Über die Vergottung und die Verteufelung des Geldes

Die Verdrängung der Realität ist zum Primat der Politik geworden. So wirtschaftet das politische System des Subventions- und Wohlfahrtstaates schon viel zu lange allein zum Zweck des Machterhalts. Dieses System ist eine Lebenslüge, schreibt HASSO MANSFELD in einem Gastbeitrag für GEOLITICO.


I  Auf dem Theater

Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen gilt als der Autor, der am tiefsten in die Abgründe der bürgerlichen Seele geblickt hat. Ibsen habe Freud vorweggenommen, heißt es. Die Stücke Henrik Ibsens kreisen um Lebenslügen. Jeder Protagonist hat eine, und die großen Konflikte der Ibsenschen Stücke entfalten sich aus der Verdrängungsarbeit, die notwendig ist um die Lebenslüge als solche nicht zu entlarven. Dennoch rät in Ibsens bekanntestem Werk, „die Wildente“, der Arzt Dr. Relling dem Realisten und Aufklärer des Stücks, Gregers, den in einem wahren Lügengespinst lebenden Hjalmar nicht mit seinen Widersprüchen zu konfrontieren.

Der schwache Mensch brauche seine Lebenslüge, sonst gehe er zu Grunde. In einzelnen Bereichen des Privaten mag das eine zutreffende, wenn auch zynische Diagnose eines kranken Verhältnisses zu einer aus den Fugen geratenen Welt zu sein. Doch alles hat seine Grenzen. Wo sich die Lebenslüge verallgemeinert, wo sie das Zusammenleben aller bestimmt, wo gar Begünstiger auftreten, die aus den uneingestandenen und verdrängten Fehlern der Einzelnen ihren Vorteil ziehen, ist Aufklärung des Gebot der Stunde. Und bei näherem Hinblick ist das auch ganz im Sinne Ibsens, der, indem er Hjalmar den Schrecken vor seinem verlogenen Leben ersparen lässt, den Leser und Zuschauer umso schärfer konfrontiert. Und natürlich bleibt auch dem Stück als Ganzen die Katastrophe nicht erspart…

 

II  Geld als Mittel, Geld als Zweck?

Doch genug vom Theater. Die Lebenslüge des modernen Menschen osziliert zwischen zwei Extremen. Dabei dreht sich alles ums Geld. Einerseits handeln die Menschen, als mache das Geld im Grunde ganz alleine den Menschen aus. Andererseits führt man gern die Behauptung im Munde, Geld sei für das Leben des Menschen gänzlich unbedeutend. Mensch sein im Europa des 21. Jahrhundert, das heißt, so scheint es, die Augen vor der Realität zu verschließen und im Geld sein Glück suchen – obwohl das Verhältnis zum Geld gänzlich widersprüchlich ist. Über Geld spricht man nicht, heißt es. Dennoch sprechen wir ständig darüber. Dabei ist Geld im Grunde nichts weiter als ein Mittel zum Zweck. Ein „Zahlungsmittel“ eben. Mit dem Geld, das dem Menschen als Lohn für die Arbeitsleistung gezahlt wird, erhält dieser die Möglichkeit, Waren und Dienstleistungen zu erwerben. Geld ermöglicht so die Bedürfnisbefriedigung.

Das ist die ganze Magie des Geldes. Dabei sollten wir es auch belassen. Stattdessen wird das Geld selbst zum Zweck an sich verklärt. Anscheinend erfolgreiche Vorbilder wollen uns weismachen, dass Reichtum selbst den Wert des Individuums ausmache. So wird das Geld zum Fetisch, dem es unbedingt zu huldigen gilt. Die schnelllebige Zeit tu ich Übriges, in dem sie die meist großen und lohnenden Mühen, die es auf dem Weg zum Erfolg zu überstehen gilt, zu verdrängen hilft. Auch die Verachtung des Geldes, der Hass etwa der Occupy-Aktivisten, die im letzten Jahr viel Furore gemacht haben, auf Banken und Kapital sind nicht mehr als die Kehrseite dieses Geld-Kultes. In beiden Fällen, in der Vergottung wie in der Verteufelung ist Geld Zweck und oberstes Prinzip, beide unterlassen es, auf die ursprüngliche Funktion des Geldes als Mittel zu reflektieren.

