Für die SPD soll Steinbrück jetzt den Lafontaine mimen

Die SPD muss sich erklären! Wie kann sie  mit einem Liebling der Banker und dem Programm der Linken in den Wahlkampf ziehen? Und warum empfiehlt sie dem arglosen Wähler einen Kandidaten, dem sie selbst abgrundtief misstraut?

 

In der SPD-Parteizentrale hat Generalsekretärin Andrea Nahles die Regie des Bundestagswahlkampfes übernommen. Oder anders ausgedrückt, die Partei hat ihren Kandidaten Peer Steinbrück entmündigt. Ihrer Ansicht nach sind er und seine Mitstreiter nicht mehr in der Lage, den Wahlkampf eigenständig zu organisieren. Steinbrück ist als Wahlkämpfer nach Lage der Dinge nicht mehr geschäftsfähig.

Die Partei hat ihm ein Programm aufgezwungen, mit dessen Inhalten ihn rein gar nichts verbindet. Denn die SPD will den von ihr und Steinbrück selbst entfesselten Finanzkapitalismus wieder bändigen, sie will endlich wieder Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung und ein gerechtes Steuersystem schaffen. Die SPD begräbt ihre Agenda 2010 und  ist stattdessen wieder für  soziale Vorsorge und bezahlbare Wohnungen. Genau genommen will die SPD wie die Linke werden. Und der Banken-Liebling Steinbrück soll den Lafontaine mimen.

Nie zuvor ist einer so tief gefallen, noch bevor die heiße Phase des Wahlkampfs überhaupt begonnen hat. Aber er selbst trägt dafür die Verantwortung.

Als die Genossen ihn zum Kanzlerkandidat kürten, ließ er sich gerne feiern,  dankte es ihnen jedoch keineswegs, sondern zog recht ungestüm ins Willy-Brandt-Haus ein. Er schob die kleinen Angestellten der Sozialdemokratie beiseite und platzierte an ihre Stelle eine illustre Truppe von Öffentlichkeits-Strategen.

Fürs Online-Geschäft brachte er Roman Maria Koidl mit, ein Mann aus dem Investment-Business. Koidl galt als Spezialist für den Relaunch von Traditionsmarken.  Steinbrück dachte wohl, auch die alte Dame SPD könne ein „Facelifting“ nicht schaden. Mit Michael Donnermeyer und seinem Intimus Hans-Roland Fäßler holte Steinbrück zwei Männer aus der Gerhard-Schröder-Zeit zurück und verbat sich jede Form der Mitsprache von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Dabei gehört die Wahlkampfplanung zu den ureigensten Aufgaben einer Generalsekretärin.

Aber Nahles mochte er noch nie, und dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel sah er sich nicht nur an Körpergröße überlegen. Niemand, so schien es, konnte ihn jetzt noch aufhalten. Die Medien liebkosten ihn, und die SPD-Spitze fügte sich den Wünschen Kandidaten.

Zwischenzeitlich werden sich einige nicht nur in der Parteizentrale gefragt haben, warum die SPD so einen überhaupt zu ihrem Kandidaten gemacht hat. Vielleicht, weil sie einen Hang zu Aufschneidern hat, die gern breitbeinig dastehen und den Leuten die Welt erklären. Helmut Schmidt war so einer, Gerhard Schröder auch. Und jedes Mal, wenn die Partei sich so einem an den Hals warf, geriet die Ehe zum Desaster, zum erbitterten Rosenkrieg. Jedes Mal hat es sie fast zerrissen, weil sie selbst doch immer so ganz anders war, zart besaitet nämlich, voller Bedenken, diskussionsfreudig und, wenn es hart auf hart kam, schlug ihr Herz immer noch links.

Peer Steinbrück / Quelle: Wikipedia/ http://www.dts-nachrichtenagentur.de/nachrichtenbilder

Peer Steinbrück / Quelle: Wikipedia/ http://www.dts-nachrichtenagentur.de/nachrichtenbilder

Steinbrück ist ebenso wenig ein Linker wie Helmut Schmidt oder Schröder. Sparkassen-Direktor wäre er gern geworden, das Geld ist seine Welt. Um die Arbeiterwohlfahrt sollen sich andere kümmern. All das sahen die Sozialdemokaten ihm nach, weil kein anderer ihrer Protagonisten die Zuschauer in Talkshows so oft zum Lachen brachte wie er – auch wenn dies immer nur auf Kosten anderer geschah. Sie mochten seine Scharfzüngigkeit und haben sie dann leider wohl mit  Intelligenz verwechselt.

Aber es ist nicht intelligent, als Kanzlerkandidat über das angeblich zu niedrige Kanzlergehalt zu lamentieren, während alle Welt den Kopf über seine Vortrags-Honorare schüttelt. Es ist nicht intelligent, der Schweiz wegen der deutschen Steuerflüchtlinge „mit der Peitsche“ zu drohen. Und es zeugt ebenso wenig von Intelligenz, Politiker anderer Länder als Clowns zu bezeichnen, um sie der Lächerlichkeit preis zu geben.

Solche Sätze gehörten „zum Paket Steinbrück“, versucht das Willy-Brandt-Haus zu beschwichtigen. Und in der CDU verbreiten die ersten, Steinbrücks Fehltritte seien Teil einer ausgeklügelten Strategie. „Der sagt, was andere denken und provoziert damit bewusst“, heißt es in der Union. Steinbrück sei der neue Sarrazin.

Das ist natürlich Unsinn. Wer so etwas verbreitet, überschätzt den SPD-Kandidaten noch mehr als er sich selbst überschätzt, dessen Auftreten und Äußerungen von einer fast schon krankhaften Hybris zeugen. Wirklich große Politiker können sich zurücknehmen, sind bescheiden, wenn es darauf ankommt. Steinbrück aber ist die personifizierte Eitelkeit, einer der sich zu gern reden hört und deshalb nie den Mund halten kann.

Er ist das diametrale Gegenteil von Angela Merkel, deren größte Stärke ihre Uneitelkeit ist. Sie kann sich auf die Sache konzentrieren und zuhören, ohne immerzu ins Rampenlicht zu drängen. Von einem Bundeskanzler dürfen die Bürger das erwarten. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass er  Staatsmänner und Politiker anderer Länder nicht beleidigt, sondern höflich bleibt, egal, mit wem er es zu tun hat. Und sie müssen erwarten können, dass er ein Gespür dafür hat, welchen Schaden ein falsches Wort an falscher Stelle anrichten kann. Steinbrück hat das ganz offensichtlich nicht.

Das unterscheidet ihn im Übrigen von den Clowns, für die er nicht viel übrig zu haben scheint. Ihr Handwerk ist deshalb hohe Kunst, weil es ein tiefes Verständnis für das Wesen des Menschen und die Wirkung von Handlungen und Worten voraussetzt. Der Mensch mit seinen Alltagssorgen und Nöten steht im Zentrum seiner Arbeit, ihn will der Clown erheitern und ihm einen Moment des Glücks schenken. Wo ist der Mensch in Steinbrücks Politik?

Spätestens jetzt, da sie ihn entmündigt und entmachtet hat, da sie ihn mit einem explizit linken Programm dem Gespött der Wirtschaft und Banker aussetzt, muss die SPD sich fragen lassen, warum sie an diesem Kandidaten festhält. Und sie muss erklären, wie sie einen solchen Kandidaten, dem sie selbst abgrundtief misstraut, weiterhin dem arglosen Wähler als künftigen Kanzler und damit mächtigsten Mann Europas empfehlen kann.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel