Vor allem Union und SPD verlieren Wähler an die AfD

Die Alternative für Deutschland spricht in erster Linie bürgerlichers Publikum an. Das bestätigen jetzt mehrere Umfragen. Aber auch Anhänger von FDP und Linken sympathiesieren mit der neuen Partei.

 

Nach dem Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland (Afd) in Berlin wächst das Interesse am Wahlpotenzial der neuen Gruppierung. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag der BILD-Zeitung sieht die AfD bei drei Prozent, wenn am Sonntag bereits gewählt würde. Zu diesem Ergebnis kommt nun auch eine Umfrage der Meinungsforscher von YouGov. Allerdings sei die Sympathie für die neue Partei weitaus größer. Insgesamt könnten sich 27 Prozent der Wahlberechtigten vorstellen, für die neue Partei zu stimmen, ermittelte das Institut. Bereits vor einigen Wochen kam eine Studie von Infratest Dimap im Auftrag der „Welt am Sonntag“zu dem Ergebnis, 24 Prozent könnten sich vorstellen, die Alternative zu wählen.

Nun ist YouGov ist im Auftrag von „Zeit Online“ der Frage nachgegangen, aus welchen politischen Milieus die potentiellen AfD-Anhänger stammen. Demnach sympathisieren vor allem Unions- und SPD-Wähler mit der neuen Partei. Sie bilden folglich das größte Wählerpotenzial der AfD. Jeweils 18 Prozent der bisherigen SPD- und Unions-Wähler seien offen für die Neugründung.

„Populistische Positionen“

Noch stärker als Union und SPD aber könnten die kleinen Parteien unter der AfD leiden. Denn bei ihrer Wählerschaft ist der Anteil derer, die mit der neuen Gruppierung sympathisieren, prozentual größer. Von denjenigen, die bei der Bundestagswahl 2009 noch für die Linke gestimmt hatten, sympathisieren demnach 35 Prozent mit der AfD. Von den bisherigen FDP-Wählern sieht YouGov heute 33 Prozent bei der Alternative für Deutschland. In absoluten Zahlen aber wären die Zustimmung aus den Reihen Unions- und SPD-Wählern für die AfD wesentlich höher, weil 2009 zwei von drei Erststimmen auf CDU, CSU oder SPD entfielen. Unter den Grünen-Wählern fand YouGov lediglich 16 Prozent, die mit der Alternative für Deutschland sympathisieren.

Entsprechend reserviert reagieren Politiker von SPD und Union auf Fragen nach der AfD. „Ich halte die Partei für überflüssig und ihre Politik für falsch“, sagt etwa der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. Eine Partei mit populistischen Positionen werde „überall dort Erfolg haben, wo Leute für populistische Positionen empfänglich sind“.

Oppermann kündigte an, die SPD-Fraktion werde am Donnerstag im Bundestag dem Zehn-Milliarden-Paket für Zypern zustimmen. Die AfD kritisiert das Hilfspaket. In einem offenen Brief an alle Bundestagsabgeordneten rief sie dazu auf, das Hilfspaket abzulehnen. Der Kredit verstoße gegen elementare Regeln des Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM. Der ESM dürfe in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Euroländern nur dann helfen, wenn deren Zahlungsunfähigkeit die Finanzstabilität des gesamten Euroraums bedrohe. „Davon kann im Falle Zyperns gar keine Rede sein“, so die AfD.

Nationalismus

Im Rahmen ihrer AfD-Analyse stellen die YouGov-Demoskopen auch die Frage nach der Meinungsfreiheit. Heraus kam, dass AfD-Sympathisanten besonders oft den Eindruck hätten, in Deutschland könne nicht alles gesagt werden. Während die Deutschen zu 33 Prozent die Meinungsfreiheit eingeschränkt sähen, liege dieser Wert unter den AfD-Sympathisanten bei 48 Prozent, so YouGov.

Gegen die zentrale Forderung der AfD nach einem Ausstieg aus dem Euro wird nun auch die Kritik aus dem Lager der Ökonomen lauter. Wenn die Euro-Zone zerbreche, dann würden Zentrifugalkräfte in Europa größer, sagte der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI),  Thomas Straubhaar. Eine Renationalisierung würde Europa um Jahre zurückwerfen. Wirtschaftlich gesehen sei der Euro für den deutschen Außenhandel von immenser Bedeutung. Realität sei heute eine Weltwirtschaftslehre, sagte Straubhaar mit einem Seitenhieb auf den Volkswirtschaftler und AfD-Parteichef Bernd Lucke, der für eine „geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ eintritt.

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel