Die Krise ist nicht vorbei, sie ist chronisch
Die Krise ist nicht vorbei, sie ist chronisch

Die Krise ist nicht vorbei, sie ist chronisch

Den Menschen Europas drohen bittere Jahrzehnte. Die Entwarnungen von Wolfgang Schäuble, deutschen Ökonomen und der Weltbank sind durch nichts begründet.

Manche nennen es Autosuggestion, andere schlicht Selbsttäuschung. Letztlich kommt es auf dasselbe raus. Es handelt sich um eine selbstinduzierte Beeinflussung der Psyche, mit der dem Unterbewusstsein etwas glauben gemacht werden soll, das es nicht gibt. Seit Wochen ist die europäische Schulden- und Finanzkrise aus den Schlagzeilen verschwunden, kein Politiker spricht mehr davon. Sie sind heilfroh, das Thema von der Backe zu haben. Gerade im Wahlkampf lautet die Devise: „Kein Wort darüber, wenn keiner fragt!“

Zum Glück fragt auch keiner, denn so können die Hypnotiseure der Weltbank, des Bundesfinanzministeriums und der Wirtschaftsforschungsinstitute die Menschen langsam aber sich in einen tiefen Schlaf wiegen, aus dem sie dann spätestens nach der Bundestagswahl durch das Gespenst der Krise schaurig geweckt werden.

„Ich glaube, wir haben das Schlimmste hinter uns“, orakelt Finanzminister Wolfgang Schäuble.  „Das Schlimmste scheint vorbei zu sein“, sagen auch die Experten der Weltbank. Die Gefahren seien weitgehend gebannt. Die Märkte hätten wieder deutlich mehr Vertrauen in Europa, weil die Griechen, Spanier und Portugiesen jetzt dramatisch sparen und die Europäische Zentralbank inzwischen zur Not auch Klopapier als Sicherheiten für Milliardenzahlungen an die Banken anerkennt. Wer den Bericht der Weltbank im Original lesen will, hier ist er.

Darin sagen die Propheten der neoliberalen Wirtschaftsreligion für dieses Jahr ein weltweites Wachstum von 2,4 Prozent voraus, also genau 0,1 Prozentpunkt mehr als im vergangenen Jahr. Also, wenn das nicht beruhigend wirkt.

Und wer jetzt immer noch nicht glauben will, dass alles gut wird, der wirft einen Blick in die Glaskugel der Ökonomen vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. „Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft sind so gut wie seit fast drei Jahren nicht mehr“, sagen sie. Ihr ZEW-Konjunkturindex sei im Februar um 16,7 Punkte gestiegen.

Die Wirklichkeit ist leider eine ganz andere. Bei Deutschlands wichtigsten Handelspartner Frankreich wuchs die Wirtschaft schon im dritten und vierten Quartal des vergangen Jahres nicht mehr. Und in diesem Jahr wird sie weiter stagnieren. Bestenfalls wird mit 0,3 Prozent Wachstum gerechnet.

Ob es dazu reicht, ist allerdings fraglich, denn die Rahmenbedingungen sind katastrophal. Der Staat ist hoch verschuldet, die Zahl der Arbeitslosen ist mit mehr als drei Millionen so hoch wie seit 1999 nicht mehr. Die Industrie kränkelt, es fehlt an Innovationen, und nur mit einer Staatsbürgschaft konnte der Autobauer PSA Peugeot Citroën vor dem Schlimmsten bewahrt werden. Trotzdem muss er noch 8.000 Leute entlassen. Folglich dürften auch die deutschen Exporte nach Frankreich in diesem Jahr also eher abnehmen.

Mindestens genauso schlimm steht es um Italien. Gemessen am Wachstum des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf der Bevölkerung rangiert das Land auf Platz 169 von 179 Staaten, ermittelte der „Economist“. Damit liegt Italien noch hinter Ländern wie Haiti, Eritrea und Zimbabwe.

Auch in Italien bricht die Industrie als Stütze der Volkswirtschaft weg. Ihr mangelt es ebenfalls an Innovationskraft, die Strukturen sind verkrustet. Die Gesellschaft ist sozial tief gespalten. Für die Jungen gibt es kaum Verdienstmöglichkeiten, viele sind nicht mehr sozialversichert, eine Aussicht auf Rente haben sie schon gar nicht.

Und politisch hat Italien vollends abgewirtschaftet. Die demokratisch nicht legitimierte Regierung Mario Montis besitzt keinen Rückhaltung bei den Menschen, weil sie als verlängerter Arm der Wall Street durchschaut wurde. Und Bunga-Bunga-Berlusconi führt sie in den Mafia-Staat.

Da auch die britische Volkswirtschaft und die US-amerikanische weiterhin am Boden liegen und sogar die Chinesen gegen den Abstieg kämpfen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Krise alles andere als überwunden ist. Sie ist vielmehr von der akuten in die chronische Phase eingetreten. Den Menschen Europas drohen bittere Jahrzehnte.

Und wer nicht weiß, wie er die bewältigen soll und obendrein zu feige ist, dies offen zu bekennen, dem bleibt nur das Mittel der Selbsttäuschung.

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel