Das Gesundheitswesen ist so reich und doch so armselig wie nie

Die Krankenkassen machen Milliarden-Überschüsse. Und doch mangelt es dem Gesundheitssystem am Nötigsten. Warum? Die  Manager führen Krankenhäuser wie  Maschinenfabriken und Krankenkassen wie Investmenthäuser.

Zunahme multiresistenter Krankheitserregen in deutschen Krankenhäusern / Sereenshot aus der Sendeng Zunahme multiresistenter Krankheitserregen in deutschen Krankenhäusern / Sereenshot aus der Sendeng "Marktcheck" im Text

Im deutschen Gesundheitssystem herrschen katastrophale Zustände. Auf der einen Seite mangelt es am Nötigsten, auf der anderen Seite gibt es Geld im Überfluss. Mit sage und schreibe zwölf Milliarden Euro Überschuss wird der Gesundheitsfonds dieses Jahr abschließen, hat der Schätzerkreis der gesetzlichen Krankenversicherung nach Informationen der FAZ berechnet.

In dieser Summe sind die Rücklagen der gesetzlichen Krankenkassen noch nicht enthalten. Aktuell verfügen sie über Reserven von rund 22 Milliarden Euro.

Aber was macht das Gesundheitswesen aus diesem Reichtum? Spürt der Versicherte etwas davon, dem das Geld schließlich gehört? Bekommen Ärzte und Pfleger ihren gerechten Anteil an den Einnahmen?

Die Antwort auf alle drei Fragen lautet: Nein!

Wer als gesetzlich Versicherter einen Termin beim Arzt will, muss meist zwei bis drei Monate warten. Ist er akut krank und kommt ohne Termin in die Sprechstunde, trifft er erstens auf genervte, weil unterbezahlte und gestresste Arzthelferinnen, sitzt dann zweitens stundenlang in überfüllten Wartezimmern, um drittens schließlich nach einer hektischen Drei-Minuten-Untersuchung von einem schlecht gelaunten Arzt mit einem Rezept in die Apotheke geschickt zu werden.

Allerdings kann er heilfroh sein, wenn er nicht ins Krankenhaus muss. Denn trifft er auf noch schlechter bezahlte und vollkommen überarbeitete Ärzte. Und er trifft auf Pflegekräfte, die oft genug täglich um ihren Job bangen. Die meisten arbeiten eh nur noch mit befristeten Verträgen, meistens in Teilzeit und weit unter Tarif.

Dennoch streichen die Krankenhausleitungen die Stellen zusammen.  Und wenn nachts auf der Intensivstation mehr als ein Patient ein Problem bekommt, muss die einzige diensthabende Schwester in bitterster Gewissensnot darüber entscheiden, wen sie am Leben erhalten will, während sie auf den Arzt wartet, der vielleicht gerade im Operationssaal oder in der Notaufnahme gebraucht wird.

In diesen von den Krankenkassen und nach Gewinn strebenden Eigentümer schlank gesparten Kliniken bleiben nicht nur Krankenakten liegen, sondern in den dunklen Kellerfluren vor den Röntgenräumen oft genug auch Alte und Schwerkranke, die sich nicht mehr selbst artikulieren können und bei denen irgendjemand vergessen hat, ihren Namen und ihre Zimmernummer am Bett zu befestigen.

In diesen Krankenhäusern werden Hunderttausende Patienten nicht gesund, sondern krank, weil die einst hoch gelobte deutsche Hygiene derart zu wünschen übrig lässt, dass sie sich mit resistenten Keimen infizieren.

In diesem Gesundheitssystem gibt es keine Ideale mehr, medizinische Ansprüche und  Menschlichkeit zerbrechen an den menschenverachtenden Vorgaben irrgeleiteter Betriebswirtschaftler, die wohl glauben, selbst aus dem Tod noch Kapital schlagen zu können. Sie führen ein Krankenhaus wie eine Maschinenfabrik und eine Krankenkasse wie ein Investmenthaus. Und sie werden die Letzten sein, die begreifen, dass sie für die armseligen  Zustände verantwortlich sind.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel