Warum wir den Verlust von Demokratie und Freiheit akzeptieren

Wir unterwerfen uns einer autoritären Informationskultur. Wir lassen uns aushorchen und entmündigen. Die Akzeptanz ständiger Kontrolle gerät still und heimlich ins kollektive Bewusstsein – und führt in die Knechtschaft.

Millionen an Informationen fluten täglich unser Gehirn. Die meisten davon werden bewusst kaum wahrgenommen und nur mit einer Art Überschrift ins Unterbewusstsein verstaut. Wenn eine Information beim Empfänger hängen bleiben soll, muss diese oft genug wiederholt werden. Manchmal reicht nur ein Wort. Durch die Wiederholung dieses Wortes wird dieses Teil unseres Bewusstseins, es wird zur Norm, gehört zum Alltag – ob wir wollen oder nicht.

Sobald ein Wort als Information in unser Bewusstsein gelangt ist, fangen wir an es zu bewerten. Zu dieser Bewertung ziehen wir zum einen unsere unbewusst einsortierten Informationen, zum andern unsere bewusst abgelegten. Meistens reichen diese zur vermeintlich sicheren Bewertung nicht aus, so dass wir die Bewertungen der uns umgebenen Gemeinschaft hinzu ziehen.

Verlinkungen im Gehirn

Wie die Gemeinschaft ein Wort bewertet ist für die meisten Menschen das wichtigste Kriterium. Der Mensch ist nun mal ein Herdentier und nicht gern allein. Auch dies ist eine gelernte Information, die er ständig mit sich herumträgt und eben die Bewertung von Informationen hauptsächlich von der Bewertung seiner Umgebung abhängig macht.

Nun ging der Text mit dem Satz los: „Millionen an Informationen fluten täglich unser Gehirn“. In diesen Millionen an Informationen findet sich neben der einen Information immer auch mehrere verwandte Informationen, die in unserem Gehirn verlinkt ist. Diese verwandten Informationen können den Weg zu der Bewertung einer Information entscheidend beeinflussen. Und jetzt wird es spannend: Auch hierfür nimmt die Gemeinschaft wieder die wichtigste Rolle ein. Steht in dieser Gemeinschaft von den verwandten Information eine besonders im Vordergrund, wird dieser Link zur Norm. Wir legen also den Wert und die Verarbeitung einer Information über die Gemeinschaft fest. Wer ist aber unsere Gemeinschaft?

Wir lassen uns durch ein Programm führen

Die Gemeinschaft, das war einmal die Familie, das Dorf, der Ort. Es war mit Sicherheit eine wichtige Eigenschaft der Menschen, gar für das Überleben wichtig, Informationen bewusst und unterbewusst gemeinsam zu bewerten. Gemeinsam legte man so fest, wann wie gesät und geerntet wird, wo Gefahren lauern und wie man diese begegnen kann, wer das beste Brot backt und wer am besten zimmern kann usw. Die Anzahl der Informationen, die verarbeitet werden mussten, hielt sich in Grenzen, genauso wie die Gemeinschaft begrenzt war – und zwar so weit das Auge reicht.

Ein Sprung aus dem Mittelalter in die Gegenwart würde ein Mitglied einer Dorfgemeinschaft ins Irrenhaus bringen. „Soweit das Auge reicht“ heißt heute weltweit Menschen sehen zu können, die Informationen bewerten und verarbeiten, permanent, ohne Pause – jeden Tag. Der Fernseher macht dies möglich. Der Fernseher verbindet uns mit Menschen in der ganzen Welt und damit auch mit deren Informationen und dessen Verarbeitung. Und weil dies der Fernseher tut und uns dies alles zeigt und „informiert“ wird uns ein Führer zur Seite gestellt, der uns die Möglichkeit gibt, im Vorwege zu selektieren, welche Information wir bekommen wollen.

