Der Krieg und die Sounds von Gaza City

Der Schriftsteller und Friedensaktivist Wasseem El Sarraj schreibt aus Gaza, wie er die jüngsten Bombenangriffe Israels erlebte: "Es gibt kein Entkommen, weder im Haus noch an den Grenzen des Gaza."

Angriff auf Gaza-Citiy / Screenshot eines Videos im Text Angriff auf Gaza-Citiy / Screenshot eines Videos im Text

Wieder einmal fallen Bomben im Nahen Osten. Menschen fürchten um ihr Leben, in Israel ebenso wie in den Palästinensergebieten. Was dort wirklich geschieht, ist aus der Ferne immer schwer einschätzbar. Daran ändern auch die vielen Fernsehberichte wenig. Zuletzt wurde das am Beispiel Syrien mehr als deutlich.

Augenzeugen zeichnen andere Bilder. Sie sind zutiefst subjektiv, sie sind emotional und können gewiss keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Aber sie sind von einer Authentizität, die nur wenige Korrespondentenberichte erreichen.

Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, aus einer Augenzeugenschilderung zu zitieren, die das renommierte US-Magazin „The New Yorker“ unter der Überschrift „The Sounds in Gaza City“ auf seiner Internetseite brachte. Darin berichtet der Schriftsteller und Friedensaktivist Wasseem El Sarraj, wie er die jüngsten Bombenangriffe Israels erlebte.

Wasseem El Sarraj lebt im Remal Gaza, einem wohlhabende Viertel der Stadt. Er war immer froh, nicht in den dicht besiedelten Grenzgebieten leben zu müssen, in denen auch die Hamas ihre Camps unterhält. Er fühlte sich sicher im Remal Gaza. Bis jetzt.

„Die Bombardierung begann am al-Hijriyah (der erste Tag des muslimischen Neujahr)“, schreibt er. Wie fast alle Palästinenser ging er an diesem Tag nicht zur Arbeit und freute sich wegen des Neujahrsfestes auf ein vier Tage langes Wochenende. Doch dann fielen die Bomben.

„Von dem Moment an, als die Bombardierung begann, verfluchte ich das neue Einkaufszentrum, das unser Haus überragt“, schreibt  Wasseem El Sarraj. Der Besitzer des Einkaufzentrums sei als Hamas-Sympathisant bekannt. „Jeden Tag fürchtete ich, dass es ein Bombenziel der Israelis werden könnte.“ Er spekuliert darüber, welche Ziele Israel am Vorabend des Angriffes ausgewählt haben mag. Und er kann nicht verstehen, warum ein Staat gegen „selbstgebaute Raketen“ mit Bomben aus F16-Kampfjets kämpft.

„In den frühen Morgenstunden am Samstag, wurde nur ein paar Minuten von unserem haus entfernt die große Polizeistation Jawazat zerstört. Sie liegt unmittelbar neben meiner Lieblings-Pizzeria“, schreibt er. Darauf folgte eine Waffenpause, die Stunden der Stille mit sich brachte. Er und seine Familie trauten sich nicht auf die Straße.

Sie sprachen darüber, ob es vielleicht einen Waffenstillstand gebe. Ob alles vorbei sei. Dann erschütterten vier heftige Explosionen ihr Haus. Sie erschraken so sehr, dass ihm das Herz stehen zu blieben schien.

Am nächsten Tag erzählte er einem Freund, der einige Blocks weiter wohnt, von der Zerstörung der Polizeistation. „Er sagte, dass er nur darauf warte, dass sie die Abbas-Polizeistation genau gegenüber von seinem Wohnhaus angriffen (…) Um zwei Uhr früh am nächsten Morgen war die Station zerstört“, schreibt Wasseem El Sarraj. „Die Explosion war so stark, dass sie eine schwere Tür aus unserem Haus sprengte, viele Fenster zerstörte und Panik bei uns auslöste. Sofort holte ich die Kinder von den Fenstern weg.“

Über die Angriffe seien sie mittlerweile zu militärischen Experten geworden:

 ”Mit Leichtigkeit unterscheiden wir inzwischen den Ton der Apache, F-16 Raketen, Drohnen und die Fajr-Raketen der Hamas. Wenn israelische Schiffe die Küste beschießen, sind das harte Schläge, die mit einer Sekunde Verzögerung eintreffen. Die F-16 stürzen über uns herein, als würden sie den Himmel aufreißen, ihre Ziel erfassen und dann punktgenau ganze Wohnblocks zerstören. Drohen heißen in Gaza in Gaza, zananas, was soviel bedeutet wie das Summen einer Biene. Sie sind unablässig irritierende Geschöpfe. Sie sind nicht immer die Vorboten der Zerstörung, sondern bleiben omnipräsent wie Gefängniswärter. Fajr-Raketen sind zum Fürchten, weil sie wie eingehende Raketen klingen. Man hört sie nur selten in Gaza-Stadt, weshalb wir sie oftmals mit tief fliegenden F-16 verwechseln. Das alles schafft eine erschreckende Geräuschkulisse, und in der Nacht liegen wir in unsere Betten in der Hoffnung, dass die Bomben nicht auf unsere Häuser fallen (…)Manchmal gehen wir auch von Raum zu Raum und versuchen, uns auf diese Weise in Sicherheit zu fühlen. Die Realität aber ist, dass es kein Entkommen gibt, weder im Haus noch an den Grenzen des Gaza.”

 

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

1 Kommentar zu Der Krieg und die Sounds von Gaza City

  1. Wenn das nicht Terror ist, was dann?

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