Wer wissen will, wer Merkel ist, sollte ihre Förderer kennen

Wer Angela Merkel durchschauen will, muss die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellen. Wie viel Glaubwürdigkeit lassen Konformismus, Relativismus und Opportunismus zu?Und was bedeutet das für jene, die von ihr regiert werden?

 

Wer eine Biografie schreibt, ist auf der Suche nach einem Menschen, nach seinem Charakter und letztlich nach seiner Identität. Dabei sind die ersten Lebensjahre, die Jugend und das Erwachsenwerden von entscheidender Bedeutung. Diese Zeit prägt den Menschen für sein ganzes weiteres Leben. Weil mein Kollege Ralf Georg Reuth und ich eine Biografie über Angela Merkel schreiben wollten, haben wir uns also auf die Suche nach ihrem ersten Leben gemacht. Denn bei Angela Merkel gibt es diese Unterteilung: Es gibt das Leben in der DDR und das Leben nach der deutschen Einheit. Angela Merkel selbst sagt, dass über die ersten 35 Jahre ihres Lebens wenig bekannt sei. Und weil das tatsächlich so ist, haben wir uns voll und ganz auf diese ersten 35 Lebensjahre konzentriert.

Bald schon merkten wir, dass es ein Buch über Glaubwürdigkeit werden würde. Es taten sich nämlich immer mehr Widersprüche auf zwischen dem Wenigen, was Angela Merkel über ihr erstes Leben verrät und ihrem tatsächlichen Handeln. Und wir fragten uns: Können wir Angela Merkel glauben, wenn sie sagt, dass die DDR ihr nie eine Heimat war, dass sie nichts, aber auch rein gar nichts mit diesem Land verband? Dass sie das System sogar ablehnte, ihm also kritisch gegenüberstand? All das hat Angela Merkel in den vergangen Jahren in zahlreichen Interviews behauptet.

Lauter Widersprüche

Als Angela Merkel eingeschult wurde, gingen etwa 50 Prozent eines Jahrgangs zu den Jungen Pionieren. Das war eine nach sowjetischem Vorbild eingerichtete Jugendorganisation der sozialistischen Einheitspartei SED, in der die Kinder auf die Freundschaft zur Sowjetunion eingeschworen wurden und den Westen als Klassenfeind kennenlernten. Kinder aus kirchlichen Elternhäusern schlossen sich den Pionieren gemeinhin nicht an.

Bei Angela Merkel war das anders. Obwohl sie aus einem kirchlichen Elternhaus stammt ­ – ihr Vater war Pfarrer und später sogar Leiter eines Pastoralkollegs –, ging sie zu den Pionieren und als Jugendliche zur Freien Deutschen Jugend (FDJ). Darin übernahm sie Leitungsfunktionen und führte politische Anweisungen widerspruchslos aus, wie uns ihr Klassenlehrer sagte. Auch an der Universität und später an der Akademie der Wissenschaften, wo sie als Physikerin arbeitet, war sie FDJ-Propagandistin.

Macht das jemand, der dem System kritisch gegenübersteht?

Diejenigen, die dem System wirklich kritisch gegenüberstanden, haben das nicht getan. Sie verweigerten sich den Zwängen – und mussten die damit verbundenen Repressionen ertragen. Ihr Schulfreund Matthias Rau etwa, der auch aus einem kirchlichen Elternhaus stammt, hat dies erlebt. Er ging weder zu den Pionieren noch in die FDJ; in der Schule kritisierte er die gesellschaftlichen Verhältnisse.  Matthias Rau, der ein ebenso guter Schüler war wie Angela Merkel, wollte Arzt werden. Aber er durfte nicht studieren. Auch den Kindern von Bundespräsident Joachim Gauck, der in der DDR Pfarrer in Rostock war, blieb eine akademische Karriere wie jene von Angela Merkel verwehrt.

Eine „real-existierende Schizophrenie“?

In verschiedenen Interviews behauptet Angela Merkel, sie habe zu Beginn der 1980er Jahre die Politik des Westens begrüßt. Es war die Zeit des Wettrüstens, der damalige US-Präsident Ronald Reagan trieb den Rüstungswettlauf sogar noch mit einem Weltraumprogramm voran. Uns stellte sich also die Frage: Kann ich zum einen FDJ-Beauftragte für Agitation und Propaganda sein und gleichzeitig mit der Politik des Westens sympathisieren? Schließlich fürchteten die Menschen in der DDR die atomare Bedrohung durch die vielen am Eisernen Vorhang stationierten Atomwaffen ebenso wie die Friedensbewegungen im Westen. Ein Moderator des ostdeutschen Senders MDR  sagte mir dieser Tage dazu, Merkels Aussage, als FDJ-Sekretärin die Rüstungspolitik des Westen begrüßt zu haben, sei halt „real-existierende Schizophrenie“ gewesen.

Im Widerspruch zu ihrer Selbstdarstellung als Außenseiterin steht ihre West-Reise im Jahr 1986. In den Westen durften nur absolut system-loyale Wissenschaftler reisen. Diese Leute waren handverlesen, sie gehörten dem so genannten Reisekader an. Wenn ein Reisekader sich auf den Weg in den Westen machte, bekam er klare Ansagen mit auf den Weg. Im Buch haben wir so einen Aufgabenkatalog dargestellt, den ein enger Mitarbeiter von Angela Merkel erhielt, der IM der Stasi war. Nach ihrer Rückkehr aus dem Ausland mussten die Wissenschaftler dann berichten. Es muss also wohl wieder die von dem MDR-Moderator erwähnte „real-existierende Schizophrenie“ sein, die einen Menschen dazu bringt, sich selbst als systemkritisch zu betrachten, währen das System offenbar ein Höchstmaß an Loyalität erkennt.

Lothar de Maizière fragt Gysi um Rat

Eigenartig fanden wir auch, wer schließlich in der Wendephase Angela Merkels Aufstieg in die Politik förderte. Da war zum einen Wolfgang Schnur, ein Mann, der jahrzehntelang als inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi arbeitete. Günther Krause gehörte zu diesen Förderern, den die SED-Oberen zum Reisekader zugelassen hatten und der den Spitzeln bei einer Reihe von Treffen „bedeutetende Informationen“ geliefert haben soll.

Und natürlich war da Lothar de Maizère, dessen Vater mit Angela Merkels Vater bekannt und der beim Geheimdienst als IM Czerny registriert war. Und dieser CDU-Politiker de Maizère wiederum stand der Gruppe um den früheren Moskau treuen und KGB-nahen Geheimdienstchef Markus Wolff und Gregor Gysi nahe. De Maizière trat zwar an der Seite von  Heltmut Kohl auf, aber politischen Rat holte er sich bei Gysi. Das offenbart ein Dokument, das unbedingt geheim bleiben sollte und nur auf dem Klageweg herausgerückt wurde. Letztlich  stellten wir uns die Frage, wem solche Leute, von denen Angela Merkel umgeben war, wohl zum politischen Aufstieg verhelfen würden.

Drei Begebenheiten

Wer ist also diese Angela Merkel, die bislang so ungern über die ersten 35 Jahre ihres Lebens spricht? Wie glaubwürdig ist das Wenige, das sie erzählt? Beim Schreiben sind mir drei Begebenheiten besonders aufgefallen, die deutlicher als alle Worte etwas über den Menschen Angela Merkel erzählen:

Wenn sie als Schülerin nach dem Beruf ihres Vaters gefragt wurde, sagte sie lieber Fahrer statt Pfarrer, um unangenehme Nachfragen zu vermeiden. Als sie 1968 nach den Sommerferien in der Tschechoslowakei vom Lehrer nach ihrem Ferienerlebnissen gefragt wurde, wollte sie zunächst davon erzählen, was sie im Zusammenhang mit den Ereignissen des Prager Frühlings erlebt hatte, wich aber dann auf ein anderes Thema aus, als sie die finstere Mine des Lehrers sah. Und zu guter Letzt stand sie in der Wendezeit einmal vor CDU-Anhängern und suchte nach Worten, mit denen sie über die FDJ sprechen könnte.  Die sahen sie aber nur verständnislos an, also wechselte Angela Merkel das Thema.

Was sagt uns das? Immer dann, wenn es brenzlig wird, weicht sie aus. In entscheidenden Situationen steht Angela Merkel nicht zu sich. Und darum geht es in diesem Buch „Das erste Leben der Angela M.“ Es ist ein Buch über Identität und Glaubwürdigkeit.

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel