Wollen die Deutschen wirklich mehr arbeiten?

3,7 Millionen Erwerbstätige im Alter von 15 bis 74 Jahren wollen mehr arbeiten  als bisher, meldet das Statistische Bundesamt. Aber was sagt diese Zahl wirklich über unsere Arbeitsgesellschaft aus?

Das Statistische Bundesamt (Desatis) hat festgestellt, dass 3,7 Millionen Erwerbstätige im Alter von 15 bis 74 Jahren mehr arbeiten wollen als bisher. Zugleich sagen die Statistiker, eine Million Erwerbstätiger wolle weniger arbeiten als bisher.

Daraufhin sortierte das Statistische Bundesamt die Befragten in zwei Gruppen. Die einen sind demnach die „Unterbeschäftigen“, die anderen die „Überbeschäftigten“. Unterbeschäftigte würden ihre Wochenarbeitszeit demnach gern um durchschnittlich 11,5 Stunden erhöhen, Überbeschäftigte um durchschnittlich 11,7 Stunden reduzieren.

Das Statistische Bundesamt kommt nun zu dem Ergebnis: „Damit wollten unterm Strich deutlich mehr Erwerbstätige länger als kürzer arbeiten.“ Das ist nicht falsch. In einigen Medien wird daraus: „Deutsche wollen eher mehr arbeiten.“ Das wiederum ist Unsinn.

In Deutschland stieg die Zahl der Beschäftigen zu Beginn des Jahres auf über 41 Millionen. Von diesen 41 Millionen wollen laut der Analyse von Destatis 3,7 Millionen, also etwa neun Prozent,  mehr arbeiten. Wer dann pauschal behauptet, Deutsche wollen eher mehr arbeiten, kann entweder nicht mit Zahlen umgehen oder behauptet einfach das Falsche, weil er damit sicherlich mehr Aufmerksamkeit erregt.

So kommen übrigens häufig falsche Meldungen zustande. Um der Aufmerksamkeit Willen, also allein mit dem Ziel, mehr Leser, sprich mehr Klicks und Einschaltquote zu gewinnen, werden Nachrichten pauschalisiert und somit oftmals ohne Not verfälscht. Die Folgen sind verheerend, weil bei den meisten Lesern immer nur die Schlagzeile hängen bleibt.

Um die Meldung des Statistischen Bundesamtes politisch und gesellschaftlich überhaupt richtig einordnen zu können, muss die Frage nach dem Warum beantwortet werden. Leider geht diese Antwort nicht aus der Pressemitteilung der Behörde hervor. Darin heißt es nur:

„Von den insgesamt 3,7 Millionen unterbeschäftigt Erwerbstätigen übten knapp 2 Millionen eine Teilzeit- und immerhin 1,7 Millionen eine Vollzeittätigkeit mit mindestens 32 Wochenstunden aus. Unterbeschäftigte in Teilzeit wollten ihre Wochenarbeitszeit um durchschnittlich 15,5 Stunden erhöhen, Unterbeschäftigte in Vollzeit um 6,9 Stunden.“

Eine Nachfrage beim Statistischen Bundesamt ergab, dass von den zwei Millionen Teilzeitbeschäftigten, 40 Prozent einer geringfügig Beschäftigte sind. Die verbleibenden 60 Prozent Teilzeitbeschäftigten sind demnach Frauen.

Eine geringfügige Beschäftigung liegt dann vor, wenn der Monatslohn regelmäßig 400 Euro nicht überschreitet. Dabei ist es unerheblich, wie lange ein Beschäftigter für diesen Lohn arbeiten muss. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren beständig gestiegen. „Im März 2009 gab es in Deutschland etwa 4,9 Millionen ausschließlich geringfügig Beschäftigte. Hinzu kamen 2,25 Millionen geringfügig Beschäftigte im Nebenjob, zusammen also rund 7,15 Millionen geringfügig Beschäftigte. Im Februar 2012 stieg die Gesamtzahl auf rund 7,45 Millionen“, schreibt Wikipedia.

Frauen in Teilzeit bekommen für die gleiche Tätigkeit weniger Lohn als Frauen, die diese Beschäftigung in Vollzeit ausüben. Teilzeit arbeitende Frauen haben somit ebenso wie geringfügig Beschäftigte ein erhebliches Einkommensproblem.

 

Das ist auch der Grund, warum sie mehr arbeiten wollen. Die Betroffenen leben am Existenzminimum. Das gilt übrigens auch für die vom Statistischen Bundesamt genannten 1,7 Millionen in Vollzeit arbeitenden Männer. Ihr Einkommen reicht kaum aus, die Familie zu ernähren. Das ist die eigentliche Nachricht.[1]

 

 

Anmerkung:

 


[1] Im Übrigen kann davon ausgegangen werden, dass die große Mehrheit aller Minijobber einen Vollzeitjob suchen und folglich länger arbeiten wollen, weil sie ein einträgliches Einkommen erzielen möchten. Außerdem wird deutlich, dass Teilzeit oft nicht der Wunsch der Beschäftigten ist, sondern von Arbeitgebern auch als Mittel zum Lohndumping genutzt wird. Und warum wollen (MÜSSEN) Menschen über 70 in diesem Land überhaupt arbeiten?

 

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel