Das vergiftete Erbe der Wohlstandskinder

Sie leben ein Leben ohne Krieg in vollständiger sozialer Sicherheit und plündern dafür die Zukunft der nächsten Generation: die Babyboomer. Ein Nachruf auf die Wohlstandsära.

Babyboomer bei der Schluckimpfung 1960. /Quelle: Wikipedia/Bundesarchiv/ Löwe, Giso Babyboomer bei der Schluckimpfung 1960. /Quelle: Wikipedia/Bundesarchiv/ Löwe, Giso

 

Ja, wir haben ein geiles Leben: Fast 70 Jahre ohne Krieg auf eigenem Boden. Sichere Jobs für die meiste Zeit seit den 1940er Jahren. Dazu so viel Freizeit wie nie. Und so volle exotische Brot- und Fruchtkörbe wie in 1001 Nacht.

Nicht zu vergessen die Erbschaften von unseren Eltern. Schulden-finanziertes Wachstum. Die vielleicht beste Gesundheits-Versorgung, seit es unsere Spezies gibt. Auch noch freie Universitäts-Ausbildung. Und einen langen Immobilien-Boom. Wir sind die reichste Generation seit Bestehen der Menschheit. Und wir haben uns alles genommen, was zu greifen war.

Wir, die BABY BOOMER.

Das hat uns zur räuberischsten, verschwenderischsten, umwelt-schädlichsten, am meisten verschuldeten, giftigsten und auch meist parasitären Generation auf diesem Planeten gemacht.

Wir, die BABY BOOMER, haben viel von unseren Eltern geerbt – und unseren Nachfahren nichts gelassen: Vergiftete Umwelt, tobende Atmosphäre, Schulden ohne Ende. Und jetzt halten wir die Jungen auch noch von ihrer Zukunft ab.

Generationen- und Job-Apartheid

Wir arbeiten länger, weil wir so verschuldet sind, und halten sie von der verdienten beruflichen Zukunft ab. Wir haben eine Generationen- und Job-Apartheid eingeführt, die zum Himmel stinkt.

Mehr noch: Wir heizen die Atmosphäre gefährlich auf, wir räubern die Ozeane, leeren die Staatskassen auf Jahrzehnte – und höhlen die Institutionen aus, die diesem Wahnsinn noch entgegen steuern könnten.

Aus der freien Zivil-Gesellschaft lassen wir einen Überwachungsstaat reifen. Die Errungenschaften der größten europäischen Revolution werfen wir weg.

Wir kastrieren die Stärken Europas, die in der Vielfalt lagen (und liegen) und bauen eine Super-Behörde in Brüssel, die den Einheitsbrei mischt – ohne demokratische Legitimierung, mit viel zu hohen Kosten, mit Bürgerferne und privilegiertem Zugang für große Firmen.

Wir stehen kurz davor, die letzten Grund-Elemente, die wir zum Leben brauchen – Wasser, Gene, Luft und Lebensmittel – in privatwirtschaftlicher Hand zu monopolisieren. Wir haben der Pharmabranche freie Fahrt gegeben, unsere Kinder von frühesten Jahren zu Tabletten-Zombies zu machen.

Aus Ärzten wurden Pharma-Sklaven

Wir haben es zugelassen, dass aus Ärzten Pharma-Sklaven wurden, aus Journalisten willige Schreiberlinge, aus Markt-Regulierern Marionetten, aus Politikern eitle und geldgeile Erfüller. Und aus Banken die modernen Räuber – mit einem Unterschied: Sie brauchen keine Waffen in unser Gesicht zu strecken, weil Lobby-gepeinigte Politiker sie gewähren lassen, weil unkontrollierte Notenbanker ihnen mit infamer Geldpolitik zu Lasten aller Sparer den Boden bereiten.

Wir, die BABY BOOMER, haben eine unvergleichliche Performance hingelegt.

Wir haben eine eskalierende Einkommens- und Vermögens-Kluft zugelassen, die laut Stephen King zu dem modernen Äquivalent der Bauernaufstände vor 500 Jahren führen könnten. Die Bauern sind die ausgeraubte junge Generation. Der Adel, der die Bauern damals knebelte, am Boden hielt und martialisch plünderte, sind heute wir, die BABY BOOMER.

Quelle: US-Bureau of Labour Statistics

Schon jetzt müssen immer mehr ältere Menschen arbeiten, um zu überleben. / Quelle: US-Bureau of Labour Statistics

Damals, vor den Bauernprotesten, gab es Pest-Epidemien, die die Bevölkerung Europas dezimierten. In unseren Tagen gibt es eine Finanzkrise nach der anderen, die Ersparnisse, Bankeinlagen und Wertpapier-Bestände dahin rafft.

Damals ging das öffentliche Vermögen für Kriege drauf.  Heute für alle nur denkbaren öffentlichen und Banken-Exzesse, die man sich vorstellen kann.

Platz in den Geschichtsbüchern sicher

Können wir noch umsteuern ? Theoretisch ja. Aber selbst bei voller Schubumkehr könnten wir die Perspektiven der heute 20 und 30jährigen nicht mehr wesentlich verbessern, sie nur vor dem Schlimmsten bewahren.

Unser Platz in den Geschichtsbüchern ist sicher. Das, was einst über uns geschrieben wird, auch.

Wir haben einen immensen gesellschaftlichen Konflikt erzeugt. Dieser wird sich erst noch entladen. Die Tage und Monate werden kommen, wenn uns die jetzt junge Generation zur Rechenschaft zieht.

Es wird bittere Verteilungs-Kämpfe geben. Wenn die Banker ihr Fett abbekommen haben (ja, wenn!), dann wird sich die Wut gegen uns wenden, die BABY BOOMER.

Tod aus Kostengründen

Die Rache der Jungen – und deren Handlungs-Zwang angesichts leerer Kassen – wird so weit gehen, dass wir binnen 10 bis 15 Jahren eine Diskussion bekommen, ab welchem Alter die Geräte auf den Intensiv-Stationen einfach strikt abgestellt werden.

Das Mitleid mit uns wird nicht all zu verbreitet sein. Und wenn dann in Abständen weniger Wochen dauerhaft große Stürme und andere Unwetter über den Planeten hinwegziehen, wird es viele Guantanamos geben: Bevölkert mit Alten, die Zwangsarbeit beim Aufräumen der Unwetterschäden leisten und die vielen Opfer pflegen: Kostenlos, unter Androhungen, bei Butterbrot.

Wir, die BABY BOOMER, haben es weit gebracht.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel