Juncker-Affäre besitzt Sprengkraft für die deutsche Innenpolitik

Es ist geradezu grotesk, wie deutsche Medien mit der Geheimdienstaffäre um Jean-Claude Juncker umgehen. Liegt es daran, dass der eigentliche Sprengstoff in Deutschland versteckt ist?

 

Im Schatten der Geheimdienstaffäre wird Luxemburgs Parlament aufgelöst. Die Medien berichten darüber, wie ein Gespräch zwischen Premier Jean-Claude Juncker und seinem Geheimdienst heimlich aufgezeichnet wurde – von seinem Geheimdienst. Dass es in diesem Gespräch um geheime NATO-Armeen in Europa ging, kommt in der deutschen Berichterstattung jedoch nicht vor.

Von Spiegel-Online bis zu den ARD Tagesthemen: Die deutschen Medien beschreiben mit Genuss, wie ein Gespräch Jean-Claude Junckers mit dem Geheimdienst heimlich aufgezeichnet wurde – vom Geheimdienstchef höchstpersönlich, der eine entsprechend präparierte Armbanduhr am Handgelenk trug. Es sei wie in einem Agentenfilm aus den 1970er Jahren gewesen, erfuhr der Zuschauer der ARD Tagesthemen.

Journalisten ohne Neugier

Aber worum ging es überhaupt in der Unterhaltung zwischen Premiere Juncker und seinem Geheimdienst? Mit etwas journalistischer Neugier hätten die „investigativen“ Reporter des Mainstreams dies leicht herausfinden können. Die deutschen Medien aber gehen dieser Frage nicht nach.  Die Antwort dazu war hier schon am 20. April zu lesen. Im Artikel “Der verschwiegene Prozess mit mysteriösen Spuren zum BND“ findet sich folgendes Zitat:

„Wie das ,Luxemburger Wort’ am Donnerstagabend aus zuverlässiger Quelle erfuhr, fand im Januar 2006 tatsächlich ein solches Treffen zwischen Premier Jean-Claude Juncker, Justizminister Luc Frieden, Srel-Chef Marco Mille und dessen Mitarbeitern André Kemmer und Frank Schneider statt – und dieses wurde ohne Wissen der Regierungsmitglieder aufgezeichnet. Thema der Unterredung war unter anderem eine mögliche Verstrickung zwischen Stay Behind und der Bommeleeër-Attentatsserie.“

„Stay Behind“-Armeen, auch „Gladio“ genannt, gab es während der Nachkriegszeit in ganz Europa – bis mindestens 1990. Diese von der NATO befehligten Armeen waren streng geheim und sollten im Falle einer sowjetischen Invasion die Kommunisten hinter der Frontlinie sabortieren. Die CIA und der britische Geheimdienst MI6 rekrutierte für diese Armeen hauptsächlich Rechtsextremisten und Antikommunisten.

Regierung antwortet nicht

Brisant: Diese Armeen wurden auch genutzt, um durch gezielte Terroranschläge Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen, wie zum Beispiel der Terroranschlag 1980 in Bologna/Italien.  Auch in Deutschland gab es diese Geheimarmeen der NATO. Dies wird der Öffentlichkeit aber bisher vorenthalten, auch Anfragen von Abgeordneten an die Regierung blieben bisher unbeantwortet. Diese Anfragen drehten sich um mögliche Verwicklungen dieser Geheimarmeen beim Oktoberfestattentat 1980 in München.

Der Prozess um die Bombenleger-Affäre befindet sich derzeit in der Sommerpause. Die Akten, die der Geheimdienst zu den Stay Behind-Armeen angelegt hatte, wurden von der Richterin beschlagnahmt. Zu erwarten ist genau das, was ich schon am 20. April vermutete: Die Bombe platzt in Luxemburg.

Hat das Schweigen zu den Stay Behind-Armeen in Deutschland spätestens dann ein Ende?

Weitere Texte von Björn Kügler finden Sie hier.

Sehen zum Thema auf GeoliticoVideo: Gladio – Nato-Geheimarmeen in Europa:

Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel