Der Anti-Kapitalist Papst Franziskus und die Systemfrage

Die Welt des Franziskus: Die Christen haben einen korrupten Vatikan. Die Ressourcen sind erschöpft. Der Planet ächzt. Doch der Weg nach vorne braucht zuerst einmal das Eingeständnis: Dass es so nicht weitergeht.

 

Die Katholiken mit dem ersten nicht-europäischen Papst aus Südamerika, wohin sich das globale Gewicht der Katholiken verschoben hat. Eines ist jetzt schon sicher: Nicht nur die katholischen Institutionen in den USA, die mit über einer Million Menschen mehr Mitarbeiter beschäftigen als General Electric, die Post oder McDonald´s, werden erleichtert sein, dass sie mit Franziskus I jetzt wieder ein Oberhaupt haben.

Samsung mit dem Galaxy S4 sucht auch: Nach der Vorherrschaft in den USA und auf dem Weltmarkt. Deshalb greifen die Südkoreaner mit dem Launch des Galaxy S4 in New York Apple ganz frech in dessen eigener Arena an. Das neue Smartphone wird in New York in der Radio City Hall vorgestellt, nur wenige Blocks vom führenden Apple-Laden in der Finanzmetropole entfernt.

Auch die traditionellen Einzelhändler in den USA und Europa, wo Kunden mit ihren Smartphones und Tablets nur noch zum “Showrooming” in die herkömmlichen Lädern gehen, dann aber Online kaufen, suchen neue Horizonte. Sie finden sie – im Internet. Das e-Commerce-Geschäft in den USA soll bis 2017 jedes Jahr um mindestens 10 Prozent wachsen und dann 370 Milliarden Dollar Verkaufsvolumen erreichen.

Das System neu arrangieren

Sie alle suchen: Die Fed nach größeren Effekten für ihre Geldpolitik, die Kanzlerin nach einer Mehrheit, die Griechen nach mehr Krediten, die Italiener nach mehr glaubwürdigen Politikern, die Kanadier nach mehr Abnehmern für ihre Ölsande, die europäischen Autobosse nach mehr Schwellenmarkt-Kunden, die in die Mittelschicht aufrücken.

Und alle müssen sie dabei ihre Welt, ihr “System”, neu arrangieren. Die Christen haben einen korrupten Vatikan. Die Einzelhändler müssen sich neu erfinden. Die Kanzlerin muss ihre Europa-Politik grundlegend überdenken. Die Kanadier stehen vor der Wahl, ob sie ihre Ureinwohner ein zweites Mal plattwalzen, diesmal mit Raffinerien und Pipelines von Alberta bis zum Pazifik.

Doch die Welt ist an einem Scheidepunkt angekommen. Wie sie weiterkommt, hängt nicht mehr von Wachstum ab, auch nicht von der Neu-Verteilung von Märkten und Sphären. Erstmals in der Menschheits-Geschichte können wir unserem Leben mehr Qualität geben, wenn wir nach weniger streben.

Die Ressourcen sind erschöpft. Der Planet ächzt. – Doch der Weg nach vorne braucht zuerst einmal das Eingeständnis, dass es so nicht weitergeht. Dann brauchen wir neue Institutionen. Sie müssen wieder mehr den Willen der Menschen wiederspiegeln – und die Grenzen, an denen wir angekommen sind, in Betracht ziehen.

Katholiken handeln demokratisch

Die katholische Kirche, so korrupt ihr Zentrum der Macht ist, hat am Mittwoch mit der Papst-Wahl ein wichtiges Beispiel gegeben. Sie hat das getan, was weder der IWF, noch der US-Senat noch die Volksparteien in Deutschland derzeit hinbekommen: Die Katholiken haben einen Papst aus der repräsentativsten Region ihrer Welt gewählt, sie haben demokratisch gehandelt, die Basis abgebildet.

In Lateinamerika leben 200 Millionen mehr Katholiken als in ganz Europa. Aber die Hälfte der Kardinäle, die den Papst wählten, kam aus Europa. Dennoch bildet die Kirche jetzt mit diesem Papst aus Argentinien glaubwürdiger ihre Basis ab als mit einem europäischen Oberhaupt. Und es wurde schnell gehandelt, denn für uns alle drängt die Zeit.

Das haben deutsche Politiker beispielsweise noch nicht verstanden. Auch die Elite in Washington verspielt auf fatale Weise wichtige Zeit. Von den Notenbanken und den Regulierern der Finanzmärkte ganz zu schweigen.

Und noch etwas hat die katholische Kirche gestern gut vorgeführt: Sie hat einen Mann mit Gewissen an die Spitze gesetzt, einen, der allergisch gegen soziale Verwerfungen und extreme Ungleichheit ist. In Argentinien hat Franziskus damit schon für ziemliche Unruhe gesorgt. Hoffentlich auch bald anderswo.

Er darf sich als Papst mit Kritik an der weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit viel erlauben. Er ist das einzige wichtige Oberhaupt einer bedeutsamen Institution auf diesem Planeten, das niemandem hier unten hierarchisch verantwortlich ist und von keinem Irdischen entlassen werden kann, wenn es unbequem wird.

Und das muss der neue Papst, schnell und vernehmbar. Umso besser, wenn andere nachziehen ….

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel