Tod des Zeitungskartells der Posten- und Pfründewirtschaft

Fast 100 Jahre lang besaßen Zeitungs-Clans eine Lizenz zum Gelddrucken. Dummdreist und korrupt haben sie ihre Geschäft ruiniert. Jetzt  schreien sie nach der  "Regulierung" des Internets, um die Konkurrenten Google &  Co. zu verteufeln, schreibt mit TIMM ESSER ein alter Zeitungsmann als Gastkommentar für GEOLITICO.

Hand aufs Herz, werte Pressekollegen der alten Schule,

die Frage „Heute sterben die Zeitungen. Warum nur?“ ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten.

Die Zeiten, als Zeitungen noch der Aufklärung dienten und die Autoren mehr im Knast sassen als in den Redaktionen, hat niemand von uns mehr erlebt. Die literarische „Neue Zürcher“ vom vorletzten Jahrhundert oder der „Simplicissimus“ aus dem Mittelalter preussischer Pickelhauben sind längst Forschungsobjekte der Kulturgeschichte.

Machen wir uns nichts vor. Seitdem waren Zeitungen und artverwandte Druckerzeugnisse inklusive TV nur noch eines: Anzeigenblätter. Und heute, obendrein, ein anachronistischer Exzess; ein Meinungskartell der Posten- und Pfründe-Wirtschaft. Kurz: Medienkartell. Zu allem Überfluss dummdreist und korrupt.

Das sogenannte Zeitungssterben war längst überfällig. In anderen alten Wirtschaftssektoren sind schon Monopolisten ganz anderen Kalibers „gestorben“; wahre Industriegiganten. Ein Naturgesetz der realen Wirtschaft, mehr nicht.

Wem das zu polemisch klingt, der seziere in aller Gelassenheit das ehemals wirtschaftliche (!) Filetstück der Presse: Die Lokalzeitungen.

Zeitungen / Quelle: Wikipedia, Daniel R. Blume from Orange County, California, USA

Zeitungen / Quelle: Wikipedia, Daniel R. Blume from Orange County, California, USA

Fast 100 Jahre lang besaßen Familiensippen und Erbengenerationen eine Lizenz zum Gelddrucken. In den Großstädten wie in der tiefsten Provinz. Mittels Verdrängungswettbewerb und strategischem Plattmachen haben einige davon ihr Monopol beharrlich ausgedehnt. Das Geschäft war sicherer als der Tod, weil auch die Abos auf der Abnehmerseite weitervererbt wurden. Das waren bis zu 99 Prozent der Auflage. Damit waren die Druckkosten bereits gedeckt, sogar gegen jährliche Vorkasse. Kiloweise Anzeigenseiten waren der fette Profit. Auch die sind jetzt abgewandert. Nichts ins Jenseits, wie die Leser, sondern ins Jenseits der Presse, ins Internet.

Warum sonst wohl „fordert“ die Presse lautstarker als jeder Innenminister eine „Regulierung“ des Internets und lässt keine Gelegenheit aus, die Konkurrenten Google &  Co. zu verteufeln?

Aber auch diese Realität ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist die wahre Ursache des Untergangs: Inhaltliche Qualität und Interessenvertretung der Leserschaft waren immer schon hinderlich fürs Geschäft. Qualität lässt sich nur auf der Kostenseite verbuchen, Leserinteressen schmälern die Einnahmenseite; das lukrative Anzeigengeschäft. Unsere Branche ist ein echtes Paradoxon.

So war es „früher“ und so ist es noch heute. Es kommt erschwerend hinzu, dass die Einnahmenseite inzwischen rücksichtsloser als je zuvor vom typisch deutschen Kartellunwesen bestimmt wird. Neudeutsch „Lobbyismus“, das klingt so schön koffeinfrei nach Wirtschaftsdeutsch und kaschiert das Krebsgeschwür unserer Gesellschaft.

Ein alltäglich zu beobachtendes (zu ertragendes) Beispiel ist die hemmungslos dreiste EU-Propaganda; unisono aus allen Farbdruckerrohen und TV-Röhren. Exakt die gleiche Manipulation („veröffentlichte Meinung“), nur in kleinerer Skala, wird in jedem Regional- und Lokalklüngel praktiziert. Pecunia non olet…? (Geld stinkt nicht…?)

Wer kann sich da ernsthaft wundern, dass der Presse bei derart unverfrorener Publikumsbeschimpfung das Publikum ausstirbt?

Die Lösung für unsere Branche ist so alt wie die Zeitung: Anarchismus statt Anachronismus.
Aber wer sägt sich schon den Ast ab, auf dem er sitzt? 😉

 

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag wurde ursprünglich als Kommentar zu dem Artikel „Was Zeitungssterben mit der SPD und der Demokratie zu tun hat“ eingesandt. Wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung haben wir den Kommentar als eigenen Artikel veröffentlicht.

 

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