautor präsent, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war er ein begnadeter Schreiber von zeitkritischen Artikeln, Gedichten und Kabarett-Texten. Viele seiner Gedichte haben die Zeit überdauert. Kästner soll als Kronzeuge dafür dienen, dass es auch schon vor fast 85 Jahren eindeutige Indizien gab, die auf eine verstärkte Verselbständigung und Abgehobenheit des Banksektors hindeuteten. Das Werk erschien (vielleicht nicht zufälligerweise im Jahr des Börsencrashs) 1929 in Kästners Gedichtband „Lärm im Spiegel“. In seinem „Hymnus auf die Bankiers“ benutzt Kästner noch das relativ gediegen klingende Wort „Bankier“, heute würde er sie auch schlicht „Banker “oder „Bankster“ nennen.

 

Erich Kästner: Hymnus auf die Bankiers

 

Der kann sich freuen, der die nicht kennt!

Ihr fragt noch immer: Wen?

Sie borgen sich Geld für fünf Prozent

und leihen es weiter zu zehn.

 

Sie haben noch nie mit der Wimper gezuckt.

Ihr Herz stand noch niemals still.

Die Differenzen sind ihr Produkt.

(Das kann man verstehn, wie man will.)

 

Ihr Appetit ist bodenlos.

Sie fressen Gott und die Welt.

Sie säen nicht. Sie ernten bloß.

Sie schwängern ihr eignes Geld.

 

Sie sind die Hexer in Person

und zaubern aus hohler Hand.

Sie machen Geld am Telefon

und Petroleum aus Sand.

 

Das Geld wird flüssig. Das Geld wird knapp.

Sie machen das ganz nach Bedarf.

Und schneiden den anderen die Hälse ab.

Papier ist manchmal scharf.

 

Sie glauben den Regeln der Regeldetri

und glauben nicht recht an Gott.

Sie haben nur eine Sympathie.

Sie lieben das Geld. Und das Geld liebt sie.

(Doch einmal macht jeder Bankrott!)

 

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