Der Weg des Führers

TV-Programmzeitschriften hießen früher tatsächlich „Fernsehführer“. Und wenn sich für ein Programm entschieden wurde, so gab und gibt es in der Sendung immer eine Person, die uns durch diese führt. Und wir folgen. Wir verfolgen – meist ohne Widerspruch. Und wenn wir mit der Richtung einmal nicht einverstanden sind, folgen wir einer anderen Person, die uns durch ein neues Programm führt. Von Folge zu Folge.

Scheinbar gestalten wir unser Programm selbst. Die Anzahl an Kanälen und Sendungen ist nahezu unüberschaubar. Wir haben die Wahl. Aber für welches Programm wir uns auch entscheiden, wir lassen uns dennoch immer führen, und zwar immer in die gleiche Richtung. In Richtung einer Gemeinschaft, die von einem Führer vorgegeben bekommt, welche Gedanken, Einschätzungen, und Meinungen der Follower zu haben und wie er sich zu entspannen und unterhalten lassen zu hat.

Der Ort des G-8-Treffens 2013: Lough Earne / Foto: GEOLITICO

Diese Absurdität fällt nur deshalb nicht auf, weil man sich damit in einer Gemeinschaft mit Tausenden von anderen Menschen fühlt, die sich durch das gleiche „Programm“ führen lassen und du mit diesen darüber reden kannst. Obgleich das darüber reden eher ein Austausch mit vielleicht 332 Facebook-Freunden sind, die in Wahrheit aber keine Freunde sind. Es sind eher Leidensgenossen. Alle leiden unter einer Führung, die in eine Richtung geht, die offensichtlich verkehrt ist, irgendwie unpersönlich, nicht echt oder unserer Wirklichkeit, unserem Bauchgefühl nah. Nur da niemand darüber redet, bleibt dies eine Information, die man nicht „shared“, also teilt. Also lassen wir uns einfach weiter durch’s Programm führen und fühlen uns in bester Gesellschaft. Wir lassen uns bedröhnen, zudröhnen, vom Programmführer programmieren.

Vom „Dröhnen“ zum Beispiel „Drohne“

Eine Drohne ist ein unbemanntes Fluggerät, das ferngesteuert per Kamera Informationen über Orte und/oder Personen einsammelt oder auch Personen tötet.

Mit dem Wort „Drohne“ und deren Eigenschaften verfügen wir über Basisinformationen, die nun bewertet werden wollen. Ist das gut? Schlecht? Gibt es Geschichten zu solchen Drohnen? Das sind wichtige Fragen für die weitere Bewertung. Und die Nachrichten geben uns Antworten, nämlich dann, wenn wieder irgendwo auf der Welt mit einer Drohne eine terroristische Person oder Zelle eliminiert werden konnte. Im Zusammenhang mit „Terrorabwehrmaßnahmen“ sind wir geschult, diese nicht zu verurteilen oder gar zu hinterfragen. „Drohne = Schutz vor Terror“ ist erstmal die Information, die den Nachrichten der Gemeinde vermittelt wird.

Einer der ersten Texte auf Denkland hieß „Das Zerbröseln der Wahrnehmung von Gerechtigkeit“ und befasste sich schon damals mit dem Drohnen-Abschuss eines Deutschen, der in der Öffentlichkeit nahezu ignoriert wurde:

“Am 4. Oktober wurden im Nordwesten Pakistans drei mutmaßliche Terroristen bei einem Angriff durch eine amerikanische Drohne getötet. Einer von ihnen soll Deutscher sein. Bislang aber traut sich kein deutscher Staatsanwalt an den Fall heran.” Südddeutsche.de, 25.11.10

Auch hier ging es um das gezielte Töten “mutmaßlicher” Terroristen. Und Beweise gibt es bis heute nicht, bzw. wurden diese wenn vorhanden nicht präsentiert. Die Hinterfragung der Öffentlichkeit, der Presse blieb bis auf den hier genannten Artikel aus.“

Die Wahrnehmung schwindet

Die Gemeinde hat diese Tatsache als Information nur vereinzelt, im Gedröhne der Vielzahl der Informationen aber eigentlich gar nicht mitbekommen. Niemand schrie laut auf, dass hier ohne Beweisführung und ohne Gerichtsprozess ein Mitbürger unserer Gemeinschaft („Unschuldsvermutung“) ermordet wurde. Diese Information bleib also aus. Es blieb bis vor kurzem: „Drohne = Schutz vor Terror“.

