Wenn Scharfschützen Kinder im Visier haben

Israel fürchtet den Ausbruch einer neuen Intifada in den palästinensischen Gebieten. Die Gewalt esakaliert. Im Ayda Flüchtlingslager in Bethlehem wurde vorgestern auf einen 13 und einen 16 Jährigen Jungen geschossen, schreibt ANNE LACHMANN.

Graffiti auf der palästinensischen Seite der Mauer, die Israel von den Palästinensergebieten trennt.

Graffiti auf der palästinensischen Seite der Mauer, die Israel von den Palästinensergebieten trennt.

Für die anhaltenden Demonstrationen und Ausschreitungen scheint Tränengas die Lösung schlechthin zu sein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man auf dem Weg ins Nachbardorf hier und da die weißen Wolken sieht, die scheinbar aus dem Nichts kommen. Geschossen wird auch, aber die IDF beruhigt die Öffentlichkeit, sie würden nur mit Rubber Bullets (Gummimunition) schießen. Es stellt sich heraus, dass diese nur noch mehr Schaden anrichten, als scharfe Munition.

Aus dem Ayda Flüchtlingslager hört man seit Tagen Explosionen und Schüsse bis spät in die Morgenstunden. Das Lager gibt es seit 1950, die UN hat es damals für 99 Jahre gepachtet. Es war also von Anfang an nicht als temporäre Übergangslösung gedacht. Heute leben dort alle Generationen zusammen, auf engstem Raum. Über dem Eingangstor liegt ein gigantischer Schlüssel – der Hausschlüssel als Symbol des Lagers. Sie halten noch immer fest an den Glauben, zurück nach Hause zu kehren.

Der 13 Jahre alte Hamad wurde mit Plastikmunition beschossen, die in seinem Körper explodierte und fast alle Organe beschädigte.

Der 13 Jahre alte Hamad wurde mit Plastikmunition beschossen, die in seinem Körper explodierte und fast alle Organe beschädigte.

Seit dem Bau der Mauer hat sich die Situation im Ayda Flüchtlingslager verschärft. Die Mauer führt direkt am Lager entlang, mit 2 großen Wachtürmen. Kleine Löcher in der 8 m hohen Mauer wirken ein bisschen wie Fenster für die Soldaten – genau da positionieren sich die Scharfschützen.

Während einer der fast täglichen Demonstrationen warfen Jugendliche vorgestern erneut Steine in Richtung Mauer und Wachturm (mit einem Abstand von mindestens 200 m, aus Angst vor Tränengas. Kaum ein Stein trifft tatsächlich die Mauer). Gegen 2 Uhr morgens stand der 13 Jährige Hamad mit seinen Freunden im Eingang einer Einfahrt und schaute sich das Schauspiel an. Die Einfahrt mit dem Metalltor schien ihnen sicher genug. Hamad tritt kurz vor das Tor und sackt geräuschlos zusammen.

Gegen halb drei war Hamad im OP, das Krankenhaus ist direkt neben dem Flüchtlingslager. Als die Ärzte die Schusswunde zu behandeln begannen, waren sie ratlos. Die Kugel traf seitlich in den Bauch ein, aber der Schaden im Inneren zeigt, dass die Kugel anstelle von Gummi, Plastik um sich trug, welches sich so stark ausbreitete, dass fast alle Organe beschädigt wurden. Die Ärzte konnten die Kugel noch nicht entfernen, sie steckt neben der Wirbelsäule im unteren Nackenbereich fest. Die Chirurgin erklärt, dass diese Art von Munition neu sei und besonders viel Schaden anrichtet. Doch Hamad ist am Leben und soweit ist sein Zustand stabil.

Eine Straße in Bethlehem.

Eine Straße in Bethlehem.

Ein anderer Junge hatte weniger Glück – inwiefern man hier von Glück sprechen kann. Der 16 Jährige wurde auf der Hauptstraße neben dem Flüchtlingslager angeschossen und am Kopf getroffen. Die Wunde soll nach Angaben der Ärzte ein bisschen größer als 2 cm gewesen sein. In Bethlehem sind die Krankenhäuser für solch eine Verletzung nicht ausreichend ausgestattet und somit wurde der Junge sofort nach Jerusalem gebracht.

Mit offener Kopfwunde und Blaulicht muss man aber trotzdem erst mal durch den Checkpoint 300 – ohne gültige Genehmigung darf man diesen nicht passieren. Auch im medizinischen Notfall muss hier erst einmal alles genausten kontrolliert und Dokumente ausgefüllt werden.

Vom Tatort bis zum Krankenhaus sind es weniger als 8 km. Der Krankenwagen hat eine Stunde bis zum Krankenhaus gebraucht. Der Junge kämpft noch immer mit dem Tod.

Print Friendly, PDF & Email