Armut in Deutschland ist nur eine statistische Irreführung

Statistisch gesehen sind 16 Millionen Deutsche von Armut bedroht. In Europa sind es gar 80 Millionen Menschen. Nun sagen Forscher, diese Statistiken seien eine gefährliche Irreführung. Als armutsgefährdet gilt in Deutschland jemand, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens bezieht.
Im vergangenen Jahr war statistisch gesehen jeder Fünfte in Deutschland von Armut bedroht. Da sind rund 16 Millionen Menschen. So hat es das Statistische Bundesamt dieser Tage gemeldet. „Im Jahr 2011 setzte sich der Indikator wie folgt zusammen: Die Armutsgefährdungsquote lag bei 15,8 %, 5,3 % der Bevölkerung waren von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, und 11,1 % der Personen lebten in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung“, schreibt das Statistische Bundesamt[1].
Eine aktuelle Studie der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung (ÖGPP) kommt zu dem Ergebnis, dass 80,7 Millionen EU-Bürgern akut von Armut bedroht sind[2]. Das entspricht 16,4 Prozent der Einwohner der Europäischen Union.
Im direkten Vergleich kommt die Studie der Österreicher also zu einem anderen Ergebnis als das Statistische Bundesamt. Die ÖGPP sieht in Deutschland lediglich 12,6 Millionen Menschen als armutsgefährdet an, was einer Quote von 15,6 Prozent entspricht. Allerdings habe die diese Quote vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2010 um 5,6 Prozentpunkte zugenommen.
Als Vergleichsgrößen geben die Österreicher etwa Italien an. Dort ermittelten sie knapp 11 Millionen und in Großbritannien 10,5 Millionen von Armut bedrohte Einwohner. Mit 21,3 Prozent der Bevölkerung seien die Letten am stärksten und die Tschechen mit neun Prozent am wenigsten armutsgefährdet.
Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung warnen vor derartigen Statistiken, weil diese in die Irre führten. Deshalb haben sie bereits vor einiger Zeit solche Armutsstatistiken zur „Unstatistik des Monats“ auserkoren.[3] Anlass war der Armutsbericht 2011 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.
Für die Bestimmung der Armut sei die in den Statistiken definierte Armutsgefährdungsquote irrelevant, so das Max-Planck-Institut. Sie messe nämlich nicht die Armut, sondern lediglich die Ungleichheit in einer Gesellschaft.
Sie meinen etwa folgendes: Stuttgart, das bundesweit zu den Städten mit den höchsten Durchschnittseinkommen zählt, kommt für sich betrachtet mit 20,8 Prozent auf die höchste Armutsgefährdungsquote. In Berlin jedoch, wo jeder Fünfte von Hartz-IV lebt, liegt die von den Statistikern berechnete Armutsquote bei nur 15,5 Prozent.
Als armutsgefährdet gilt in Deutschland jemand, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens bezieht. Und wenn das Durchschnittseinkommen steigt, steigt auch die Schwelle des Armutsrisikos.
Sind also diese Statistiken nicht aussagekräftig, überflüssig und gar irreführend? Irreführend allenfalls insofern, dass sie nicht tatsächliche Armut, sondern die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft messen. Überflüssig aber sind sie keineswegs.
Denn wachsende Ungleichheit führt zu wachsenden Spannungen und Instabilität. Sie gefährdet den gesellschaftlichen Frieden. Langfristig führt sie zum Zerfall von Gesellschaften und somit zu bitterster Armut.
[1] Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 369 vom 23.10.2012: Jede/r Fünfte in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen;
https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/10/PD12_369_634.html
[2] Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung (ÖGPP): Armut in der Europäischen Union, Wien im August 2012, Mag. Susanne Halmer BA;
[3] Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Archiv zur „Unstatistik des Monats“:
http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/dossiers/unstatistik-des-monats/archiv-zur-unstatistik





Sehr gute Analyse. Respekt vor der Wahrheit und den Mut sie zu benennen. Nicht der Klingelbeutel der DeuBa an der Spitze der Pyramide sprengt letztlich das Gebäude, sondern der von der aufgebürdeten Last zermalmte Unterbau.
Eine Entwicklung wie zur französischen Revolution ist längst im Gange. Die Entladung dürfte schlagartig und überraschend in der mit Hartz 4 und Brot und Spiele Politik (Profifußball) für die ruhig gestellten BRD GmbH Personale kommen.
Viele Firmen werden sich darüber wundern, hilflos nach dem Staat schreien, den sie systematisch zerstörten und statt zivile Hilfen kommen dann wieder Soldaten ins Land. Wer die Waage nicht ausgleicht hat den Schaden selbst verursacht.
Mensch was hast Du gelernt?
Zu den Artikeln der letzten Tage – mehr habe ich noch nicht gelesen – passt ein Buch von Torsten Mann: “Rote Lügen im grünen Gewand”. Es ist wohl im Kopp-Verlag erschienen, weil sich für diese Themen keine anderen Verlage finden.
In diesem Buch ist das System, das wir gerade erleben, haarklein und in Zusammenhängen beschrieben und das Ziel definiert.
Seit ich das gelesen habe, verstehe ich die Entwicklung besser. Ein Rädchen passt ins andere.
Danke für den kritisch offenen Bericht, Herr Lachmann. Es ist statistisch immer die Frage, von welcher Seite aus man misst…
Über 11% der Personen in Haushalten mit geringer Erwerbsbeteiligung, als Beispiel Berlin mit 20% Hartz4 Einwohnern plus Geringverdiener und Rentner mit weniger als 60% des Durchschnittseinkommens stellen dennoch einen zu hohen Anteil an der Bevölkerung hierzulande dar, vor allem wenn die Zukunftsaussichten reduziert sind.
Allein die krasse Ungleichstellung zwischen >erdienten< Versorgungsbezügen (wie kürzlich öffentlich geäußert) und einbezahlten Rentenansprüchen ist längst nicht gelöst, Pensionen bleiben eben eine steigende Dauerbelastung aller öffentlichen Haushalte.
Hinzu kommt der ausgebildete Nachwuchs in €uropa ohne Beschäftigungschance, sicher das schwierigste Problem.
Die derzeit sprudelnden Steuereinnahmen werden Begehrlichkeiten wecken, die Schuldentilgung bleibt dennoch außen vor. Alle Zuversicht wird immer nur auf die Leistung der Wirtschaft gesetzt, jeder neue (wirklich neue?) Arbeitsplatz hingegen als politischer Erfolg gewertet.
Die wirklichen Hausaufgaben sind m.E. in den kurzen Wahl- (und Gedächtnis-) perioden von vier Jahren nicht mehr unterzubringen, weil vor allem in Demokratien wirkliche Veränderungen viel mehr Zeit benötigen. Ketzerisch gefragt: Ist diese Form der Demokratie noch zeitgemäß?
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