Geld als Mittel verstehen, das hieße, in Relationen denken, und sich die Beziehung von Mittel und Zweck bewusst zu machen. So ließe sich ein Verhältnis zu der über Geld vermittelten Welt erlangen. Wo diese Reflektion dagegen ausfällt, schwebt Geld als Götze unvermittelt über allem, losgelöst von Leistungen und Bemühungen der Menschen.

 

III „Es“ sind die Andren

Ein solch beinahe schizophren zu nennendes Verhältnis zum Geld ist heutzutage einem Gros der menschlichen Individuen zu Eigen. Wie nicht zuletzt im Verlauf der derzeitigen Schuldenkrise allzu deutlich wurde, hat dies gesamtgesellschaftlich weitreichende Folgen. Eine schwer zu fassende Melange aus affektierter Ablehnung von allem, was mit dem Erarbeiten und Investieren, sowie dem Vermehren von Geld zu tun hat, einerseits, und einem geradezu trotzigen Beharren auf den eigenen „geldwerten“ Ansprüchen andererseits bestimmen den öffentlichen Diskurs über die Schuldenkrise. Geld, Banken, Spekulanten seien die Wurzel allen Übels, ein gefülltes Sparkonto, günstige Kredite, und das tägliche Auskommen seien ein Menschenrecht. So lässt sich der Tenor wutbürgerlicher Proteste und Kritiken im Angesicht der Krise zusammenfassen.

Da ist es wieder, das Verschließen der Augen vor der Realität. Denn die Gründe der Krise sind ja, wenn auch vereinfacht, gut zu benennen: Es wurde über lange Zeit mehr Geld ausgegeben als eingenommen. Die Kriterien vernünftigen Wirtschaftens wurden aufgeweicht. Das sich genau an diesen Dingen etwas ändern muss, das ist absolut einsichtig.

Jeglicher Veränderung aber steht die zeitgenössische Lebenslüge, nach der sich der Wert des Menschen einerseits im Geld finde, Geld andererseits jedoch etwas sei, über das man nicht spreche, im Weg.

Statt tatsächlich über das Verhältnis zum Geld im Ganzen zu reden, wird die Krise an Popanzen exorziert, in denen reale Missstände mit der eigenen Unzulänglichkeit verschmelzen. Jeder findet sein Feindbild: Der Arbeiter schimpft auf die faulen Griechen, der Kleinbürger lässt seinem Furor gegen das „leicht verdiente“ Geld der Banker und Spekulanten freien Lauf, die politische Klasse und das Beamtentum identifizieren die Arbeitslosen als leistungsunwillige Parasiten, und die sozial schwächer Gestellten identifizieren die Politiker als eben solche.

Dass eine allgemeine Krise Ausdruck eines allgemeinen Bewusstseins sein könnte, also in jeden Einzelnen kultiviert ist, das lässt der Einzelne nicht an sich heran. Ungeheure Verdrängungsleistungen werden aufgebracht, um das eigene Anspruchsdenken, also die Überzeugung, dass mein Geld, mein „Wert“, mir qua Mensch-sein zustehe, aufrecht zu erhalten. Nur die Ansprüche der Anderen jeweils können es sein, die das Fortbestehen des Systems gefährden. Die eigenen Ansprüche, das verlangt unabhängig von jeder Reflektion das eigene Selbstbild, müssen gerechtfertigt sein.
Die Krise  fördert den Selbstwiderspruch eines manisch ums Geld kreisenden Denkens zu Tage, doch die Energie, die es benötigte, diesen Widerspruch zu begreifen und seinen Bann zu brechen, wird stattdessen aufgewandt, um im unmündigen Zustand des Anspruchsdenkens zu verharren und Verantwortung abzuwälzen.

Die Anbetung des Mammon von Evelyn De Morgan / Quelle: Wikipedia

 

IV  Deus Ex Machina? Der Staat tritt auf

In einer Demokratie, in der es für die Herrschenden unerlässlich ist, sich den Zuspruch der bedürftigen Mehrheit zu sichern,  kann ein solch realitätsfernes kollektives Anspruchsdenken nicht ohne Folgen bleiben. Im Zweifelsfall werden stets Zahlungen versprochen, Geld verteilt, Geschenke gemacht werden. Hypotheken auf die Zukunft werden aufgenommen, die eigentlich anzugehenden unangenehmen Probleme werden verschoben. Die Frage, ob das Mittel Geld den idealen Zwecken eigentlich adäquat ist, ja, wie das Mittel überhaupt zu beschaffen ist, stellt sich dann eben nicht, wenn das Geld zum unmittelbaren Zweck wird. Keiner möchte zu kurz kommen, ein jeder hält die Hand auf. Und warum auch nicht. Scheint doch der Staat, analog zu der verbreiteten verzerrten Wahrnehmung dessen, was Geld ist, jederzeit fähig, Geld aus dem Nichts zu erschaffen.

Mit einem Anteil von mehr als einem Drittel des Haushaltsbudgets macht der Posten Arbeit und Soziales einen Großteil der deutschen Haushaltsausgaben aus. Das lässt tief blicken. Doch stehen diesem Posten, der gerne angeführt wird, wenn es daran geht, auf interessierte Weise gegen den Sozialstaat zu hetzen, natürlich auch Rettungspakete für Banken und Staaten, Subventionen nicht rentabler Industriezweige, und ein gut alimentierter Beamtenapparat gegenüber. Die Mentalität, bedingungslos zu fordern, ist allgegenwärtig. Es zählt das erreichte, nicht der Weg. Top-Manager, denen ihre Position und ihr Millionengehalt nicht ausreichen, weil sie im Vergleich mit einem Konkurrenten noch nicht gut genug dastehen, die daraufhin vielleicht unverantwortliche Risiken eingehen und sich und andere leichtfertig ruinieren, sind ihr ebenso verfallen wie der Arbeitslose, der es für eine Selbstverständlichkeit hält das der Staat ihm noch den neuen HD- Flachbildfernseher bezahlt. Echten Selbstwert werden so beide kaum finden.

Nun wäre es wohlfeil, all die Genannten sogleich als Hauptgrund und Verursacher der Krise auszumachen. Doch es wäre ebenso falsch. Die Verdrängung der Realität und die diese begünstigende Politik bedingen sich gegenseitig. Die Verdrängung der Realität, kann man sogar sagen, ist zum Primat der Politik geworden. Das politische System des Subventions- und Wohlfahrtstaates wirtschaftet schon viel zu lange in einer Weise zum Zweck des Machterhalts. Es ist darauf ausgerichtet, die Bedürfnisse nach Sicherheit und Finanzieller Unterstützung zu befriedigen. So ist es müßig, die Frage zu beantworten, ob der Wohlfahrtsstaat den unmündigen Bürger, oder jener den Wohlfahrtsstaat hervorgebracht hat.


V Alles Theater? Katharsis

Das bürgerliches Trauerspiel, das sich vor unsern Augen entfaltet, treibt wie die Stücke Ibsens ins Verhängnis, und die Protagonisten wenden weiterhin all ihre Kräfte zur Verdrängung der Lebenslügen auf. Der Mensch erscheint als Getriebener, dem dabei geholfen werden muss, das falsche Selbstbild zu bewahren, weil er sonst erst recht zerbreche. Es lohnt, aus diesem Zusammenhang herauszutreten, um für einen Moment Zuschauer zu werden. Vor den anderen zu erschrecken, die das Spiel blind weiterspielen, kann ein Schlaglicht auf die eigene Verdrängungsleistung werfen. Müssen wir so sein wie die, deren trauriges Weiterwursteln uns auf der Bühne so plastisch vor Augen gestellt wird? Folgt der Wert des Menschen wirklich aus dem Geld? Oder folgt nicht vielmehr das Geld dem Wert? Muss dem Menschen geholfen werden? Oder sollten wir nicht eher zu uns selbst und zu anderen sagen: „Du kannst etwas aus eigener Kraft“? Kann es erstrebenswert sein, Leben zu bewahren, das um eine Lüge aufgebaut ist? Sicher nicht. Die Protagonisten in diesem Theater sind wir.

Und wir müssen umdenken: Die Kräfte, die darauf aufgewandt werden, die Vergangenheit schönzureden und die Probleme der Gegenwart auf die Zukunft zu verschieben, wären doch weit besser darauf verwandt, den Verhängniszusammenhang zu durchbrechen, mit der Lebenslüge aufzuräumen, um so eine lebbare Zukunft zu gestalten.

Der Autor ist Kommunikationsberater.

 

 

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