Nun kam aber eine weitere Information hinzu: Die Bundeswehr will nun auch Drohnen kaufen bzw. entwickeln. Jetzt könnte man meinen, dass ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit geht. Ein Warum? Einem Warum folgt eine Antwort, die wieder eine Information ist, die dann womöglich dazu geführt hätte, dass die Öffentlichkeit/Gemeinschaft einer Meinung darin ist, dass Deutschland keine Drohnen braucht, es sei denn, die Regierung bräuchte sie für eine eventuelle Demonstrations-/Protest-/Aufstandsbekämpfung.

 Die Gesellschaftspyramide in Ozeanien: Big Brother, Partei und Arbeiterklasse (Proles). / Quelle: Wikipedia/PD

Die Gesellschaftspyramide in Ozeanien: Big Brother, Partei und Arbeiterklasse (Proles). / Quelle: Wikipedia/PD

Aber statt ein „Warum“ folgte nach der Information „Kauf“ die Information „de Maiziere“ und dass dieser 500 Millionen Euro verschwendet habe. Danach folgte die Gemeinschaft der Frage, ob „Rücktritt“ oder nicht. Und dann? Nichts mehr. Auch Verteidigungsminister de Maiziere selbst ist im Zusammenhang mit der Drohnenfrage aus der Wahrnehmung verschwunden. Für die wenigen Hartnäckigen bleibt die Information, dass ein Untersuchungsausschuss bis August ein Ergebnis vorlegen will. Jedoch die wesentliche Frage, ob wir Drohnen brauchen oder nicht, steht nicht zur Debatte.

Zweites Beispiel : Whistleblower Edward Snowden

„Würden Sie diesen Mann verstecken?“ So titelte „DIE ZEIT“ ihre heutige Ausgabe. Die Nachrichten sind voll von der Jagd der US-Amerikaner nach diesem „Helden“. Hollywood live. Die eigentliche Nachricht gerät dabei völlig in den Hintergrund. Die Geheimdienste der USA und Großbritanniens greifen sämtliche elektronische Daten ab, also Ihre – jetzt! Dass Sie diesen Text lesen wird gerade als Information auf einem Server der Geheimdienste gespeichert. Weil: Es könnte ja mal wichtig sein. So jedenfalls die Argumentation.

Machen das die deutschen Dienste auch? Der Bundesnachrichtendienst etwa? Wieso will der jetzt 100 Millionen Euro für ein Telekommunikationsüberwachungsprogramm? Und was war nochmal mit dem Projekt “Echelon“? Fragen über Fragen, die überdröhnt werden von Sekundärinformationen: „Flucht von Edward Snowden: Pizza, Hühnchen, Pepsi“ stellte Spiegel-Online gestern fest.

Die Akzeptanz von „Big Brother is watching you“ gerät so still und heimlich ins kollektive Bewusstsein. Genauso wie die Sonderstellung von Großkapitalisten, die leise Abschaffung unseres Grundgesetztes, der Demokratie und unserer Freiheit. Hauptsache es läuft im Fernsehen und es findet in Gesellschaft statt. Dann haben wir bevor uns umgucken können, nicht nur einen Programmführer im Hause, sondern einen für alle(s) in Berlin. Es sei denn, wir vermeiden schlechte Gesellschaft und schalten das Programm ab – wir als Gemeinschaft!

Weitere Texte von Björn Kügler finden Sie hier.

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Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel